Eine Weihnachtsgeschichte, Edition 2022

Sören war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen. Kurze Zeit nachdem seine aktivistischen Mitstreiter mit der Erstürmung und Beklebung der Rollbahn des Berliner Flughafens bundesweite Aufmerksamkeit erregt hatten, nahm er sich mit einer Handvoll Genossen und einer Handvoll Kleber vor, es seinen Vorbildern am Flughafen Frankfurt gleich zu tun. Doch leider hatte Sören die Wettervorhersage missachtet. Im dichten Nebel der winterlichen Dämmerstunden hatten weder das Flughafenpersonal noch die Piloten der im Landeanflug befindlichen Boeing 747 des Lieferdienstes DHL, Sören und seine Mitkleber wahrgenommen. Fatalerweise deuteten die Piloten die Reflektion von Sörens Warnweste als Leuchtmarkierung des Mittelstreifens der Landebahn. 

Zeit seines Lebens wollte Sören einen bleibenden Eindruck in dieser Welt hinterlassen – das war ihm, wenn auch anders als er es sich wohl erträumt hatte, wenige Momente nach dem Aufsetzen des Fahrwerks auf der Landebahn endgültig gelungen. Geplättet von einer interkontinentalen Lieferung von Weihnachtsgeschenken – die Kapitalismuskritik der hinterbliebenen Aktivisten und Spiegel-Blogger schrieb sich ganz von alleine.

Malte-Torben wusste, dass Sören tot war. Die beiden hatten sich vor einigen Jahren bei einer Querdenker-Gegendemo kennengelernt, nachdem sie dort beide von ihren »besten Freundinnen« in der vorweihnachtlichen Kälte zugunsten eines syrischen Studenten, den die Damen nach Hause begleiteten, zurückgelassen wurden. Während Sören schon immer mehr der »Mann der Tat« war, ein Begriff den Sören eigentlich aufgrund seiner toxischen Implikationen ablehnte, galt Malte-Torben als der Theoretiker, was ihm in der Unizeitung sogar eine Kolumne unter dem Titel »Der Denker spricht« einbrachte. 

Malte-Torben lebte nach dem Prinzip »kleben und kleben lassen« und sah sich selbst eher im Hintergrund. Als Doktorand der Sozialwissenschaften hatte er es mit mittlerweile 38 Jahren geschafft, nie auch nur eine Minute seines beruflichen Erwachsenenlebens außerhalb des universitären Umfelds zu verbringen, ein Zustand, der ihm soweit ganz gut gefiel. Daneben war er aktives Mitglied der grünen Jugend, für die er regelmäßig Grundsatzpapiere verfasste. 

Besonders stolz war er, dass einige der von ihm entwickelten Richtlinien zu Quotenregelungen im akademischen Raum, Hassrede und CO2-Besteuerung in abgeschwächter Form sogar Eingang in die Bundespolitik gefunden hatten, wenngleich er immer wieder kritisch betonte, dass »die Klimaapokalypse keine realpolitischen Kompromisse kennt«. Auch pflegte er aus nostalgischen Gründen Verbindungen zur Roten Studentenfront (RoStufro), einer etwas altbackenen marxistischen Zelle, die aber – so sagte man – »theoretisch ganz stark« war.

Es war der 24. Dezember, Weihnachten, ein Fest, das Malte-Torben mehr als zuwider war. Er wusste um die kulturelle Appropriation alter heidnischer Bräuche durch das Christentum und betrachtete folglich alles Brauchtum mit ironischer Distanz. »Dummes Zeug« nannte er die süßliche Verklärung, mit der nach wie vor viele Menschen an irgendwelche Weihnachtsmärchen glaubten. »Ich will wissen, nicht glauben«, pflegte Malte-Torben immer zu sagen, eine Aussage, die von vielen seiner wissenschaftlichen Unikollegen mit eifrigem Nicken bestätigt wurde. 

Er fühlte sich allerdings pädagogisch verpflichtet, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wann immer ihm jemand »frohe Weihnachten« wünschte, antwortete Malte-Torben schon seit Jahren mit »schöne Feiertage«, ein Gruß den er seit Corona um den Zusatz »und bleiben Sie gesund!« erweitert hatte. Das machte was mit den Leuten, dessen war sich Malte-Torben gewiss.

Am Weihnachtsabend herrschte regnerisches Tauwetter. Noch beim Mittagessen hatte Malte-Torben mit einem Kollegen über den Klimawandel gesprochen. Es wurde halt immer wärmer und das war schlecht. Gegen 17 Uhr wurde es Malte-Torben in seinem auf 18 Grad runterregulierten Büro, dann aber doch etwas zu kalt und er beschloss, nach Hause zu gehen und noch ein wenig mit Netflix zu chillen. Seine Mitbewohnerinnen, die er bei der grünen Jugend kennengelernt hatte, waren zum Skifahren in die Schweiz verreist, das »hatten sie nach diesem Semester einfach nötig«. 

So schnappte sich Malte-Torben auf dem Heimweg ein paar Ramen-Nudeln und etwas Sushi, machte es sich mit diesem Soulfood gewappnet unter drei Decken in seinem Zimmer gemütlich und bingte einige seiner Lieblingsfolgen von »Dear white people«, während er gleichzeitig noch Ankündigungen seines demnächst anstehenden Abschieds von Twitter absetzte, und ein paar Trolle unter den neuesten Tweets von Jan Böhmermann seiner umfangreichen Nazi-Liste hinzufügte.

Irgendwann war Malte-Torben eingeschlummert, doch plötzlicher Lärm von schweren Steinen, die immer wieder auf das Altbauparkett krachten, weckte ihn mit einem Schlag wieder auf. Ehe er noch zur vollständigen Besinnung kam, erblickte er mitten in seinem Zimmer … Sören? Ja, es schien Sören zu sein, doch er war durchsichtig und schimmerte wie ein bläulicher Nebel. An beiden Händen klebten ihm große Klumpen Asphalts und über seine Schutzweste verlief ein großer schwarzer Streifen, der wie eine überdimensionierte Bremsspur aussah. Malte-Torben vermutete, dass der so klischeehaft anmutende Geist Sörens wohl ein Traum sein müsste, doch der Geist ahnte diese Zweifel bereits.

»Zweifle nicht an mir, wenn du nicht wie ich enden willst,« sprach Sören mit geistisch-gebieterischer Stimme zu Malte-Torben. Dieser hatte zwar ohnehin nicht vor sich irgendwo anzukleben, doch bevor er das noch einwenden konnte, fuhr Sörens Geist fort: »Es geht hier nicht ums Ankleben, du musst dein Leben ändern!«

»Wie denn?«, fragte Malte-Torben.

»Dein Glauben an sozialistische Utopien. So viel Leid haben diese bereits über die Menschen gebracht«, begann Sören. Aber Malte-Torben unterbrach ihn aufgeregt.

»Das war doch kein echter Sozialismus. Wenn man nur …«

»Schluss mit dem Blödsinn«, wurde Sören wütend. »Natürlich war das echter Sozialismus. Hör auf dich selbst zu belügen und öffne die Augen, bevor es zu spät ist. Nur dann wirst du die Schrecken deiner Ideologie erkennen und auf den rechten Pfad zurückkehren können! Noch heute Nacht wirst du von drei Geistern heimgesucht werden. Höre gut auf sie und vielleicht wird dir mein Schicksal der Verdammnis erspart bleiben!«

Ehe noch Malte-Torben mit einer geschliffenen Apologetik sozialistischer Gesellschaftsentwürfe antworten konnte, verpuffte der Geist von Sören ebenso schnell wie er aufgetaucht war. »Dummes Zeug«, dachte sich Malte-Torben und legte sich in der Überzeugung einem Traumbild erlegen zu sein wieder schlafen. Er nahm sich allerdings vor seinen Marihuana-Konsum in nächster Zeit ein wenig runterzuschrauben.

Der erste Geist

Es verging nur eine halbe Stunde, da wachte Malte-Torben erneut auf. Diesmal stand ein fröhlicher Coca-Cola-Weihnachtsmann mit einem Sack voller Geschenke im Zimmer, tanzte sinnlos umher und stieß dabei immer wieder »Ho, ho, ho«™ aus, wobei selbst das ™ ausgesprochen wurde, was eine befremdliche Wirkung erzeugte.

»Wer bist denn du?«, fragte Malte-Torben in verschlafener Skepsis.

»Ho, ho, ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht!« antwortete der Weihnachtsmann.

Während Malte-Torben in Gedanken den Geist noch unweigerlich zu »Feiertagen« korrigieren wollte, griff dieser ihn bereits an der Hand und durchschritt mit ihm die Wand seines Zimmers. Plötzlich fanden sich die beiden in einem retro anmutenden Wohnzimmer der 80er Jahre wieder. Malte-Torben blickte verstört um sich. Er erkannte dieses Wohnzimmer. Es war das Haus seiner Kindheit! 

Da stand ein mit viel Lametta geschmückter Weihnachtsbaum, darunter ein Berg von Geschenken. Sie waren alle für ihn gewesen! Er erinnerte sich an diese Weihnachten, er muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Plötzlich betraten seine Eltern und er als Junge das Wohnzimmer. Der kleine Malte-Torben lief ungestüm zum Weihnachtsbaum und riss alle Geschenke auf. 

Zunächst war da ein großes ferngesteuertes Auto, doch das wurde schon bald von weiterem Geschenkpapier bedeckt. Eine Matchbox-Parkgarage und dazugehörige Autos wurden ebenfalls zur Seite geschoben. Selbst die neue Feuerwehrstation von Lego wurde geöffnet und in die nächste Ecke gedonnert. Die kindliche Freude schlug in Ärger um. »Wo ist das Masters of the Universe Hauptquartier? Ich wollte das Hauptquartier!«, schrie der kleine Malte-Torben seine Eltern an. 

»Aber Malte, mein Kleiner, schau doch mal die vielen anderen schönen Sachen«, beschwichtigte ihn seine Mutter, doch Malte-Torben wollte davon nichts hören und tobte nur weiter. 

Da beugte sich sein Vater, ein Professor für Erziehungspsychologie, zu ihm herunter und fragte ihn, »was dieser Ärger mit ihm mache«. Das verwirrte den kleinen Malte-Torben zunächst einmal, bevor er wieder zu quengeln begann. Der Vater seufzte und beschloss, die VHS-Kassette mit dem Tom-&-Jerry-XMAS-Marathon einzulegen, um mal kurz Ruhe zu haben.

Der Anblick dieser Szene berührte Malte-Torben sichtlich. Der Coca-Cola-Weihnachtsmann lugte zu ihm hinüber und fragte: »Na?«

Da seufzte Malte-Torben. Er hatte sich erinnert, dass es sein sehnlichster Wunsch gewesen war, mit anderen Kindern zu spielen. Doch seine Eltern hatten ihm nie erlaubt, zum Sportverein zu gehen oder draußen zu spielen, denn das sei zu gefährlich. Geschwister hatte er auch nicht gehabt, ja nicht einmal Haustiere. So spielte er immer nur alleine und hoffte, dass die größten und schönsten Spielzeuge andere Kinder dazu gebracht hätten, mit ihm spielen zu wollen. Stattdessen wurden sie neidisch und hänselten ihn.

Schlagartig veränderte sich die Szenerie vor Malte-Torbens Augen, der Geist und Malte-Torben fanden sich plötzlich auf einem Schulhof wieder. Auch diesen Schulhof erkannte Malte-Torben, es war der Hof des Gymnasiums in das er mit 16 gegangen war. 

Schon erkannte er alte Klassenkameraden wieder. In einer Ecke stand eine Gruppe Mädels, unter ihnen auch Clara-Luisa, seine damalige Flamme. Sie kicherte mit ihren Freundinnen, während sie abwechselnd verstohlene Blicke zu den Fußball spielenden Jungs hinüber warfen. Vor allem Kevin machte dabei immer mächtig Eindruck auf die Mädels, er spielte in der Jugendauswahl einer Bundesliga-Mannschaft und hatte gute Chancen auf eine Profikarriere. Das erinnerte Malte-Torben daran, Kevin mal wieder zu stalken um zu schauen was aus ihm denn eigentlich geworden war.

Der Coca-Cola-Weihnachtsmann lachte Malte-Torben an: »Süßes Mädel! Du hast guten Geschmack!« 

Malte-Torben errötete. »Ach, da war doch gar nix.«

In dem Moment trat der junge Malte-Torben auf den Pausenhof. Ganz in schwarz gekleidet und schmächtig trug er ein Buch unter dem Arm. Auf die Entfernung konnte Malte-Torben nicht erkennen, ob es ein Band Lenin oder Nietzsche war, beides war möglich. Der junge Malte-Torben warf einen kurzen Blick in Richtung der Mädelsgruppe, drehte sich danach aber plakativ weg und stellte sich in die gegenüberliegende Ecke des Hofes. Dort traf er sich immer mit zwei anderen »Politischen«. 

Die Gruppe gab sich betont lässig und rauchte selbstgedrehte Zigaretten, während die Schüler über die klassenlose Gesellschaft fabulierten. Das zog zwar keine direkt bewundernden Blicke der Damenwelt auf sich, aber zumindest erkannten die Mitschüler an, dass das »wohl schon gescheit sein soll«, was Malte-Torben und seine revolutionären Freunde da ausheckten. 

Es mag nicht die höchste Stufe der Anerkennung auf dem Schulhof gewesen sein, aber es war zumindest eine Rolle. Und wenngleich sich Malte-Torben nichts sehnlicher wünschte, als dass Clara-Luisa ihn genauso ansehen würde wie Kevin, so tröstete er sich damit, dass Kevins Stern schon bald unweigerlich sinken würde, während seiner erst aufging wenn er sich denn erstmal als führender revolutionärer Vordenker etabliert hätte. Dann, ja dann, würde auch Clara-Luisa erkennen, dass sie wohl auf das falsche Pferd gesetzt hatte.

Malte-Torben erinnerte sich an solche und ähnliche Gedanken, die ihm immer wieder während seiner Pubertät in den scheinbar nie enden wollenden Pausen durch den Kopf gingen. Ja, die Pausen waren nicht seine Momente, er erwarb sich seinen Status innerhalb der Hierarchie der Schülerschaft im Geschichtsunterricht und im Wahlfach Philosophie. 

Während er sich an all dies erinnerte, sah er auf einmal, wie Kevin mit einer Gruppe von Freunden zu den Mädchen ging und sie dazu einlud, nach der Schule gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Auch Malte-Torbens jüngeres Ich hatte dies aus dem Augenwinkel bemerkt. Den Stich, den ihm das verursachte, sollte er später in eine umso hartnäckigere Abscheu gegen alles Weihnachtliche ummünzen.

»Hast du eigentlich jemals mit ihr gesprochen?«, fragte der Coca-Cola-Weihnachtsmann unvermittelt. 

»Gesprochen?«, lachte Malte-Torben verlegen. »Nun, äh … naja … nicht wirklich.« 

Der Coca-Cola-Weihnachtsmann zog die Augenbrauen hoch. »Das ist schade. Denn weißt du was? Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass sie sich sehr gewünscht hätte, dass du sie mal ansprichst.«

Malte-Torben wurde nun leicht verärgert. »Was? Ach, das ist doch dummes Zeug! Woher willst du das wissen?«

Da lachte der Coca-Cola-Weihnachtsmann: »Ho, ho, ho … hast du schon vergessen? Ich bin der Coca-Cola-Weihnachtsmann, der Geist der vergangenen Weihnacht. Ich weiß alles!«

Das Gelächter des Weihnachtsmanns dröhnte immer lauter und das Bild des Pausenhofs verschwamm vor Malte-Torbens Augen. Er war nun wieder in seinem Schlafzimmer, doch der Coca-Cola-Weihnachtsmann war weg. 

Malte-Torben war noch immer ein wenig verärgert über die Impertinenz des Geistes, doch überkam ihn schon bald aufs Neue Müdigkeit und er legte sich wieder schlafen.

Der zweite Geist

Gegen drei Uhr wurde Malte-Torben wieder geweckt. Es fuhr ihm wie ein Schrecken durch den Leib, denn in ungefähr eins Komma fünf Meter Abstand von seinem Bett stand eine hagere Figur mit Slim-Fit-Jeans und Sportsakko über einem olivgrünen T-Shirt. Sie trug eine FFP2-Maske über dem sorgfältig gestutzten Drei-Tage-Bart und blickte mit leblosen Augen auf Malte-Torben. 

»Ich bin der Geist der diesjährigen Feiertage«, sprach die Figur. So befremdlich es erscheinen mag, diese Information beruhigte Malte-Torben, denn das alltägliche Erscheinungsbild des Geistes hatte ihn kurz fürchten lassen es handelte sich um einen Einbrecher.

»Der diesjährigen Feiertage?«, fragte Malte-Torben sichtlich verwirrt, hatte er doch den Geist der Weihnacht erwartet.

»Ja, der diesjährigen Feiertage. So magst du es doch heißen, oder nicht?«, fragte der Geist mit regungsloser Strenge.

»Ja, aber natürlich«, stammelte Malte-Torben leicht verwirrt. Er wunderte sich selbst, dass es ihm keine rechte Befriedigung gab, dass der Geist sich offensichtlich zeitgemäßer sprachlicher Gepflogenheiten bediente.

»Soll ich dir folgen?«, fragte Malte-Torben und streckte dabei erwartungsvoll seine Hand entgegen. Der Geist aber schreckte ein wenig zurück. 

»Ja, folge mir, aber halte eins Komma fünf Meter Abstand! Vorsicht steht uns allen gut zu Gesicht!« Dabei verkniffen sich die Augen des Geistes und Malte-Torben konnte nicht umhin, hinter der Maske die Konturen eines fast schon teuflischen Lächelns zu erahnen.

So geleitete der Geist der diesjährigen Feiertage Malte-Torben aus seinem Zimmer, durch die Nacht in eine Wohnung in einem Plattenbau am Stadtrand. Malte-Torben war hier noch nie gewesen. 

In der kleinen Wohnung im 7. Stock saß eine Mittfünfzigerin alleine vor dem Fernseher und schaute die Nachrichten. Es war bereits 22 Uhr vorbei und sie blickte besorgt auf die Uhr. Da öffnete sich die Haustür und herein trat ein Mann, der Malte-Torben vage bekannt war. Es war Uwe, der Facility Manager der Universität. 

Er selbst bezeichnete sich anachronistisch noch als Hausmeister und erschien Malte-Torben immer als ein Relikt einer zu überwindenden Vergangenheit. Nicht nur weigerte sich Uwe plakativ und lautstark korrekt zu gendern, er sorgte auch immer wieder für Gefühle von Fremdscham wenn er bei der Arbeit mal wieder mitten im Gang auf einer Leiter stand und sich im Gespräch mit seinem türkischen Kollegen Ali über »E-Autos und Windräder« echauffierte, was von Malte-Torben und seinen Kollegen im Vorübergehen immer mit einem süffisanten Augenrollen quittiert wurde, mit dem die progressiven Dozent:innen sich gegenseitig zu vermitteln schienen: »Was für ein Neandertaler!«

»Da bist du ja endlich!«, rief die offensichtlich aufgebrachte Ehefrau von Uwe. 

»Entschuldige, mein Schatz, mein Handy hat den Geist aufgegeben«, stöhnte der erschöpfte Uwe. 

Nach Dienstschluss war er in einen riesigen Stau geraten, da die Pattex-Kinder der »Letzten Generation«, wie Uwe sie abfällig nannte, sich mal wieder unweit der Uni festgeklebt hatten und er stundenlang nicht vom Fleck gekommen war. 

»Keine Ahnung, wie lange ich mir das noch antun soll«, fragte Uwe resignativ. 

Selbst unter normalen Bedingungen pendelte Uwe fast eine Stunde in die Arbeit, die Dieselkosten verschlangen mittlerweile fast ein Drittel seines bescheidenen Gehalts. Unlängst verkündete die Universität einen drastischen Sparkurs, der die Festgehälter zunächst einmal einfror. 

»Aber die feinen Herrschaften rechnen ihre Dienstreisen zu irgendwelchen Konferenzen in 5-Sterne-Hotels natürlich über die Spesen ab«, schimpfte Uwe, »und für ihre E-Autos gibt es dann auch noch gratis Parkplätze, während ich mich für einen Euro die Stunde ins Parkhaus stellen darf.«

Uwes Frau probierte ihn abzulenken. »In der Tagesschau sagten sie gerade, dass die Ukraine kurz vor dem Sieg steht. Vielleicht beruhigt sich die Situation dann ja wieder?«

Da lachte Uwe: »Ach ja? Das hör ich seit einem halben Jahr. Und selbst wenn, dann wird sich Klaus Schwab schnell mal was Neues einfallen lassen müssen, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen.«

Malte-Torben reagierte empört, er konnte solch Verschwörungsgeschwurbel auf den Tod nicht ausstehen. Doch der Geist der diesjährigen Feiertage ermahnte ihn weiter zuzuhören.

»Weißt du, mein Schatz«, sagte Uwe zu seiner Frau und legte dabei seinen Arm um ihre Schulter. »Ich bin es so satt von diesen Fatzken bei uns an der Uni immer wieder dieses Gewäsch zu hören, dass ich als alter, weißer, heterosexueller Mann so privilegiert wäre. Sie sitzen da in ihren schicken Büros und schaukeln sich bei irgendwelchen Konferenzen gegenseitig die Eier …«

»UWE!«, empörte sich seine Frau und sah ihren Mann streng an. 

»Jaja, aber es ist doch so. Die reden den ganzen Tag über Diskriminierung dies, Klima das, aber wenn mal die Klimaanlage kaputt ist, dann muss es sofort repariert werden und dann schwitzen Ali und ich im Lüftungsschacht. Ein Danke gibts von den feinen Herrschaften nie.«

Malte-Torben hörte sich Uwes Beschwerden stoisch an. Es arbeitete in ihm.

»Ach, übrigens«, sagte Uwes Frau, »da kam heute noch was von der Post.«

Uwe öffnete den Brief nichtsahnend. »700 Euro?«, rief er plötzlich wutentbrannt. 

Sein 15 Jahre alter Diesel wurde aufgrund einer neuen CO2-Schutzverordnung als besonders klimaschädlich eingestuft. Wollte Uwe ihn weiter nutzen, musste er den sogenannten Klimaausgleich bezahlen. Die Regierung hatte diese Verordnung erst vor wenigen Wochen in einem Blitzentscheid durchs Parlament gebracht. Das Ziel, so erklärten damals die Grünen, sei es, die Bürger zum Umstieg auf klimaneutrale E-Autos zu »nudgen« – anzustupsen. 

Bei Malte-Torben klingelte es sofort. Er war vor dem Sommer einer der Vordenker dieser Verordnung gewesen, hatte diese in einem Paper der grünen Jugend vorgelegt und sie an die Bundestagsfraktion weitergeleitet. Noch vor kurzem hatte er, als »seine« Verordnung durchkam, mit seinen Parteifreunden auf den großen Erfolg für das Klima angestoßen. Er sah es als bedeutenden Schritt, um seinen Status als grüner Vordenker zu festigen.

Uwe kam vor Wut kaum zu sich. Er fluchte und schrie den Zettel an. »Nicht einmal an Weihnachten lassen diese Blutsauger einen in Ruhe!«, tobte er außer sich. 

»Uwe, Schatz, denk an dein Herz«, versuchte seine Frau ihn zu beruhigen, doch vergebens. 

»Ein Leben lang gearbeitet, um kurz vor der Pension nichts mehr zu haben, nichts!«, wütete Uwe. 

Er merkte in seinem Zorn nicht einmal, dass seine Frau mittlerweile in der Ecke des Sofas saß und weinte. Als er sie dann doch bemerkte, bekam er sich schlagartig wieder in den Griff. »Schatz…«, sagte Uwe, »Schatz, beruhig dich doch … es tut mir leid, alles wird gut«, tröstete er seine Frau. 

Er war ein Mann, der nie um ein Wort verlegen war, doch die Tränen seiner Frau wussten ihn schon immer zu beschwichtigen.

»Wie sollen wir uns das alles nur leisten? Wir haben das Geld doch nicht! Woher sollen wir das nehmen? Alle Reserven sind doch aufgebraucht!«, schluchzte Uwes Frau. 

Uwe umarmte sie und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Er wusste nicht, was er ihr antworten sollte, also schwieg er. Nach einiger Zeit beruhigte sie sich. Er blickte ihr in die Augen. »Komm, mein Schatz«, sagte Uwe, »nicht heute Nacht, heute ist Weihnachten.« 

Er löschte die Lichter im Wohnzimmer und ließ nur den kleinen beleuchteten Weihnachtsbaum an. Er holte eine Wolldecke, setzte sich neben seine Frau aufs Sofa, deckte beide zu und küsste seine Frau auf die Stirn. »Frohe Weihnachten, mein Schatz, das kann uns niemand nehmen.«

Er nahm die Fernbedienung und schaltete RTL ein. Da lief das »Große RTL-Weihnachtsspecial mit Dieter Bohlen und Günther Jauch«. Um den Mund von Uwes Frau zuckte ein Lächeln.

So saßen die Beiden noch lange aneinander angelehnt, bis sie zu den Klängen von Helene Fischers »Silent Night« friedlich wegschlummerten.

Es gab vieles, was Malte-Torben an diesem Bild abstoßend empfand, aber befremdlicherweise überwogen bei ihm dennoch Gefühle des Mitleids, der Schuld und sogar eines gewissen Neids. Uwe und seine Frau mögen nicht die Geisteskoryphäen des gesellschaftlichen Umbaus sein, die Malte-Torben immer bewundert hatte, aber er konnte sich an diesem Weihnachtsabend nicht dazu durchringen diese Menschen für ihre Einfachheit zu verurteilen. Ihre Liebe und Treue zueinander berührten ihn in ihrer Schlichtheit. Er wollte immer etwas Besonderes sein, doch der Anblick der Beiden erweckte in ihm erstmals den Wunsch, einfach nur normal und nicht allein zu sein.

Es dauerte ihn auch, dass sein Gesetzesentwurf, auf den er so stolz war, die Beiden vor solche Probleme stellte. 

»Sprich, Geist!«, sagte Malte-Torben zum Geist der gegenwärtigen Feiertage. »Können wir den beiden nicht helfen? Erlasse ihnen doch zumindest den Klimaausgleich, das war doch nie für Leute wie sie gedacht«, flehte Malte-Torben den maskierten Geist an.

Der Geist lachte. »Ha, das stellst du dir so einfach vor, nicht wahr? Du hast dir den Klimaausgleich doch ausgedacht, was dachtest du, wen es trifft? Oh nein, ich kann ihnen nicht helfen, die Früchte deiner Taten musst du schon selbst ertragen.«

Malte-Torben fühlte Wut und Ohnmacht zugleich. Erst schwieg er, dann sagte er mit resignativer Stimme: »Bring mich einfach hier fort.«

Das musste er dem Geist nicht zweimal sagen, mit einem Schlag veränderte sich die Szenerie auf ein Neues. Er war nun in einer hübschen Altbauwohnung. Er hatte sie noch nie zuvor gesehen, aber er erkannte deren Bewohner. Es war Familie Maier-Müller, die Nachbarn Malte-Torbens vom 4. Stock. Die 17-jährige Tochter und der 13-jährige Sohn schmückten den Christbaum zu Ende, während Vater Maier-Müller das Weihnachtsessen vorbereitete.

Herr Maier-Müller war bis vor anderthalb Jahren in der Kunstbranche tätig gewesen, hatte sich dann aber kurz vor seinem dortigen Abschied zunehmend radikalisiert. So hatte er während einer von ihm veranstalteten Podiumsdiskussion eindeutig Zweifel gegenüber der Idealisierung der multikulturellen Gesellschaft geäußert. Das waren die ersten Anzeichen, dass bei Herrn Maier-Müller nicht alles koscher war. 

Als er sich dann im Zuge der Impfpflichtdebatte dann aber auch noch öffentlich gegen die Impfpflicht aussprach, wurde endgültig deutlich, dass die Anschauungen von Herrn Maier-Müller mit dem progressiven Anspruch des Kunstbetriebs nicht länger vereinbar waren. Sein Vertrag wurde damals nicht verlängert, seitdem – so munkelt man – bewirbt er sich vergeblich auf andere Stellen in der Branche, wobei ihm allerdings meist Frauen, Ausländer, sexuelle Minderheiten oder Menschen mit Behinderung vorgezogen werden. 

Ehemalige Freunde gingen nicht mehr ans Telefon, wenn er anrief, was Malte-Torben aber als richtig und wichtig empfand. Gerade in Zeiten wie diesen durfte eine wehrhafte Demokratie solch gefährlichen und intoleranten Meinungen an der Schwelle zum Geschwurbel keinen Raum bieten.

Gegen 18:15 öffnete sich die Tür und Frau Maier-Müller kam nach Hause, bepackt mit zwei Taschen von der Apotheke. Im Gegensatz zu ihrem Mann war Frau Maier-Müller über lange Zeit bemüht, weiterhin Toleranz und Offenheit auszustrahlen. Allerdings litt sie im letzten Jahr zunehmend unter Müdigkeit und Gliederschmerzen. Es begann irgendwo zwischen der dritten und vierten Impfung, dass diese Symptome bei ihr auftraten, der Ursprung ihrer Krankheit stellte die Ärzte allerdings vor Rätsel. Tatsächlich war die wahrscheinlichste Ursache für ihr Leiden, so meinten die Ärzte, psychosomatisch in der Radikalisierung ihres Mannes zu finden, dessen zunehmend asoziale Tendenzen der armen Seele von Frau Maier-Müller mehr wie zusetzten. Besonders ausgeprägt wurden ihre Symptome immer bei Nässe und Kälte, weshalb sie seit Beginn des Winters fast durchgehend krank war.

So merkwürdig Herr Maier-Müller war, so sehr tat seine Frau Malte-Torben dann doch leid. Sie litt offensichtlich unter der patriarchalen Knute ihres Mannes und Malte-Torben wünschte sich oft, sie könnte diese Fesseln von sich abstreifen und ihren eigenen Weg gehen. Immerhin arbeitete sie als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei, da gäbe es für sie garantiert Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Als ihr Mann noch arbeitete, war Frau Maier-Müller nur halbtags beschäftigt und kümmerte sich um ihre beiden Kinder im Teenager-Alter, doch seitdem Herr Maier-Müller »unvermittelbar« geworden war, wie er es mit einem Hang zur Übertreibung selbst nannte, arbeitete Frau Maier-Müller nun in Vollzeit um irgendwie die Familie über die Runden zu bringen.

Im Vorübergehen gab Frau Maier-Müller ihrem Mann einen Kuss auf die Wange. »Na, wie war dein Tag?«, fragte sie, während sie ins nächste Zimmer ging, um sich umzuziehen. 

»Ach, nichts Besonderes«, antwortete ihr Mann. 

»Hast du noch was von der Uni gehört wegen der Bewerbung?«, rief Frau Maier-Müller aus dem Schlafzimmer. 

Herr Maier-Müller verdrehte die Augen leidend. »Nein, leider nicht, aber ich werde nochmal nachbohren«, antwortete er leicht genervt, die Nachfrage seiner Frau vorwegnehmend. 

»Und was ist mit der Händel-Gesellschaft?«, fragte Frau Maier-Müller, während sie nun wieder umgezogen ins Wohnzimmer kam. 

»Absage«, antwortete Herr Maier-Müller kleinlaut. 

Das Gesicht seiner Frau verzog sich in einer Mischung aus Mitleid und Enttäuschung. Ihr Mann wollte ihr was Nettes sagen, aber wusste, dass sie nicht auf nette Worte wartete, sondern darauf, dass er endlich wieder einen festen Job hatte.

»Hör zu«, wandte er sich eindringlich an seine Frau, »ich weiß, du hättest gerne, dass alles so wird wie früher und ich probiers ja weiter mit Bewerbungen. Aber es ist kein Zufall, dass ich nirgendwo mehr unterkomme. Ich bin bei denen einfach unten durch, da geht nichts mehr.«

Frau Maier-Müller konnte das nicht ganz glauben, sie musste einfach darauf hoffen, dass man ihrem Mann noch eine Chance geben würde. Er hingegen hatte die Hoffnung schon lange aufgegeben. Er schrieb nun ab und zu Blogbeiträge für Online-Magazine, manchmal sogar bezahlt. Ein wirkliches Gehalt konnte er damit allerdings nicht verdienen. Die meisten dieser Publikationen waren eindeutig politisch rechts einzuordnen, soviel wusste auch Malte-Torben, und einige hatten auch Verbindungen zum Querdenker-Milieu. Seiner Frau zuliebe hatte Herr Maier-Müller sich dazu durchgerungen, unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, um so die Chance zu wahren, jemals wieder in den akademisch-künstlerischen Betrieb zurückzukehren. Das zerriss ihn. Er spürte, dass er mit seinen Beiträgen durchaus ein Publikum erreichte, und dass er sich damit einen echten Namen machen könnte, wenn er sich offen präsentieren würde. Das allerdings wollte seine Frau nicht, allein schon wegen der Nachbarn. Was würden die denken? Malte-Torben lächelte dabei spöttisch. Das wäre tatsächlich ein gefundenes Fressen für ihn.

Herr Maier-Müller wollte das Thema wechseln. Er arbeitete gerade an einem neuen Artikel über, wie er es nannte, die »Klimalüge« und hatte dazu irgendwas irgendwo gelesen. Doch kaum er darüber begann, verzog sich wieder das Gesicht seiner Frau. Sie war angestrengt, ihre mysteriöse Krankheit machte sich bemerkbar. »Ich muss mich kurz hinlegen«, sagte sie, bevor sie im Schlafzimmer verschwand. Herr Maier-Müller blickte ihr besorgt nach.

»Geht es Mama wieder nicht gut?«, fragte sein Sohn. Die beiden Kinder waren mittlerweile fertig mit dem Schmücken des Christbaums. 

»Ja. Diese verdammten Impfungen …«, Herr Maier-Müller biss die Zähne zusammen. 

»Komm schon, Pa, wir wissen das doch nicht genau«, entgegnete ihm sein Sohn. 

Herr Maier-Müller sah ihn streng an. »Ich lass mich hier reinstechen«, dabei deutete er auf seinen Hals, »wenn das nicht von diesem mRNA-Zeugs kommt. Hast du dir die Studien angeschaut, die ich dir letztens zugemailt hab?«, fragte er. 

»Ja, schon«, sagte sein Sohn kleinlaut. Er kam nach seiner Mutter, ging Konflikten lieber aus dem Weg. Früher war er auf eine Privatschule gegangen, doch seit sein Vater den Job als künstlerischer Leiter verloren hatte, musste er stattdessen auf das öffentliche Gymnasium gehen. In seiner Klasse herrschte ein Ausländeranteil von 85 Prozent, als Deutscher war er ein Außenseiter, für den es nur zwei Optionen gab: Anpassung oder Prügel. Am Anfang gab es einmal Prügel, danach entschied er sich für Anpassung und geht seitdem Konflikten aus dem Weg.

Sein Vater blickte ihn eindringlich an. »Ich weiß, dass es auch für dich schwierig ist. Tu was notwendig ist, um durchzukommen, aber vergiss hier drinnen«, dabei tippte er mit seinem Zeigefinger auf die Brust seines Sohnes, »nie wer du bist und was die Wahrheit ist.«

Sohnemann Maier-Müller nickte gesenkten Hauptes. Er war zerrissen. Einerseits bewunderte er seinen Vater für seine Prinzipien, er hatte schon früher immer zu ihm aufgesehen, wie Söhne es halt bei ihren Vätern machen. Aber er hatte sich auch gefragt, ob es wirklich notwendig war, sich so mit seinen Chefs anzulegen. Er hatte doch ein gutes Leben, hätte er nicht einfach ein Auge zudrücken und so weitermachen können?

»Komm, deck mit deiner Schwester den Tisch auf, das Essen ist gleich fertig«, sagte Vater Maier-Müller und ging in die Küche, um das Festessen zu holen. Das fiel, zugegebenermaßen, etwas schlichter aus als in den Jahren zuvor. Statt der Gans gab es nur ein wenig Hähnchenfilet, auf Fleisch mussten die Maier-Müllers mittlerweile häufiger verzichten. Insofern war es dann doch wieder etwas Besonderes.

Zum Essen erschien auch Frau Maier-Müller, sie sah ein wenig zerzaust und verschlafen aus, lächelte aber angestrengt ihren Lieben zu. 

»Oh, das sieht ja wunderbar aus«, sagte sie ehrlich angetan. 

Seitdem ihr Mann den Haushalt notgedrungen übernommen hatte, hatte er sich als Koch beeindruckend entwickelt. Es freute sie, dass die neue Rollenverteilung so gut funktionierte und doch sehnte sie sich in ihrem Inneren danach, dass die Dinge wieder wie früher würden. Anfänglich war sie zwar ganz gerne zur Arbeit gegangen, aber die täglichen Grabenkämpfe und Befindlichkeiten im Büro waren überhaupt nicht ihres. So hoffte sie, sich eines Tages wieder mehr der Pflege ihres schönen Zuhauses widmen zu können.

Bei Tisch versammelt wurden alle still. Mit dem Glauben hatten die Maier-Müllers nur bedingt was am Hut, früher gingen sie zwar an den wichtigsten Festtagen zur Kirche, doch nachdem Herr Maier-Müller zur persona non grata geworden war, hatte er sich auch mit dem Pfarrer ihrer Kirchengemeinde überworfen. Danach wurden die Maier-Müllers dort nicht mehr gern gesehen, Herr Maier-Müller bezeichnete sich seitdem selbst als »Kulturchrist«. 

Zu Weihnachten aber wollte der Vater ein besonderes Tischgebet sprechen, ein Lied, das ihm besonders zu Herzen ging.

»Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.«

Vater Maier-Müller hatte die erste Strophe des Liedes gerade vollendet, da sprang seine Tochter unvermittelt auf, schniefte und lief schweigend in ihr Zimmer. Völlig verdutzt blickte ihr Vater Maier-Müller hinterher, bis seine Frau ihm mit einem Kopfnicken deutete, er solle zu ihr gehen.

Herr Maier-Müller betrat vorsichtig das dunkle Zimmer seiner Tochter. Die 17-jährige lag schluchzend auf ihrem Bett, ihr Gesicht im Kopfkissen vergraben. Ihr Vater musste nicht fragen, was los war, er wusste es. Es war immer dasselbe seit jener schicksalhaften Nacht vor knapp zwei Jahren. 

Damals war sie, auf dem Heimweg von einer Feier mit ihren Freundinnen, von einem angeblich minderjährigen Eritreer überrascht und in die Büsche gezerrt worden. Die Bestie verging sich an ihr, versuchte es zumindest. Die Tochter hatte nie vollends erzählt, wie weit es gegangen war, aber sie hatte geschrien und gefleht, doch der Täter kannte kein Mitleid, er nahm sich was er wollte. 

Dass sie überlebte, war wohl nur dem beherzten Einschreiten zweier junger polnischer Studentinnen zu verdanken, die die Schreie hörten und weitere Passanten auf die Situation aufmerksam machten, bis sich der Täter aus dem Staub machte. Wie lange der Akt gedauert hatte, konnte Tochter Maier-Müller nicht sagen, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, eine Ewigkeit des Schmerzes und der Erniedrigung. 

Damals dachte sie, dies würde ihr Todesmoment sein und für viele Wochen wünschte sie sich sogar, sie wäre an diesem Abend gestorben. Die Albträume verfolgten sie, sie konnte kaum mehr aus dem Haus gehen, geschweige denn mit Menschen reden. Sie war überwältigt von Ekelgefühlen über ihren eigenen, geschundenen Körper. Die Therapie brachte nur langsam und bedingte Erfolge. Noch im Oktober mussten die Maier-Müllers den Notarzt rufen um ihr den Magen auszupumpen, nachdem sie eine Überdosis Schlaftabletten genommen hatte. Der Arzt meinte damals, die Menge hätte nicht gereicht, um sich umzubringen, aber es wäre ein stummer Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit gewesen.

Vater Maier-Müller setzte sich an den Rand des Betts seiner Tochter und streichelte ihr über den Kopf. Lange Zeit war er getrieben von Zorn und wollte den Vergewaltiger seiner Tochter selbst stellen und richten. Es war der Beginn jenes Prozesses, der ihn letztendlich seinen Job kostete. 

Auch er begab sich in Therapie, die ihm zunächst dabei half, zu verstehen, wie sehr ihn seine Tochter nun brauchte. Ihr Vater war die prägende Männerfigur in ihrem Leben gewesen, doch nun, mit einem Schlag, hatte sie alles Vertrauen, das sie jemals in Männer setzen konnte, verloren. Ihm oblag es, dieses Vertrauen in eine positive Männerfigur wieder aufzubauen.

Malte-Torben war erstarrt. Sein Herz raste.

»Entschuldige, meine Kleine, ich hätte einen anderen Text wählen sollen«, sagte der Vater nach langer Stille. Die Tochter aber schluchzte unvermindert weiter. Der Vater schwieg wieder und saß still im dunklen Zimmer, in das nur ein dünner Streifen Lichts aus dem Vorzimmer drang. Nach einigen Minuten drehte sich seine Tochter um. Selbst in der Dunkelheit konnte man die wässrig-glänzenden Augen deutlich erkennen.

»Papa«, sagte sie mit gebrochener Stimme. »Werde ich je wieder fröhlich sein?«

Da brach Herr Maier-Müller in sich zusammen und heulte wie ein Schlosshund. Er hatte sich bemüht, ein Fels in der Brandung zu sein, doch alles schien ihm in seinen Händen zu zerfließen. Weder konnte er die Familie ernähren, noch seinen Sohn vor den Schlägern in seiner Schule, noch seine Tochter vor diesem Vergewaltiger beschützen. Er schien in allem, was je seine Aufgabe als Mann gewesen war, gescheitert zu sein. Die Welt hatte ihn gefressen und wieder ausgespien. Tag für Tag wurde ihm seine Ohnmacht vor Augen geführt, sein Leben wirkte wie eine Aneinanderreihung von Leid. So schien es ihm zumindest. Nach einer Minute hatte er sich wieder halbwegs im Griff und antwortete bedächtig.

»Nichts wird je wie früher. Die Unbeschwertheit vergangener Tage wird nie zurückkommen. Die Welt ist böse, sie war es wohl schon immer, aber ihr wahres Gesicht wird mit jedem Tag deutlicher. Nie werden wir dahin zurückkehren können, wie es war, und wenn wir immer daran denken, werden wir auch nie wieder fröhlich sein. Du…wir…wir können nichts anderes tun, als unser Leiden zu akzeptieren. Es mag kein Trost für dich sein, aber es gibt da diesen Satz, ich glaube er ist von CS Lewis, der meinte sinngemäß ‘Gott erlaubt das Geschenk des Leidens, weil er uns so liebt. Schmerz ist das Megafon Gottes, um eine taube Welt dazu zu bringen, zuzuhören.’« Vater Maier-Müller stockte. Seine Tochter aber hörte weiter zu.

»Ich weiß es nicht«, fuhr er fort, »ich selber denke mir manchmal, dass wenn ich die Welt als schön sehe, ich immer enttäuscht sein werde. Aber wenn ich das Leben als Leiden sehe, dann … dann …« Vater Maier-Müller musste schlucken. Er sah seine Tochter mit feuchten Augen an. »Dann finde ich Trost in den Menschen und Dingen, die ich liebe. Euch. Dich, mein Engel.«

Wieder brach der Vater in Tränen aus, doch diesmal setzte sich seine Tochter auf und umarmte ihn. Auch er hielt sie fest. »Was ich sagen will«, sagte er schluchzend, »glaube nicht du könntest die Welt und die Menschen ändern. Die Menschen sind so wie sie sind und werden es immer bleiben. Wer glaubt, er könne neue Menschen schaffen, bringt immer nur noch größeres Unheil über sich und alle anderen. Der einzige Schlüssel ist immer nur die Liebe. Suche die Liebe in dir und du wirst lernen, mit deinem Schmerz zu leben.«

Die Tochter nickte still, sah ihren Vater an und sagte leise: »Danke, Papa.«

Sie blickten sich noch einige Sekunden an, bis Vater Maier-Müller sich plötzlich zu neuer Aktivität aufraffte. »Sollen wir mal rübergehen, bevor uns die anderen alles wegessen?«

Da lachte seine Tochter kurz und wischte sich die Reste ihrer Tränen von den Wangen. »Ja, Papa, lass uns mal was essen gehen.«

Die beiden kehrten zurück ins Wohnzimmer. Während Frau Maier-Müller geduldig wartete, hatte der Sohn bereits mit seinem Essen angefangen. »Tschuldigung«, sagte er mit vollem Mund, doch keiner der Anwesenden hatte es ihm verübelt. Tochter und Vater nahmen wieder Platz am Tisch und die Mutter hielt mit einem milden Lächeln die Hand ihrer Tochter. Der Vater hob noch einmal an: »Nun aber uns allen Frohe Weihnachten und einen guten Appetit!«

Er blickte auf die Uhr, erschrak kurz und nahm hastig die Fernbedienung. Er zappte, bis er die Übertragung von »Carols from King’s« gefunden hatte. Die Sendung hatte bereits angefangen, der Chor und die Gemeinde waren gerade bei der dritten Strophe von »It came upon the midnight clear« als er den Sender gefunden hatte.

»Yet with the woes of sin and strife

The world has suffered long;

Beneath the angel-strain have rolled

Two thousand years of wrong;

And man, at war with man, hears not

The love-song which they bring;

O hush the noise, ye men of strife,

And hear the angels sing!

For lo! the days are hast’ning on,

By prophet bards foretold,

When, with the ever-circling years,

Comes round the age of gold;

When peace shall over all the earth

Its ancient splendours fling,

And the whole world give back the song

Which now the angels sing.«

Während dieser Klänge entfernten sich Malte-Torben und der Geist der diesjährigen Feiertage aus der Wohnung der Familie Maier-Müller und landeten wieder in Malte-Torbens Schlafzimmer. Malte-Torben hatte die ganze Zeit nichts gesagt und starrte vor sich hin. 

Der maskierte Geist beugte seinen Kopf zur Seite, blickte Malte-Torben fragend an, schüttelte mit einer Grimasse den Kopf und sagte: »Alles dummes Zeug, nicht wahr?«

Malte-Torben sah ihn versteinert an und schluckte erst einmal, er hatte einen Kloß im Hals. »Nein«, sagte er leise und senkte seinen Blick. 

Der Geist kam noch einmal fragend näher. »Wie bitte? Ich kann dich nicht hören!«

»Nein«, antwortete Malte-Torben diesmal lauter, »und du weißt das auch.«

Der maskierte Geist trat wieder einen Schritt zurück und lächelte diabolisch unter seiner Maske. »Dachte ich es mir doch.«

Er ging noch ein paar Schritte durch Malte-Torbens Schlafzimmer. Vor einem Kampagnenposter der grünen Jugend blieb er stehen. 

»Refugees welcome, kein Mensch ist illegal. So so so …«, sagte er süffisant und drehte sich zu Malte-Torben, der das Gesicht verkniff. »Es wäre furchtbar interessant, sich mit dir weiter zu unterhalten«, sprach der maskierte Geist, »aber ich fürchte, meine Zeit ist abgelaufen. Dann also noch schöne Feiertage und …« – da war wieder das diabolische Grinsen – »bleib gesund!«

Malte-Torben blickte nicht einmal auf, als der Geist verschwand. Er verharrte noch lange regungslos auf seinem Bett sitzend, bis er einen Blick auf die Uhr warf. Es war mittlerweile 4:45 Uhr. Er beschloss, sich nicht wieder schlafen zu legen, zu viele Gedanken schossen durch seinen Kopf.

Der dritte Geist

Dann, um Punkt 5 Uhr morgens, erschien der nächste Geist. Malte-Torben war überrascht, er hatte wiederum einen furchteinflößenden Gast erwartet. Stattdessen erschien in seinem Zimmer ein kleines, blondgelocktes Kind in einem weißen Gewand und mit Flügeln. 

»Du musst der Geist der zukünftigen Weihnacht sein«, sagte Malte-Torben. 

»Da hast du recht, ich bin das Christkind, der Geist der zukünftigen Weihnacht«, antwortete das engelhafte Kind.

»Bitte«, sagte Malte-Torben eindringlich, »dann zeig mir doch bitte eine bessere Zukunft. Ich weiß, daß es dein Zweck ist, mir Gutes zu tun, und da ich noch zu leben hoffe, um ein anderer Mensch zu werden, als ich bisher war, bin ich willens, dich zu begleiten und tue es mit einem dankerfüllten Herzen«, sprach Malte-Torben. 

Er wunderte sich selbst über seine Wortwahl, er sprach mittlerweile fast wie aus einem alten Buch.

Das Christkind lächelte, nahm ihn an der Hand und flog mit ihm wortlos von dannen. Die beiden landeten in der Innenstadt der Zukunft, Malte-Torben wusste allerdings nicht genau wie viele Jahre vergangen waren. 

Es war Weihnachten, es schneite sogar. Es saßen noch mehr Bettler als üblich auf der Straße. Die Häuserfassaden wirkten verfallen und die meisten Menschen waren in Lumpen gekleidet. An den Straßenecken lagen kleine Haufen brennender E-Scooter und um sie herum Gruppen von Menschen, die sich an deren Feuer wärmten. Die wenigen Autos, die noch herum fuhren, schienen alte Diesel-Autos aus den frühen 2000ern zu sein.

»Mein Gott, was ist denn hier passiert?«, fragte Malte-Torben erschrocken das Christkind. »Das«, antwortete das Christkind, »ist das Resultat der grünen Deindustrialisierung. Du kannst stolz sein, ohne deine Theorien, die du in den nächsten Jahren entwickeln wirst, wäre der Umbau nie so schnell vonstatten gegangen.«

Malte-Torben traute seinen Augen nicht. All seine bisherigen Berechnungen liefen doch darauf hinaus, dass nachhaltig blühende Landschaften mit Windrädern und Solarzellen entstehen würden, nicht dystopische Höllenlöcher. 

Das Christkind las seine Gedanken. »Ja, da hattest du wohl ein paar Faktoren nicht in deine Berechnungen mit einbezogen. Die erneuerbaren Energien konnten niemals das liefern, was zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung notwendig war.«

»Aber wenn wir alle nur ein wenig einsparen …«, versuchte Malte-Torben seine Vorstellungen zu rechtfertigen.

Doch das Christkind unterbrach ihn. »Nachdem 2023 die ersten Blackouts kamen, war es mit allen schönen Vorstellungen schnell vorbei. In den Städten brachen bürgerkriegsähnliche Zustände aus und der Staat verlor zunächst den Zugriff über die Situation. Den konnte er erst mit Hilfe des Militärs wiederherstellen. Doch wer den Rubikon erstmal überschreitet …« Das Christkind lächelte. Es sah harmlos aus, kannte aber seine geschichtlichen Referenzen nur zu gut.

Das Gespräch wurde von einer Lautsprecherdurchsage jäh unterbrochen. »Der grüne Wohlfahrtsausschuss verkündet, dass die Trauerfeierlichkeiten für den Großen Denker am Gaiastag in der Halle der Nachhaltigkeit stattfinden werden. Alle Bürger:xen (dabei rappelte es im Lautsprecher als ob das Mikrofon zu Boden gefallen war) sind dazu eingeladen, ihrer demokratischen Gesinnung mit einer Kondolenzbekundung Ausdruck zu verleihen. Ende der Durchsage.«

Die Durchsage war noch nicht einmal verhallt, da rumorte es schon auf der Straße. Einige der Bettler – offensichtlich betrunken – fingen an rumzupöbeln, einer warf sogar mit einer Flasche nach dem Lautsprecher. Tatsächlich dauerte es nicht lange, dass eine Gruppe Polizisten um die Ecke kam, den Bettler mit Schlagstöcken vermöbelte und ihn wegzerrte. Darauf verhielten sich die anderen Bettler ruhig.

»Der Große Denker?«, fragte Malte-Torben erstaunt. Das Christkind wies lächelnd auf die Gruppe jener Bettler, die sich an den brennenden E-Scooterbatterien wärmten. Malte-Torben kam näher und lauschte ihrem Gespräch.

»Früher oder später musste es ja so kommen«, sagte einer der Bettler.

»Fast 20 Jahre hatte er die Menschen rumkommandiert, das konnte ja nicht gut gehen«, sagte ein Anderer.

»Ich bin ja gespannt, was sie mit dem Attentäter anstellen«, fragte ein dritter Bettler.

»Ach, den haben sie doch sicher schon längst weggeräumt«, meinte der Erste.

»Glaubst du?«, warf der Dritte ein. »Ich bin mir nicht sicher, ob es beim Wohlfahrtsausschuss nicht einige gibt, denen der Attentäter damit einen Gefallen getan hat.«

»Jaja, das kann schon sein«, gab der Zweite zu bedenken, »aber das können die nicht offen zeigen. Ein Exempel müssen sie trotzdem an ihm statuieren.«

»Jungs, ihr mögt ja mit allem Recht haben, aber ich hab echt keine Lust darauf heute Nacht im Ministerium für Schönsprech zu verbringen. Ich besorg mir lieber was zu essen«, sagte ein vierter Bettler und verabschiedete sich aus der Gruppe. 

Malte-Torben folgte dem alten Mann instinktiv. Der Bettler ging ein paar Blöcke durch die verschneiten Straßen der Stadt. Immer wieder waren im Hintergrund Sirenen und Lautsprecherdurchsagen zu hören, manchmal auch Schreie, es war ein gespenstisches Ambiente. Schließlich kam er zu einem unscheinbaren Haus, an dessen Tür er rhythmisch klopfte. Er hob seinen Kopf zu einer Überwachungskamera, sodass sein Gesicht sichtbar wurde. Dann surrte der Türöffner und der Bettler konnte eintreten. Malte-Torben und das Christkind folgten ihm ins Innere.

Der Bettler wurde von einem jungen Priester in Soutane mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. »Gesegnete Weihnachten, Uwe!«, sagte er zu dem Bettler. 

»Frohe Weihnachten, Vater Maier-Müller!«

Der Priester half dem Bettler aus seinem Mantel und führte ihn in die Küche. Malte-Torben war perplex. Uwe? Der Bettler war sicherlich 75 Jahre alt, konnte es tatsächlich Facility Manager Uwe gewesen sein? 

Und der Priester, »Vater Maier-Müller?« Sollte das gar … der Sohn von Herrn Maier-Müller sein? Die Verwirrung stand Malte-Torben ins Gesicht geschrieben, was das Christkind sichtlich amüsierte. 

»Komm, es gibt hier noch mehr zu sehen«, sagte das Christkind. 

Sie betraten die Küche. Hier stand eine Reihe von Bänken, in denen viele Bettler saßen und sich an einem Teller Suppe wärmten. Am Tresen stand Priester Maier-Müller mit einer Frau von knapp Mitte 30. Ihr zur Seite standen ein Mann und drei Kinder im Alter von ungefähr fünf bis zehn Jahren.

»Schwesterherz, gib doch Uwe bitte einen Teller Suppe«, sagte der Priester zu der Frau. 

In Malte-Torben begann es wieder zu arbeiten. Waren das tatsächlich die Maier-Müller-Kinder? Die Frau wandte sich an den Mann zu ihrer Seite. »Liebster, kannst Du mir bitte noch einen Teller und etwas Besteck bringen?« 

Der Mann nickte und verschwand im Vorratsraum. Das jüngste Kind folgte ihm, die beiden älteren holten währenddessen Getränke und Servietten.

»Besten Dank, Schätzchen«, sagte Bettler Uwe zu der Frau. Dann wandte er sich an den Priester. »Wissen Sie, auf der Straße munkelt man so einiges über den Tod des großen Denkers«, sagte Uwe mit einem verschmitzten Lächeln. 

Der Priester antwortete freundlich, aber bestimmt: »Nun, da bin ich mir ganz sicher. Auf der Straße munkelt man immer irgendetwas.« 

Da warf die Frau ein: »Es ist doch schrecklich, wenn man darüber nachdenkt. Ja, er hat natürlich viele schlimme Dinge verursacht, aber so ein Ende wünscht man doch niemandem.«

»Nein, natürlich nicht. Er wird für seine Sünden vor Gott selbst gerade stehen müssen, darüber haben wir nun nicht mehr zu urteilen,« sagte der Priester, worauf die Frau nachdenklich hinzufügte: »Kaum zu glauben, dass wir einmal im selben Haus gewohnt hatten.«

Malte-Torben war überrumpelt von der Menge an verwirrenden Eindrücken. Er hatte noch immer nicht den desolaten Zustand der Welt überwunden, und dazu kam nun die Frage, ob Uwe ein Bettler, der Sohn der Maier-Müllers ein Priester und seine Schwester doch noch eine verheiratete Frau mit drei Kindern geworden war? 

Vor allem aber nagte an ihm zunehmend die Frage, wer denn dieser große Denker war, von dem alle sprachen. Die dunkle Vorahnung verdrängte er geflissentlich.

Der junge Priester läutete eine Glocke und rief die versammelten Bettler zur Feier der Weihnachtsmesse in die angrenzende Hauskapelle. Es war ein kleiner, unscheinbarer Raum. Eigentlich nur ein umfunktioniertes Wohnzimmer, es passten mit Müh und Not kaum 20 Personen in den Raum. Offensichtlich handelte es sich um eine versteckte Kirche.

Dennoch bemühten sich die Anwesenden, ihre Weihnachtslieder mehr schlecht als recht zu singen. Gewiss, es war kein Vergleich zu »Carols from King’s«, ja nicht einmal zu Helene Fischer, aber ihr Gesang versprühte dennoch ein klein wenig weihnachtliche Wärme in einer Welt, in der es ansonsten an Wärme – in den Herzen, wie in den Heizkörpern – mangelte.

Malte-Torben und das Christkind ließen die feiernden Menschen alleine und traten wieder auf die Straße. Malte-Torben wusste nicht so recht, wohin er nun gehen sollte, also beschloss er, ein wenig herumzuspazieren. 

Es war nun mittlerweile sehr windig geworden, der Schnee fegte über die Straße und die Kälte ging Malte-Torben durch Mark und Bein. Da erreichte er einen großen Platz, das Schild wies ihn als »Platz der Windkraft« aus. Angesichts der bitterkalten Witterungsverhältnisse an diesem Abend war der Name trefflich gewählt. 

Malte-Torben ging über den menschenleeren Platz, die Fenster der umliegenden Häuser waren dunkel, keine Freude ging von irgendwo aus. Nur eine grüne Infosäule stand an einer der Ecken des Platzes, über deren Bildschirm permanent irgendwelche Neuigkeiten flimmerten. Malte-Torben ging auf die Säule zu. Auf dem Bildschirm waren glückliche Menschen aller Rassen dieser Erde zu sehen. Die dazugehörige Nachricht besagte, dass eine offensichtlich erfolgreiche Band (zu der diese Menschen gehörten) in ein fremdes Land gefahren war, um mit dem dortigen Herrscher ein ernsthaftes Wort über die mangelhaften Sprachregelungen zur Repräsentanz von Groomern in seinem Land zu reden. Eine Militärdelegation unserer Armee begleitete sie, um ihren Worten entsprechendes Gewicht zu verleihen.

Während Malte-Torben sich noch dachte, dass wohl nicht alles schlecht an der Zukunft sei, sprang die Infosäule um und es erschien ein Bericht über den Tod des »Großen Denkers«, des Nationalphilosophen der Zukunft. In höchsten Tönen, die in krassestem Gegensatz zu den Gefühlen der Menschen auf der Straße standen, lobte der Bericht die Errungenschaften des »Großen Denkers«, der zum Aufbau der »grünen Ordnung« solch einen wichtigen Beitrag geleistet hatte.

Malte-Torben gefror das Blut in den Adern. Das Bild des »Großen Denkers« bestätigte seine tiefsten Ängste. Es war ein Mann von knapp 60 Jahren, vielleicht etwas jünger, aber er erkannte ihn sofort, die Ähnlichkeit war zu offensichtlich. Der »Große Denker« war niemand anders als er selbst. 

Malte-Torbens Jugendtraum war somit in Erfüllung gegangen. Er war zu einer berühmten Person, einem bedeutenden Revolutionär geworden. Doch was war das Resultat?

Mit Schrecken blickte er um sich und sah eine Stadt in Armut, ein großstädtisches Gefängnis für all jene Menschen, die zu arm waren, um anderswo zu leben. Und das waren die Meisten. Sie wurden kontrolliert aus einem Netzwerk an Lautsprechern, Kameras und der Polizei. Und an all dem trug Malte-Torben Mitschuld?

Ihm wurde übel. Er hatte gehofft, eine Zukunft zu sehen, die die Früchte der guten Taten, die er sich vorgenommen hatte, zeigte. Stattdessen präsentierte ihm das Christkind eine Welt, in der die letzten Reste von Freiheit und Glauben versteckt in kleinen Enklaven bewahrt wurden. Malte-Torben musste sich übergeben.

»Geht es Dir nicht gut?«, fragte das Christkind mit einem freundlichen Lächeln. 

»Nein, nein, das ist furchtbar«, schrie Malte-Torben. »Bring mich bloß weg von hier, das kann alles nicht wahr sein.« 

Das Christkind erfüllte ihm den Wunsch und prompt befanden Sie sich wieder in Malte-Torbens Zimmer. Malte-Torben war erschöpft, wie erschlagen lag er ausgebreitet auf seinem Bett. Er bemerkte im Halbschlaf kaum, wie das Christkind sich wieder verabschiedete, doch bevor es das tat, flüsterte es ihm noch ins Ohr: »Mach was draus!« Und entschwand.

Malte-Torben war so erschöpft von dieser Nacht, dass er sofort einschlief. In seinen unruhigen Träumen passierten einige der Ereignisse der Nacht in seinem Kopf Revue. Er sprach im Schlaf und rief öfters »Nein!« oder »Bitte nicht!« Doch irgendwann beruhigte sich sein Schlaf.

Die große Läuterung

Als Malte-Torben um neun Uhr aufwachte, war es bereits hell. Für einen Moment fragte er sich, ob alles ein Traum gewesen war, aber selbst diese Frage war für ihn nebensächlich. Er fühlte sich voller Elan, öffnete das Fenster und sah, dass es geschneit hatte. Die Sonne schien. Aus seinem Fenster sah er Frau Maier-Müller aus dem Haus gehen und rief ihr lauthals »Frohe Weihnachten!« zu. 

Frau Maier-Müller wandte verdutzt ihren Blick nach oben, lächelte, als sie ihren Nachbarn erkannte und rief ebenfalls »Frohe Weihnachten!«

Malte-Torben beschloss, nun vollends wach, dass er sein Leben von Grund auf ändern würde. Zunächst ging er auf Twitter und verkündete, dass er nun doch auf der Plattform bleiben würde, wartete aber nicht auf die entsprechenden Reaktionen seiner Blase. Dieses Dopamin hatte er nun nicht mehr nötig. 

Danach öffnete er die Datei des neuesten Aufsatzes, an dem er schrieb. Der Titel lautete: »Auf dem Weg in die Klimaapokalypse!« Entschlossen löschte Malte-Torben das Ausrufezeichen und ersetzte es durch ein Fragezeichen. Malte-Torben war zufrieden: Schon wieder ein wichtiges Zeichen gesetzt! So konnte es weiter gehen.

Er fragte sich, was er noch Gutes tun konnte. Da hatte er eine Idee. Er besuchte die Webseite der Bundesagentur für Arbeit. Kollegen hatten ihm erzählt, dass es da einige sehr interessante Weiterbildungsangebote gab. Schon hatte er gefunden, was er suchte und ließ Infomaterial des Kurses »Neu durchstarten mit 50+« an die Adresse von Herrn Maier-Müller senden.

Dann rief er seine Freundin vom Bioladen, Amelie-Aimée an, und bat sie, einen Präsentkorb für die Maier-Müllers für 100 Euro zusammenzustellen. 

»Was soll denn alles rein?«, fragte Amelie-Aimée. »Ach, auf jeden Fall Tofu, Sojamilch, irgendwas mit Proteinen…«, sagte Malte-Torben, aber Amelie-Aimée unterbrach ihn hastig: »Langsam, langsam … das wird bei dem Budget ja schon langsam knapp.«

»Du machst das schon«, lachte Malte-Torben, bedankte sich und legte auf. 

Schon hatte er die nächste Idee. Er kannte da eine tolle Künstlerin mit therapeutischer Zusatzausbildung. Malte-Torben fand ihre Webseite, las über »Hilfe in schweren Lebenslagen mit Hilfe der Schüttbildtechnik« und war sofort überzeugt. Prompt buchte er einen Schnupperkurs »Kreative Krisenbewältigung mit Anabel Görlach-Bennani« und schickte den Gutschein in einem veganen Briefumschlag an die Tochter der Familie Maier-Müller. Beigelegt war eine Grußkarte mit dem Satz: »Frohe Weihnachten von einem guten Geist!«

Nun blieb vorerst noch eins zu tun. Er googelte die Adresse von Facility Manager Uwe, schwang sich auf sein E-Bike, fuhr drei Meter und entschloss sich, bei Schnee doch nicht Rad zu fahren. Stattdessen nahm er die U-Bahn, dann die Straßenbahn und danach noch einen Bus, um schließlich nach knapp zwei Stunden Fahrzeit bei Uwes Plattenbau anzukommen. 

Seinen ersten Plan, Uwe eine Wochenkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel zu schenken, hatte er nach dieser Fahrt verworfen. Aber er hatte eine neue Idee. Er läutete bei Uwe und als dieser die Tür öffnete und ihn verwundert ansah, bedankte sich Malte-Torben zunächst artig für die Reparatur der Klimaanlage im Sommer, nur um Uwe danach aufzufordern mit ihm mitzukommen, er habe eine Überraschung für ihn. 

Uwe war zunächst skeptisch, aber seine Frau fand den jungen Mann »doch ganz nett« und drängte Uwe einfach nachzugeben.

Unten angekommen fragte Malte-Torben: »Wo ist ihr Auto?« 

Uwe wies auf den Parkplatz. »Worum geht’s eigentlich?«, fragte Uwe perplex. 

Malte-Torben jedoch glänzte förmlich vor neugefundener Philanthropie. »Geduld, es ist eine Überraschung. Es wird Sie freuen. Kommen Sie«, forderte Malte-Torben Uwe auf. Leicht widerwillig setzte Uwe sich ans Steuer und fuhr los.

»Auf zur nächsten Tankstelle«, verkündete Malte-Torben mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. 

Uwe wunderte sich noch immer, was all das sollte, tat aber, was Malte-Torben sagte. Doch als sie bei der nächsten Tankstelle ankamen, hatte diese am Feiertag geschlossen. »Ach, das ist ja doof«, meinte Malte-Torben. »Dann zur nächsten.« Aber auch diese hatte geschlossen. 

Letztendlich fuhren die Beiden durch die halbe Stadt, ehe sie eine Tankstelle fanden, die geöffnet hatte. Da rief Malte-Torben stolz: »Frohe Weihnachten! Ich weiß, wie teuer der Diesel für Sie mittlerweile ist. Die heutige Tankfüllung geht auf mich!«

»Aber …« Uwe probierte etwas zu sagen, doch Malte-Torben war schon ausgestiegen. Er suchte ein wenig ungeschickt den Tankdeckel, er selbst hatte ja keinen Führerschein. Uwe stieg aus und half ihm. Dann lief der Diesel und der Zähler an der Zapfsäule rotierte. Schon bei zwölf Euro war der Tank voll. Malte-Torben blickte Uwe verdutzt an. 

»Ich hatte gestern Abend auf dem Heimweg noch vollgetankt«, sagte Uwe achselzuckend. 

Die Überraschung war damit nicht ganz so gelungen wie Malte-Torben es sich erhofft hatte. Dafür besorgte er spontan noch einen Hafer-Lattecino für Uwe bei der Tankstelle. 

Als er wieder ins Auto einstieg, fragte Uwe freudig: »Oh, was ist das? Kaffee?«

»Nein, das ist nicht einfach nur Kaffee, das ist ein Hafer-Lattecino«, erklärte Malte-Torben stolz.

»Oh …«, antwortete Uwe und die Freude war wie weggeblasen von seinem Gesicht. 

»Der ist noch heiß, ich stell ihn mal hier zum Abkühlen hin«, sagte Uwe und platzierte ihn im Getränkehalter. Malte-Torben nickte zufrieden.

Als sie wieder beim Haus von Uwe angekommen waren, verabschiedete sich Malte-Torben. »Keine Ursache«, sagte er selbstzufrieden, »nur wenn wir einander helfen, wird die Welt ein besserer Ort.« 

Uwe sagte gar nichts mehr und sah Malte-Torben nur noch verwirrt an. 

»Also, machen Sie’s gut, wir sehen uns im neuen Jahr!« Malte-Torben stieg aus und ging fröhlichen Schrittes von dannen. Uwe blickte ihm noch einen Moment verwundert nach. Dann streifte sein Blick den mittlerweile eiskalten Hafer-Lattecino und er überlegte, wo er diesen am Besten entsorgen könnte. 

Bevor er ausstieg, warf er noch einen Blick auf die Tankanzeige. Aufgrund der langen Fahrt zu einer offenen Tankstelle war der Tank nun weniger gefüllt als am Morgen, bevor sie wegfuhren. »Was zum Geier sollte das alles?«, fragte sich Uwe, stieg aus und ging nach Hause.

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