Widerstand und Aufklärung: Der Sandwirt

Der Tiroler Volksheld Andreas Hofer (1767 – 1810), bekannt auch unter seinem Hausnamen der Sandwirt, wird oft dargestellt als jemand, der sich gegen angeblich aufklärerische Reformen stellte. Die bürokratiemäßige Behandlung von Land und Leuten, Militärzwang, die Zwangsimpfung von Teilen der Bevölkerung und dergleichen, das alles sollte den Leuten zu Hofers Zeit als Fortschritt, als Aufklärung verkauft werden. In Wirklichkeit handelte es sich dabei um eine Gegenaufklärung – eine neue „Religion“ war entstanden, inklusive Konfessionen wie etwa Etatismus, Materialismus oder Positivismus. Fjodor Dostojewski (1821 – 1881) ließ später in seinen Romanen sinngemäß sagen, dass der Staat in die Fußstapfen der Kirche getreten war; jedoch ohne die Milde oder Barmherzigkeit der Kirche. 

Widerstand gegen die Gegenaufklärung

So werden Andreas Hofer – neben vielem anderem – anti-aufklärerische Tendenzen insbesondere auch wegen seines Widerstandes gegen die zwangsweise Pockenimpfung vorgeworfen, die in der „aufgeklärten“ Despotie Bayern 1807 eingeführt wurde, unter deren Joch die Tiroler 1809 standen, als der Sandwirt seinen Aufstand probte. 

Hier soll keine Charakterstudie Andreas Hofers erfolgen, der noch heute von vielen seiner Landsleute verehrt wird und von dem nach wie vor die Tiroler Landeshymne, das Andreas-Hofer-Lied handelt. Es geht hier um Hofers Widerstand gegen die zwangsweise Beseitigung von historisch gewachsenen sozialen Strukturen und gegen Fremdherrschaft. 

In seinem Ringen für die Freiheit der eigenen Entscheidung, für regionale Selbstbestimmung und gegen willkürlichen Zwang, der mit pseudo-naturwissenschaftlichen Mutmaßungen verargumentiert wurde, stand Hofer eher auf der Seite der Aufklärung, als diejenigen, die weißmachen wollen, Zentralisierung von Macht, Bürokratisierung des Lebens oder szientistische „Rechtfertigung“ von Zwangsmaßnahmen hätten etwas mit Aufklärung zu tun.

Immanuel Kant (1724 – 1804) beschrieb den Wesenskern Aufklärung vor allem als den Weg hin zum Gebrauch des eigenen Verstandes: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, war sein Leitgedanke, und nicht der Gehorsam gegenüber einer neuen Priesterschaft aus Gelehrten und politischen Akteuren. Den Bürokratismus seiner Zeit, die amtsmäßige Verwaltung der Bevölkerung durch die Obrigkeit, sah Kant keineswegs als einen aufklärerischen Fortschritt an, sondern im Gegenteil:

„Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs seiner Naturgaben [des Menschen], sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit.“

Wenn Hofer vorgeworfen wird, in Teilen seiner Anschauungen ebenfalls reaktionär und anti-aufklärerisch gewesen zu sein, mag dies zutreffen. Aber das, wofür der Sandwirt heute im Ansehen seiner Landsleute sinnbildlich steht, also für den Widerstand gegen unter dem Banner der Aufklärung maskierten Zwang und gegen Fremdherrschaft, ist nicht „anti-aufklärerisch“ – im Gegenteil.

Hofers Kampf war aussichtslos – nicht aus militärischen, sondern aus psychologischen Gründen

Der Kampf Andreas Hofers gilt als ein Kampf „David gegen Goliath“. Mit einer Handvoll Tiroler Schützen trat er gegen das übermächtige napoleonische Militärbündnis an. Aber sein wirklicher, noch größerer Gegner war der Zeitgeist – der teilweise auch in ihm selber wirkte.

Immanuel Kant meinte sinngemäß, dass keine Revolution Freiheit und Aufklärung bringen könne, solange die Menschen noch in ihren hergebrachten, unaufgeklärten Haltungen verharrten. „Das Publikum“, so Kant, welches zuvor von seinen Vormündern unter das Joch gebracht worden sei, möchte dann sinngemäß nur selbst herrschen, eben nach den eigenen „Vorurteilen“, die man ihm eingepflanzt habe. Durch Revolution könne man sich zwar „persönlichem Despotismus und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung“ entledigen, aber durch eine Revolution käme es nicht zu einer „wahren Reform der Denkungsart“. Vielmehr würden eben die „neuen Vorurteile“, also falsche Ideen, zusammen mit den alten zu Leitgedanken „des gedankenlosen großen Haufens“. 

Was wir von Andreas Hofer heute lernen können

In Wirklichkeit kämpfte Hofer also nicht gegen Goliath; einen Goliath konnte David besiegen. Er kämpfte eher einen wirklich aussichtslosen Kampf wie derjenige des Don Quijote von der Mancha gegen Windmühlen.

Kant stellte zu seiner Zeit ernüchternd fest, dass man nicht in einem aufgeklärten Zeitalter lebe, sondern in einem Zeitalter der Aufklärung. Wenn der zentrale Punkt nach Kant der Mut ist, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, dann lebt man in einem Zeitalter, in dem es heißt „Folgen Sie der Wissenschaft!“, „Hören Sie auf die Experten!“ oder „Glauben Sie amtlichen Quellen!“, in einem Zeitalter, in dem der Einzelne geradezu entmutigt wird, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. 

Es ist kein Zeitalter der Aufklärung, sondern der Gegenaufklärung. Denn gemäß diesen Ideen wäre es völlig sinnlos, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Man ist ja nicht „die Wissenschaft“, und selbst wenn man „Experte“ ist, dann ist man ja nicht „Experte für alles“, müsste also bei den meisten Themen seinen Verstand wieder „im Keller lassen“ und einfach vertrauen oder besser: glauben. 

Wir können mit den Fähigkeiten unseres eigenen Verstandes erkennen, dass sich Herrschaft nicht wissenschaftlich „rechtfertigen“ lässt – und zwar a priori nicht. Das ergibt sich aus Ludwig von Mises‘ (1881 – 1973) Logik des Handelns (Praxeologie) und kann von jedermann verstandesmäßig nachvollzogen werden. 

Aber es liegt eben nicht am unzureichenden Verstand, dass die Menschen dies nicht erkennen, sondern es hat psychologische Ursachen, dass sie dies nicht erkennen wollen. Sie können ihren Verstand nicht „vorurteilsfrei“ oder „mündig“ gebrauchen, weil sie verängstigt und in den geistigen „Gängelwagen“ gesperrt wurden, so Kant sinngemäß. 

Und Kants These der Unmündigkeit oder Infantilität der Gesellschaft teilte der analytische Psychologe C. G. Jung (1875 – 1961) auch 1958 noch, wenn er sagte: „Sie müssen nur die Zeitungen lesen und die Politik studieren. Das ist so unvorstellbar kindisch, dass es einem davor graut.“

Kant meinte, das „Publikum“, das, was Ludwig von Mises „die Masse der Menschen“ nannte, könne nur langsam zur Aufklärung geführt werden. Was man also tun kann, ist, erstens für die Ideen von einem friedlichen und freundlichen Zusammenleben werben und deren Vorteile auch wissenschaftlich – nämlich handlungslogisch – begründen. 

Zweitens kann man dafür werben, dass die Äußerung der eigenen Gedanken in Wort und Schrift nicht beschränkt wird. Kant meinte, „dass ein Publikum sich selbst aufkläre“ sei, „wenn man ihm nur die Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich.“ Auch wenn Zensur heute nicht mehr Zensur heißen mag, sondern als „Cancel Culture“, „Kontaktschuld“, „Fakten-Checking“ und dergleichen daherkommt, so geht es doch darum, andere Auffassungen zu unterdrücken.

Und drittens können Menschen sich ihrer eigenen Unmündigkeit entledigen, indem sie ihre infantilen, aus der Kindheit herrührenden Einstellungen und Überzeugungen reflektieren und korrigieren, insbesondere im Hinblick auf Schuld, Gehorsam, Ungenügen, Angst vor Trennung und dergleichen. So können sie in ihrem Umfeld selbst zu „Leitbildern“ werden und ihre Mitmenschen inspirieren, wie es aussehen kann, wenn einer es wagt, „mündig“ zu werden, also seiner Unmündigkeit zu entkommen.

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