Sind Wähler dumm?

Diesen Text gibt es auch als Episode im Podcast des Sandwirts: Hier.

Ist ja interessant! #7

Über das, was seine Gegner den „Rechtspopulismus“ nennen, wird, egal in welcher Ausprägung, egal in welchem Land, einerseits gesagt, dass dessen Wähler „ungebildet“ seien (Kennzeichen der Unterschicht), andererseits, dass sie die Interessen der (Tech‑) Milliardäre vertreten (Kennzeichen der Oberschicht). 

Was zunächst wie ein blanker Widerspruch aussieht, weiß vielleicht eine Rationalität hinter sich, wenn auch in einem Sinne, der denen, die das Argument vorbringen, nicht gefällt. Mitte der 1970er Jahre schlug der libertäre Philosoph Robert Nozick vor, die Wählerschaft in drei Gruppen einzuteilen, Unter-, Mittel- und Oberschicht. Das ist wenig spektakulär, wohl aber, was er als Denkmodell hinzufügte: Wenn Unter- und Oberschicht um die Macht konkurrieren, brauchen sie die Mittelschicht. Die Oberschicht, finanziell definitionsgemäß potenter als die Unterschicht, kann der Mittelschicht immer das bessere Angebot machen. Ergo werden politische Maßnahmen stets der Mittelschicht zugutekommen. 

Mit Nozicks Modell ließ sich erklären, was soziologische und ökonomische Studien das eine um das andere Mal herausfanden. Aber warum gibt es nicht die Möglichkeit, dass Ober- und Unterschicht sich gegen die Mittelschicht verbünden? Diese Frage behandelte Nozick nicht. Doch schon Ende der 1970er Jahre realisierte sich solch ein Bündnis bei der Wahl von Margaret Thatcher in Großbritannien.

Allerdings zeigte sich in dem soziologischen (nicht politischen) Bündnis, das Margaret Thatcher an die Macht brachte, dass Nozicks Modell nun doch allzu simpel gestrickt war. Die Teile der Unterschicht, die Thatcher wählten, waren die Verlierer der gewerkschaftlichen Politik: Es waren die Arbeiter in Kleinbetrieben und in der Provinz sowie die Arbeitslosen. Und natürlich wählten die Teile der Oberschicht, die von den harten Eingriffen in die Wirtschaft profitierten, nicht Thatcher. 

Es zeigt sich, dass der soziologischen Kategorie der „Schicht“ gar keine definierte politische Position zuzuordnen ist. Die Interessen sind differenzierter und sie differenzierten sich nach dem Verhältnis einer jeden Gruppe zur Ökonomie der Staatsgewalt. Dies ist das Ergebnis dessen, was ich die (libertäre) Klassenanalyse nenne. 

Der Unterschied zwischen „Schicht“ und „Klasse“ ist allerdings im Englischen umgangssprachlich nicht zu machen, beides heißt „class“. Ludwig von Mises hatte weiland vorgeschlagen, den Begriff „cast“ (Kaste) zu verwenden, was noch missverständlicher wäre, denn in eine Kaste wird man hineingeboren und bleibt lebenslang ihr Mitglied, egal welche Lebensumstände eintreten.

Von der libertären Klassenanalyse aus gesehen ist nun etwas ganz anderes am „Rechtspopulismus“ misslich, als es der intellektuelle Mainstream formuliert: Sie suggerieren den Verlierern der Staatsgewalt, dass sie qua politischem Prozess zu Gewinnern werden können. Nach der Wahl betreiben sie Klientel-Politik wie jeder andere Politiker auch. „Kleptokratie“ heißt das Geschäft seit eh und je. Überwinden lässt es sich nicht mit, sondern nur gegen die Politik. In diesem Sinne sind Wähler die Dummen, egal, was sie gewählt haben.

Ist ja interessant!

Stefan Blankertz - Gegen den Strich gelesen

Der Autor dieses Artikels hat in der Edition Sandwirt das Buch „Gegen den Strich gelesen – 12 überraschend freiheitliche Denker“ veröffentlicht.

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