Die vergessenen Vorzüge der Kleinstaaterei

Eines der meistzitierten Feindbilder der modernen Globalisierung in all ihren Schattierungen ist der Nationalismus, häufig auch spezifisch als „Nationalismus des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet, um die schicksalsschwangere Tragik dieses Konzepts zu betonen, das unweigerlich in den Katastrophen der Weltkriege des 20. Jahrhunderts mündete.

Innerhalb des Widerstands gegen die Globalisierung gibt es aber nicht wenige, die den Nationalismus verteidigen und diesen Fatalismus als reduktionistisch zu entkräften trachten. Das soll aber heute nicht das Thema sein, außer vielleicht in einem kleinen Hinweis auf zwei überraschende Übereinstimmungen zwischen den vermeintlichen Antagonismen der modernen Globalisierung und des „Nationalismus des 19. Jahrhunderts“.

An erster Stelle steht dabei sicherlich der Mythos des „dunklen Mittelalters“, einer Epoche, über die sich sowohl das 19., als auch das 21. Jahrhundert einig sind, dass in ihr die Kirche die Menschen dumm hielt und Tyrannei und Willkür herrschten. Außerdem war alles – zumindest laut Hollywood – grau, farblos und voller Schlamm. Doch auch dieser Mythos wurde bereits häufig demaskiert, sodass auch hier wenig zusätzliche Worte zu verlieren sind.

Nein, heute soll es um die herablassende Betrachtung so genannter „Kleinstaaterei“ gehen, also jener jahrhundertelangen Epoche vor der Gründung des deutschen Nationalstaats, die damals als sinnbildlich für kleinbürgerliche Kleingeistigkeit, aber vor allem für eine weltpolitisch unerträglich kleine Rolle, angesehen wurde.

Der Begriff der „Kleinstaaterei“ findet seinen Ursprung wenig überraschend bei Aufklärern des frühen 18. Jahrhunderts. Das lose Gebilde des Heiligen Römischen Reichs mit weitgehenden Freiheiten der einzelnen Fürstentümer war den zentralistisch und universalistisch orientierten Aufklärern ein Dorn im Auge. Als das Reich dann im Zuge der napoleonischen Kriege endgültig an sein Ende kam, schien das endgültige Urteil der Geschichte über den Flickenteppich Deutschlands gesprochen. Die Zukunft gehörte dem Nationalstaat, so war man sich sicher, zumindest bis knapp 100 Jahre später der 1. Weltkrieg auch hinter dieses Konzept ein Fragezeichen setzte. Zwar versprach die Globalisierung eine scheinbar simple Lösung für die Problematik konkurrierender Nationalstaaten, ignorierte dabei aber eine Reihe gravierender Probleme, die im selben Atemzug entstehen würden.

Doch war die Zeit des Flickenteppichs und der Kleinstaaterei wirklich solch ein Übel? Man muss nicht in eine übertriebene Glorifizierung dieser Epoche verfallen, um dieses Geschichtsbild zumindest teilweise zu hinterfragen.

Als jede Kleinstadt seinen Künstler hatte

Beginnen wir zunächst mit einem Beispiel aus meinem Spezialgebiet: der Musik. Als Organist war es in meinen Studienjahren natürlich Pflicht, einmal die Heimatstadt des womöglich größten Komponisten aller Zeiten zu besuchen, nämlich Johann Sebastian Bach. Bach aber wurde nicht in einem kulturellen Zentrum wie Florenz, Paris, Wien, oder Hamburg geboren. Nein, Bach wurde in Eisenach in Thüringen geboren, jenem Ort, an dem ungefähr anderthalb Jahrhunderte zuvor Martin Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. 

Wer als junger, formbarer Mensch mit frischen Eindrücken aus norditalienischen Renaissancestädten und voller Feuer im Herzen für dieses größte musikalische Genie (die Rede ist von Bach, nicht von Luther) dessen Geburtsort besucht, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Denn selbst nach Abzug der Tristesse des Erbes der DDR, ist Eisenach wahrlich kein Ort, an dem der Weltgeist aus jeder Pore trieft. An einem grauen, nassen Herbsttag, blickte ich als 19-Jähriger über die mit Heuballen gespickten Felder und fragte mich, wie es den Geist nur hierher verschlagen konnte.

Eisenach mag, Bach-sei-Dank, das vielleicht eklatanteste Beispiel einer solchen Diskrepanz sein, aber es ist nicht das einzige. Denn im Zuge meines Studiums lernte ich eine Reihe von Bachs Zeitgenossen kennen, von denen der Großmeister gelernt hatte, mit denen er im freundschaftlichen Austausch stand, oder die Posten besetzten, die ihm folglich verwehrt blieben. Diese Komponisten waren zwar keine Titanen wie Bach, aber immerhin wird ein Teil ihrer Musik auch drei Jahrhunderte nach ihrem Tod noch immer gespielt und gehört – das muss manch zeitgenössischer Künstler erst einmal erreichen!

Diese Komponisten taten Dienst an solch klangvollen Orten wie Ohrdruf, Lüneburg, Celle, Zerbst, u.a. Bach selbst war, bevor er letztlich in Leipzig landete, in Mühlhausen, Arnstadt, Weimar und Köthen angestellt. Weimar repräsentiert dabei noch am ehesten das Beispiel eines anerkannten und kulturbeflissenen Herzogtums in Mitteldeutschland, das nach Johann Sebastian Bach vor allem im 19. Jahrhundert als Heimatstätte der Weimarer Klassik, Wirkungsstätte von Franz Liszt, Arnold Böcklin, Richard Strauss und Friedrich Nietzsche in die Geschichtsbücher einging.

Die meisten anderen dieser Orte, jedoch, gerieten im Zuge der Herausbildung des Nationalstaats im 19. und 20. Jahrhundert in Vergessenheit. Doch bis ins 18. Jahrhundert befanden sich die zahllosen kleinen Fürstentümer in einem Konkurrenzverhältnis, das – dank des Überbaus des heiligen römischen Reiches – nicht so sehr in kriegerischer Auseinandersetzung, als vielmehr in repräsentativer Konkurrenz lag. 

Das konnte unterschiedliche Formen annehmen. Am Beispiel von Bach in Köthen sehen wir z.B. einen Fürsten, der der Musik zwar sehr zugetan war, der aber nach seiner Eheschließung aufgrund des Desinteresses seiner Frau an der Musik eine Kehrtwende vollzog und sich stattdessen der preußischen Exerzierkunst widmete.

Solcher Unberechenbarkeiten zum Trotz führte die Konkurrenz zwischen den Fürstentümern dennoch zu einer Dichte an kultureller Schaffenskraft, der wir es zu verdanken haben, dass gefühlt jede zweite Kleinstadt darauf verweisen kann zumindest einige Jahre einem Künstler oder Philosophen als Heimstätte gedient zu haben. Der Ruhm Deutschlands als Land der Dichter und Denker basierte eben nicht auf der späten Nationalstaatlichkeit unter preußischer Vorherrschaft, sondern auf der regionalen Vielfalt, Zersplitterung und dem gegenseitigen Konkurrenzverhältnis. Dass ausgerechnet diese Quelle geistiger Größe vom 19. Jahrhundert zum Bremsklotz auf dem Weg zu nationalstaatlicher Größe umgedichtet wurde, ist eines der großen Lügengebilde der Geschichte.

Konkurrenz belebt das Geschäft in ganz Europa

Doch so sehr sich Deutschland oft als Sonderfall verortet, so ist es auch in dieser Frage nicht alleine. Vor allem in Norditalien geht der Aufstieg der Stadtstaaten und Fürstentümer fast zeitgleich mit dem Beginn des Trecento und daraus folgend der Renaissance einher. Es war eine Zeit, als die berühmtesten Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten und Gärtner Europas an die Höfe von Mantua oder Ferrara, oder in den Dienst der Republiken in Florenz oder Venedig gelockt wurden.

Die Konkurrenz zwischen den rivalisierenden Städten wurde allerdings nicht nur auf dem Gebiet der Künste ausgetragen. Die finanzielle Konkurrenz zwischen Großfamilien wie den Medici und den Borgia, aber auch die Herausbildung sportlicher Wettkämpfe zwischen Stadtvierteln wie beim Palio in Siena sind Formen dieses Kräftemessens, das in Italien auch durchaus in Gewalt und Krieg ausarten konnte. 

Was im Deutschen die „Kleinstaaterei“ ist, das ist im Italienischen der „Campanilismo“ (nach Campanile, dem Glockenturm). Er bezeichnete oft (aber nicht immer) abwertend die örtliche Verbundenheit an den eigenen Glockenturm, der höher, besser, schöner sein musste als der des Nachbarorts. Dabei ging es schon bald eher um einen sprichwörtlichen, als um einen realen Glockenturm, um eine Mentalität, als um ein deutlich definiertes Ritual. 

Das wohl anschaulichste Beispiel eines auf die Spitze getriebenen Campanilismo findet man in San Gimignano, in der Toskana, das bekannt ist für seine bis heute (wenn auch nur bruchstückhaft) erhalten gebliebenen Geschlechtertürme, mit denen die rivalisierenden Patrizierfamilien ab dem 12. Jahrhundert ihrem Anspruch auf einen Platz an der Sonne im Bauwettstreit der Türme Ausdruck verliehen. Die Türme dienten aber nicht nur dem Prunk, sondern hatten auch eine reale Verteidigungsfunktion. Somit wurde der Wettstreit von der Protzerei zum Ausdruck real übernommener Verantwortung erhoben.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem europaweit einzigartigen Wettrennen um die prächtigste Orgel, der in den freien Städten der Niederlande nach deren Unabhängigkeit von Spanien im 16. und 17. Jahrhundert stattfand. Zwar galten Orgeln in den kalvinistischen Städten zunächst als „Satans Flötenkasten“ und folglich im Gottesdienst verpönt, man bediente sich ihrer aber bereits frühzeitig zu öffentlichen Konzerten, bei denen die Organisten über das Genfer Psalter improvisieren sollten, da das Volk die neuen Melodien noch nicht so gut kannte. 

Als man dann ein Einsehen hatte, da der Gesang von 2000 Fischern ohne Begleitung auch nach Jahren noch in erwartbarem Chaos endete, wurden Orgeln wieder im Gottesdienst erlaubt und es entstand ein regelrechter Wettkampf der freien Städte um die größte und prunkvollste Orgel. Baute eine Stadt ein Instrument von 10 Metern Höhe mit 35 Registern, dann musste die Nachbarstadt schon bald nachlegen und ihre Orgel auf 12 Meter und 40 Register erweitern. Diesem, nach heutigen Maßstäben kaum nachvollziehbaren Lebensgefühl, verdankt Europa bis heute einen der größten Kulturschätze seiner Geschichte.

Eine Alternative zu Globalisierung und Nationalismus

Wer sich also nur ein klein wenig mit der Geschichte der Kleinstaaterei befasst, wird konfrontiert mit einer Fülle an kulturellem Reichtum, der letztlich auch ein Resultat ökonomischer Blüte war, aber auch mit einer wichtigen Lektion über die menschliche Natur: Ja, Konkurrenz belebt das Geschäft. Und ja, Konkurrenzdenken gehört zum Menschen und es wäre fatal in den heutigen Spott einzustimmen, der dieses reduktionistisch als „primitiv“ ansieht, denn bei allen scheinbar oberflächlichen Beweggründen darf man nicht vergessen, auch die Resultate dieses Konkurrenzdenkens mit in die Bilanz einzubeziehen.

Wir erkennen in der Betrachtung der Kleinstaaterei auch, dass sie nicht zwingend ein Garant für ein friedvolles Miteinander ist, wenngleich viele der repräsentativen Konkurrenzkonstrukte friedliche Ventile darstellen, die den künstlerischen oder sportlichen Wettkampf an die Stelle der Gewalt am Schlachtfeld setzen. Dort wo die Gewalt aber zum Ausbruch kommt, lässt sich zumindest einschränkend sagen, dass die Gewalt zwischen Kleinstaaten meist nicht die Ausmaße annehmen kann, wie sie es zwischen Nationen oder gar kontinentalen Machtblöcken tut.

Ein Zurück zu Kleinstaaten wird im heutigen Europa in dieser Form nicht so schnell stattfinden, dafür gelten sie als machtpolitisch zu vulnerabel. Es fehlen auch die kulturellen Voraussetzungen und die Zeichen der Zeit weisen eher in Richtung eines Zusammenschlusses innerhalb größerer Machtblöcke. Dennoch lohnt ein Blick auf die Vorzüge der Kleinstaaterei, da sie für einen Großteil dessen verantwortlich ist, was Europa einzigartig macht. In ihr geriet der westliche Entdecker- und Abenteuergeist zur Reife, aus der kleinen, überschaubaren Heimat drängten die Menschen hinaus in die weite Welt, nur um letztlich heimzukehren und die geliebte Heimat mit den Früchten ihrer Abenteuer zu bereichern.

Die Tatsache, dass man sich bei einer Reise durch Europa innerhalb kürzester Zeit bereits in einer kulturell gänzlich anders geprägten Region wiederfinden kann, ist der zentrale Reichtum Europas. Es ist eben dieser Reichtum, der konstanten Angriffen durch Globalisierung und Gleichmacherei ausgesetzt ist. 

Zumindest sollte uns die Tatsache zu denken geben, dass sowohl die Globalisierung, als auch der Nationalismus des 19. Jahrhunderts sich in ihrer Diffamierung der Kleinstaaterei bemerkenswert ähneln. Wer solche Feinde hat, muss gefährlich für sie sein. Das sollte doch auf jeden Fall einen zweiten Blick wert sein …

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