Worum sich der 1. Mai dreht

Hätten Sie’s gewusst? Am 1. Mai wird der Todestag des Heiligen St. Sigismund gefeiert. Der Burgunderkönig hatte sich gegen den Willen seines Vaters katholisch taufen lassen, was viele Frühchristen zum Vorbild nahmen.  Mit seiner ostgotischen Frau hatte er vier Kinder, aber dann starb sie. Er heiratete darauf eine Dienerin seiner Frau, aber diese böse Stiefmutter verleumdete Sigerich, einen von Sigismunds Söhnen, als „Empörer”, sie strickte also eine Verschwörungstheorie gegen ihn und behauptete, er habe es auf den Thron abgesehen. 

Sigismund glaubte seiner Frau – und ließ seinen Sohn erdrosseln. Aber diese Sünde bekam ihm nicht gut. Denn Sigerich war ja der Sohn einer ostgotischen Mutter, und die Ostgoten hatten mit diesem Mord an einem der ihren ein dickes Problem und kündigten das Bündnis mit den Burgundern auf. So auf sich alleine gestellt, war Sigismund leichte Beute für die rachsüchtigen Franken. Da half es ihm auch nicht, ein Kloster zu stiften und viel zu beten. 

Die Franken hatten nämlich einen alten Hass auf die Burgunder, seit die beiden einst verbundenen Völker durch einen Brudermord entzweit worden waren: Der Vater Sigismunds hatte seinen eigenen, rivalisierenden Bruder beseitigt, der Ermordete aber war nunmal auch der Großvater des Frankenkönigs. Der nutzte die momentane Schwäche der Burgunder, marschierte kurzerhand ein und nahm Sigismund, seine Frau und seine zwei übrigen Söhne gefangen. 

Sigismunds Bruder gelang es zwar, das Burgunderreich wieder zurückzuerobern, aber Sigismund wurde dafür in der Gefangenschaft samt Familie kopfüber in einen Brunnen gestürzt. Das war am 1. Mai 524, also vor 1499 Jahren. Damit war seine Zeit der Buße auf Erden beendet. Hätte er sich nur mal von Verschwörungstheorien nicht so einwickeln lassen …

Die katholische Kirche sah ihn als Märtyrer. Und seitdem wird sein Todestag gefeiert.

Na, zugegeben, dieser Feiertag wird nur in Hildisrieden, Schüpfheim und Muotathal gefeiert, drei Gemeinden in der Zentralschweiz. Überall sonst auf der Welt gedenkt man am 1. Mai eher dem Anarchisten August Spies, der auch ein Märtyrer war, allerdings wurde er nicht heilig gesprochen. 

Moving Day

Der hoch intelligente Förstersohn August Vincent Theodor Spies geriet im Alter von 17 Jahren in eine missliche Lage: Sein Vater war gestorben und seine Familie konnte ihn nicht mehr ernähren. Also wanderte er in die USA aus, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. 1872 kam er in New York an und suchte sein Glück, indem er Möbelschreiner lernte. Nur vier Jahre später machte er sich in Chicago selbstständig und war erfolgreich genug, dass er seine Mutter und seine jüngeren Geschwister zu sich holen konnte.

Als er Zeuge wurde, mit welcher Brutalität die Polizei einen großen Streik von Eisenbahnarbeitern niederschlug, begann er, sich in der Arbeiterbewegung zu engagieren. Er konnte gut schreiben und übernahm die Geschäftsführung und Herausgeberschaft der Chicagoer Arbeiter-Zeitung, einer anarchistischen Zeitung in deutscher Sprache, deren Publikum deutschstämmige Einwanderer waren.  

Dann kam wieder mal ein 1. Mai. Dieses Datum ließ in den industrialisierten Städten jedes Jahr die Emotionen hochkochen, weil viele Verträge mit Fabikarbeitern am 30. April ausliefen und der 1. Mai darum „Moving Day” genannt wurde: Der Tag an dem die Familienväter eine neue Arbeit annehmen mussten, was zwangsläufig oft mit einem Umzug der ganzen Familie verbunden war. 

An diesem Tag im Jahr 1886 formierten sich überall in den USA große Kundgebungen und Streiks. Außer um die Arbeitsplatzsicherheit ging es den Demonstranten auch um eine Reduzierung der täglichen Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden. Die Arbeiter schlossen sich zusammen, um für eine Verbesserung ihres Lebens zu kämpfen. 

Die Kundgebung in Chicago war besonders groß, die Gewerkschaften trommelten rund 90.000 Demonstranten zusammen, die Arbeiter-Zeitung von August Spies trommelte mit. Auf das Konto von Spies ging auch ein großer Erfolg der Gewerkschaften, der dem Aufmarsch drei Wochen vorausgegangen war. Eine Fabrik in Chicago hatte rund 1.000 Arbeiter ausgesperrt, die mit Streik gedroht hatten. Die freigewordenen Stellen sollten mit arbeitssuchenden Einwanderern aufgefüllt werden, die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich mühelos zu rekrutieren waren – diesmal aber nicht, denn eine Kampagne von Spies mit seiner Arbeiter-Zeitung sorgte dafür, dass sich nur knapp 300 Arbeitssuchende meldeten. 

Dieser Sieg euphorisierte die Arbeiterbewegung. Und sie befeuerte den Hass des Establishments auf August Spies. Die Chicago Mail – heute würde man die Zeitung bei den Mainstream-Medien einsortieren, während die Arbeiter-Zeitung zu den alternativen Medien gezählt würde – rief die staatlichen Behörden dazu auf, an August Spies ein Exempel zu statuieren. 

Justizmord

Am Abend des 1. Mai hielt Spies eine flammende Rede auf der Kundgebung. Der Streik ging weiter. Am 3. Mai ging die Polizei schließlich auf die Demonstranten los und versuchte, die Versammlung mit Gewalt aufzulösen. Dabei erschossen die Beamten sechs Arbeiter.

Über Nacht sammelten sich daraufhin mehrere tausend wütende Arbeiter auf dem Haymarket Square. Heute würde der Aufruf zu einer solchen ungeplanten Versammlung mittels Twitter und Telegram verbreitet werden, im 19. Jahrhundert ging das fast genauso schnell mit Flugblättern. Auf einem der Zettel stand zweisprachig: „Arbeiter, bewaffnet euch und erscheint massenhaft!”

Am nächsten Tag, dem 4. Mai, knüppelte und schoss die Polizei wieder um sich, da warf einer eine Bombe in ein Gerangel von Polizisten und Demonstranten. Zwölf Menschen starben sofort, weitere erlagen am selben und den folgenden Tagen ihren Verletzungen. Unter den Todesopfern waren sieben Polizisten.

Sofort nachdem die Bombe explodiert war, schossen die Polizisten wahllos in die Menge und töteten und verletzten dabei eine unbekannte Zahl von Menschen. Die Demonstranten versuchten sich zu wehren. Der Polizeieinsatz eskalierte komplett und wurde zu einem Gemetzel.

Der Bombenwerfer wurde nie gefunden. Aber dafür wurden acht Anarchisten verhaftet und sieben davon zum Tode verurteilt. Und das, obwohl in keinem der acht Fälle eine Verbindung zu dem Bombenanschlag bewiesen werden konnte. Nach heutigem und eigentlich auch damaligem Rechtsverständnis waren die Angeklagten allesamt unschuldig. 

Die Begründung des Gerichts für die Verurteilung lautete, der Bombenwerfer habe aufgrund der Ideen der Angeklagten gehandelt und darum seien sie ebenso schuldig wie der Bombenwerfer. – Ein abenteuerliches Beispiel von Gesinnungsjustiz. Sieben glatte Justizmorde.

Unter den Opfern des mordenden Staats war auch August Spies. Bevor er erhängt wurde, sagte er zu den Beamten: 

„Die Zeit wird kommen, wo unser Schweigen stärker ist als die Stimmen, die Sie heute erdrosseln.”

Feiertag

Die Kommunisten griffen das folgenreiche Drama der „Haymarket Riots” auf und riefen erstmalig weltweit den 1. Mai 1890 als „Kampftag der Arbeiterbewegung” aus. Seitdem wird der 1. Mai jedes Jahr als Protest- und Gedenktag mit Streiks und Demonstrationen auf der ganzen Welt begangen. In vielen Ländern wurde der 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag. 

In Österreich kamen am 1. Mai 1890 über 100.000 Menschen zur bis dahin größten Demonstration aller Zeiten in Wien zusammen. Seit 1919 wurden die jährlichen Aufmärsche dann als offizieller österreichischer Feiertag begangen. 

In Deutschland erklärten erst die Nationalsozialisten ab 1933 den 1. Mai zum „Tag der nationalen Arbeit”, die Bundesrepublik und die DDR übernahmen den Feiertag nahtlos. 

In der Schweiz hat jeder Kanton seine eigene Regelung, vom festen Feiertag über halbe Feiertage bis zum regulären Arbeitstag.

Die meisten Menschen auf der Welt nutzen den Tag der Arbeit heute allerdings einfach als zusätzlichen Erholungstag. 

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