Zeitenwende und Wendezeiten

2022 anno domini, das Jahr der Zeitenwende. Der Ukraine-Krieg hat sie uns beschert. So erklärt von Bundeskanzler Olaf Scholz im Frühjahr, als er erst wenige Monate im Amt war, aufgehängt zunächst an der Verteidigungsfähigkeit des Landes. Die zuvor nicht einmal mehr „bedingt“ gegeben war, um das geflügelte Wort des „Spiegel-Skandals“ zu zitieren, bei dem es vor 60 Jahren schon um dasselbe Thema ging. Tatsächlich haben Verteidigungsminister, vor allem -ministerinnen von der CDU, die Bundeswehr vor kurzer Zeit noch geradezu mit Wonne heruntergewirtschaftet, kaputtgespart, Material verrotten lassen. 

Offenbar waren die Verantwortlichen der Meinung, all das entspräche doch sowieso voll und ganz nur dem romantisch pazifistischen Grundton der deutschen Gesellschaft. Die Medien des Landes, ganz in „Verantwortung vor unserer eigenen Geschichte“, korrigierten sie in diesem Glauben jedenfalls nicht. Eigentlich hätte man die Bundeswehr auch gleich abschaffen können. So sah es bisher aus.

Und jetzt die „Zeitenwende“. Ob sie wirklich kommt, das ist eine ganz andere Frage, aber: immerhin. Auch andere haben schon eine Wende vollzogen, zumindest erstmal verbal. Der grüne Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter, immerhin ein Linksaußen der insgesamt schon linken Partei, einer pazifistischen zumal, sagte auf einmal: „Was wir der Ukraine liefern müssen, sind Waffen, Waffen, Waffen“. Und die grüne Außenministerin Baerbock rief noch hinterher, es müssten ausdrücklich „schwere Waffen“ sein. Der Tonfall im linken öffentlichen Raum, im politisch korrekten Raum, dem „woken“ Milieu, wie es auf neudeutsch heißt – hat sich also ganz schön geändert.

„Als der Ulli rechts abbog“

Ich kann das sogar nachvollziehen, denn auch ich habe eine Wende hinter mir. Zumindest eine deutliche Kurve. So jedenfalls sieht es die linke Tageszeitung „taz“, für die ich lange gearbeitet habe. 2018, zu ihrem 40jährigen Jubiläum, hat die taz eine dreiseitige Titelgeschichte über mich veröffentlicht unter der Überschrift: „Als der Ulli rechts abbog“. 

Vielleicht ein wenig viel der Ehre durch meine alten Kollegen, aber es stimmt schon. 1979 habe ich die linke, ja auch linksradikale Tageszeitung mitgegründet, und war dann, nach einer Reihe von Zwischenstationen, zunächst bei anderen linken Blättern, dann aber zuletzt 15 Jahre lang Autor der konservativen Zeitung „Welt“ und „Welt am Sonntag“. Und heute bin ich Autor in ebenfalls konservativen Blogs, regelmäßig in der „Achse des Guten“ und jetzt auch mal hier im „Sandwirt“. Und ich habe vor einiger Zeit sogar der rechten Zeitung „Junge Freiheit“ ein Interview gegeben. Links bin ich jedenfalls nicht mehr. Wie ist es dazu gekommen?

Der so überlange taz-Beitrag über mich als Renegat war äußerst fair, ich habe vorher mehrere Stunden in meinem Haus mit dem Autor gesprochen. Und ich war dann auch bei den Feierlichkeiten zum 40. taz-Jubiläum gewesen, habe im Redaktionsgebäude mit vielen angestoßen und viel gelacht, geflirtet, es war herzlich. Ob wohl manch einer der alten Kollegen, mit dem ich an dem Abend anstieß, insgeheim inzwischen ähnlich denkt wie ich? Manche Andeutungen ließen dies vermuten. Solche Begegnungen, solche Dialoge und solcher Smalltalk, ja solche persönlichen Wendungen und politischen Volten über die gesellschaftlichen Flügel hinweg, zwischen rechts und links, können also durchaus auch ohne Geschrei, Hass und die Aufkündigung von Freundschaften laufen. 

Kleine persönliche Wenden

Auch in der taz stehen heute Artikel, einzelne zwar, aber immerhin auch solche, die sich gegen den sogenannten „Mainstream“ richten, die überraschend sind, die sich etwa gegen die Verbrämung, gegen die Romantisierung der unkontrollierten Zuwanderung in die Sozialsysteme als Glücksfall für unser Land wenden. Ein bisschen von ihrem einstigen Rebellentum hat sie nämlich behalten, die taz, auch in ihrem eigenen Milieu. Kleine persönliche Wenden mal für zwischendurch. Auch wenn andere Beiträge in der linken Zeitung heute tonangebend sind. Ich vertrage mich jedenfalls mit vielen meiner alten, linken Freunde. Und sowieso gibt es überall genug Gründe, sich über die gesellschaftlichen Gräben respektvoll zu begegnen. Man kann mit so einer Haltung Überraschungen erleben.

Ich liefere bei solchen Gelegenheiten übrigens auch gern selbst Überraschungen. Zum Beispiel trete ich, der Rechte, oder „Neurechte“, wie jene, die mir böse wollen, mich bisweilen bezeichnen – als vielfach gescholtener „Klimaleugner“ jedenfalls leidenschaftlich für ein Tempolimit und für Verkehrsberuhigung in den Städten ein.

Und beim Thema Ukraine treffen sich auf einmal sogar Linksaußen und Rechtsaußen in ihrem Putin-Verständnis. Da werden aus Kritikern von Merkel, die ihr die Vernachlässigung der deutschen Wehrhaftigkeit vorwarfen, plötzlich fundamentale Nato-Kritiker, die dem Westen die Hauptschuld an Putins Überfall auf die Ukraine zurechnen. Meine Haltung zur aktuellen Situation, zu Putin, ist hier ziemlich eindeutig,. Ich bin jedenfalls fassungslos, wie so ein Mann so eine monströse Schuld von Tod und Zerstörung auf sich laden kann. Vielleicht ist das ja auch ein Zeichen dafür, dass ich doch nicht so durchgehend „rechts“ bin. Jedenfalls nicht so rechts, dass es – ganz im Sinne des Hufeisens – schon wieder links wäre, wie es bei diesem Thema ja vorkommt.

Die schiere Faszination des Linksseins

Was hat mich aber überhaupt geritten, mein altes Lager, die linken Sponti-Kreise zu verlassen, aufzugeben – in politischer Hinsicht jedenfalls? Nach rechts zu rücken? Und: Warum war ich vorher überhaupt ein Linker, einer jener Menschen, die ich heute so oft und so scharf kritisiere?

Natürlich, als Jugendlicher ist man oftmals ein Träumer, will die Welt verbessern, hat einen besonderen Sinn für Gerechtigkeit, verfällt nur in Traurigkeit beim Anblick von Armut. Mir ging es so. Dann auch noch aufgewachsen in Zeiten der Blockkonfrontation, Berlinkrise, Mauerbau, Kubakrise, Kennedymord, Wettstreit der Systeme, im Antikommunismus der frühen 60er-Jahre, so war ich wie viele Gleichaltrige von dem Gefühl ergriffen: Die Rechten rüsten auf, die Linken sind gegen den Atomkrieg und für Gerechtigkeit.

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Es trieben mich in der Spätpubertät auch andere Dinge um: Linkssein war damals schick in der Aufbruchstimmung der Sechzigerjahre, ganz klar. Rudi Dutschke, von ihm habe ich kein Wort verstanden, als ich als 15-jähriger ihn mal im Audimax meiner damaligen Heimatstadt Braunschweig sah und hörte. Dennoch hatte er für viele, für mich auch, gehöriges Charisma, seine Stimme, sein Duktus, seine Fremdworte, seine stundenlangen Schachtelsätze, seine Aura als „Chefideologe“. 

Und: West-Berlin, da war was los, Kommunen, Demonstrationen. Die schiere Faszination des Linksseins für einen jungen Menschen. Es war nicht die einzige Triebkraft, aber es wäre gelogen, wenn ich sie hier unter den Tisch fallen ließe. Nichts wie hin. Ich lebte in Wohngemeinschaften, logisch. War in der Sponti-Szene zu Hause, die stolz darauf war, sowohl die sogenannten K-Gruppen, also die Mao-Kommunisten, als auch die Machthaber von drüben, die „Revis“, abzulehnen, zu belächeln.

Ein bisschen Realist

Doch ich hatte auch damals schon zwei Seiten. Ein bisschen Realist war ich ja schon, Irgendwie ahnte ich auch, dass all das keine Zukunft haben könnte. Und so wich ich während des Studiums schon ein wenig ab von meinen Sponti-Freunden, mit denen ich zusammen Volkswirtschaft, VWL, an der Freien Universität belegt hatte, und habe auch „bürgerliches“ Wirtschaftswissen studiert, Mikoroökonomie, Makroökonomie. Ich muss aber ehrlich zugeben: Ich fand das mit Angebot und Nachfrage auch leichter verständlich als Adorno, Marx und Marcuse.

Immerhin versetzte mich mein Studium bei meiner Arbeit gleich anschließend in der Redaktion der soeben gegründeten taz im Ressort „Betrieb und Gewerkschaft“ in die Lage, das tägliche Geschehen kundig zu begleiten. Zum Beispiel nicht nur täglich die Leier, Schuldenerlasse für die Dritte Welt zu fordern, sondern Bedingungen und Folgen zu schildern, die Rolle der Banken ernst zu nehmen. 

Und dennoch, ganz klar: Ich blieb dem linken Kosmos verhaftet, hielt mich mit meiner Kritik weitgehend zurück. Es war mein Leben, meine Community, meine „Blase“, meine WG, mein Stammtisch.

Der ist ja mutig

Wie aber wurde ich dann ein „Rechter“? Und warum bin ich nicht auf halber Strecke stehen geblieben? Bei der gemäßigten SPD etwa? Natürlich, es war ein jahrelanger Prozess, und dennoch: Ich kann sogar ein Schlüsselerlebnis nennen. 

Ich habe zweieinhalb Jahre in Bonn bei der Bundestagsfraktion der Grünen gearbeitet, in deren erster Legislaturperiode, als wissenschaftlicher Mitarbeiter, 1984/85. Die Zeit der Nachrüstung, betrieben insbesondere noch vom vorherigen SPD-Kanzler Helmut Schmidt. Die Stationierung von Pershing-Raketen stand an. Die Reaktion auf die Stationierung der SS-20-Atomraketen durch die Sowjets, die Vorläufer von Putin.

Es war deshalb auch die Zeit von großen Gegendemonstrationen, von Blockaden, Mutlangen. Oft pflegte so etwas gewalttätig abzulaufen, Pflastersteine flogen. Zwar waren das nicht in erster Linie die Grünen. Dennoch war es Common Sense auch bei denen: In der öffentlichen Debatte, in der medialen Diskussion über die Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstranten standen alle auf Seiten des Protestes, auch wenn er noch so gewaltsam war. Die Polizei war das Feindbild, das damals vielzitierte „Gewaltmonopol des Staates“, ein durch und durch negativ besetzter Begriff. Ohne dass jemand dazu irgendeine praktikable Alternative gewusst hätte. Die Ablehnung war ein Axiom, unhinterfragt, stillschweigend.

Dann war bei uns im Büro einmal eine spontane Debatte zum Thema. Ein paar Abgeordnete standen da, auch ein paar Kollegen. Und ein Fraktionsmitarbeiter sagte plötzlich: Was man denn wolle, das Gewaltmonopol sei schließlich eine Errungenschaft der Zivilisation. Ein Moment Stille. So richtig dagegen sagte keiner etwas, was hätte man auch vorbringen können? Beispringen wollte ihm aber auch niemand. Schulterzucken, bald wechselte man das Thema, man verflüchtigte sich. 

Ich dachte: Der ist ja mutig. Dabei hatte ich längst dasselbe gedacht. 

Ängstliches Schweigen

Die kleine Begebenheit kommt mir heute oft in den Sinn, angesichts dessen, dass sich längst nicht mehr jeder traut, alles zu sagen. Natürlich gibt es noch Meinungsfreiheit, aber es herrscht eine Stimmung im Land, bei der diejenigen, die sich jedenfalls im öffentlichen Raum äußern, die in Zeitungen schreiben – durchaus Nachteile befürchten müssen, wenn sie etwa kritisch gegenüber Merkels Einwanderungspolitik sind, eine Hysterie bei der Klimadebatte beklagen, feststellen, dass es den afrikanischen Ländern gegen Ende der Kolonialzeit besser ging als heute, wenn sie Gewohnheiten fremder Kulturen auch mal kritisch betrachten („Rassist“ heißt es dann).

Cancel Culture, die faktische, nicht die juristische Unterdrückung der freien Rede, ist heute gegeben. Berufliche Nachteile, Auftragsstopp für freie Journalisten, Ausschluss aus Gremien, angedrohte Parteiausschlussverfahren, private Probleme, das Ende von Freundschaften, all das gibt es bei missliebigen Äußerungen im öffentlichen Raum.

Allerdings, das will ich hier ausdrücklich betonen, sehr viele im Land halten in vorauseilendem Gehorsam oft auch in unnötiger Weise mit ihrer Meinung hinter dem Berg. Und genau dies trägt auch auf der anderen Seite dazu bei, dass die Skandalisierung ehrlicher Äußerungen immer leichter wird, und es immer schwerer wird, offen zu sprechen. Ängstliches Schweigen ist nicht zielführend.

Für mich, wie gesagt, war das damals, in dem Büro der Grünen in Bonn, ein Schlüsselerlebnis. Weniger des Inhalts wegen als der Tatsache, dass da jemand etwas in so einem Kreis gesagt hatte, was ich schon längst gedacht, mich aber nicht zu sagen getraut hatte. Ich kam mir feige vor.

Ich verließ bald die grüne Bundestagsfraktion, ging zurück zur taz, doch auch dort hielt es mich nicht mehr viel länger. Ich wechselte zur Zeitschrift „Natur“, bis wenige Jahre zuvor ebenfalls noch eine links-ökologische Kampfschrift, bei der ich nun aber viele Kollegen traf, die ebenfalls begonnen hatten nachzudenken, ob das alles so stimmte mit der Weltuntergangsstimmung, der Zerstörung des Planeten.

Scheinbar alternativlos

Ich wurde hellhörig gegenüber allzu grobschlächtigen apokalyptischen und fundamentalistischen Behauptungen, die nur scheinbar alternativlos in den öffentlichen Raum gestellt wurden. Und sagte und schrieb, was ich dachte. Zum Beispiel beim Thema Klimawandel, mit dem ich mich jahrzehntelang beschäftige. Weshalb ich längst als Klimaskeptiker verschrien bin. Oder als Klimaleugner, als ob ich die Existenz des Klimas abstritte.

Was mich beim Thema Klimawandel nervt, ist dass sich die Medien aus dem, was die Wissenschaft in großer Bandbreite hierbei an Thesen und Erklärungen anbietet, immer gezielt die katastrophalsten Szenarien herauspicken – und dann noch einige Schippen drauflegen. Dieser Alarmismus hat sich zudem in den letzten Jahrzehnten in jede Pore der Politik eingeschlichen, in die gesellschaftlichen Diskurse, das öffentlichen Leben, die Auseinandersetzungen um Schuld und Gerechtigkeit, dies auch auf internationaler Ebene. Und auch das war sinnstiftend dafür, mich vom linken Mainstream endgültig zu verabschieden.

Gerade hatten sich in den 80ern die düsteren, aufsehenerregenden, drastischen Warnungen des Club of Rome als völlig haltlos erwiesen. Gerade auch waren die haltlosen Prognosen, was das Waldsterben anging, als reichlich übertrieben geerdet worden. 

Und da, als man wieder etwas beruhigter atmen konnte, da kam nun mit voller Wucht die Klimadebatte als ein Generalangriff auf die Industriegesellschaft, auf deren Zukunft – aber auch auf deren Vergangenheit. Denn auf einmal steht auch die Schuld der entwickelten Länder im Vordergrund. Wir sollen, wegen unserer industriellen Schuld aus 250 Jahren, unsere Emissionen sofort auf null reduzieren. Tun wir es nicht, dann drohen jetzt bereits militante Gruppen wie die „Letzte Generation“ mit Gewalt, mit Sabotage.

Déjà-vu

Selbstverständlich, so klingt es laut, müssen wir, die wir verbrecherischerweise seit hunderten Jahren Energie erzeugt und verbraucht haben, nur damit Wohlstand und auch Wohlfahrt – wohlgemerkt auch Wohlfahrt – generieren konnten, nun selbstverständlich all diejenigen, die aus den armen Ländern zu uns ziehen wollen, aufnehmen und ihnen helfen. Menschen, die angeblich deshalb massenhaft aus ihren Ländern fliehen, weil wir ihnen ebenso angeblich durch unseren CO2-Ausstoß und den dadurch verursachten Klimawandel ihre Lebensgrundlage entziehen. 

Die Frage ist: Wie würden wir den sogenannten „Klimaflüchtlingen“ aus der ganzen Welt hierzulande ein guter Gastgeber sein können, wenn wir, wie verlangt, nebenbei auch noch unsere Wohlstandsbasis aufgeben, die ja auch auf Energiegewinnung gründet? Das wissen nur die Götter – oder auch nicht. Von 100 Prozent erneuerbaren Energien sind wir jedenfalls Jahrzehnte entfernt. Und die Atomkraft bleibt hierzulande – im Gegensatz zur übrigen Welt – ein Tabu. 

Die Klimaproteste, das wage ich zu prophezeien, dürften zunehmend gewalttätiger werden. Irgendwie habe ich da ein Déjà-vu, nach gut 50 Jahren: Kommt womöglich eine neue „Baader-Meinhof-Bande“ auf uns zu, eine Klima-RAF? Mit ähnlicher Faszinationswirkung wie damals, auf leichtempfängliche, junge, linke Naturen? Falls ja, so können sich meine Kollegen in den Medien einen Gutteil der Verantwortung dafür zuschreiben. Noch wirkmächtiger nämlich als Dutschkes Aufruf an die Linken zum Marsch durch die Institutionen, das kann man heute wohl sagen, war ihr vollzogener Marsch durch die Redaktionen, bis hinauf in die Chefetagen, zu den Herausgebern, Verlegern. 

Deutschland als Besserungsanstalt

Aber vielleicht ist ja die neue RAF im Namen der Klimarettung auch gar nicht nötig. Weil der Staat selbst die Gesellschaft und ihren Zusammenhalt zur Disposition stellt. Karl Lauterbach, unser Gesundheitsminister (Mister Killervariante), hat ein Buch über Klimapolitik geschrieben („Bevor es zu spät ist“). Dort sieht er die staatlichen Restriktionen wegen Corona quasi nur als Probelauf für neue Grundrechtseinschränkungen im Namen der sogenannten Klimarettung.

Irgendjemand meinte kürzlich, Deutschland komme ihm vor wie eine Besserungsanstalt. Ich finde, das passt. Im Sinne von Lauterbach und seinem Klima-Regiment würde ich dann hinzufügen: Mit den NGOs, den Umweltaktivisten als Lehrer, die sagen, wo es langgehen soll. Mit der Bundesregierung als Zuchtmeister, mit den Journalisten als Lehrbuchschreibern und einer EU als oberste Schulaufsichtsbehörde. Und all den anderen Disziplinen aus der Besserungsanstalt Deutschland, die mich meine linke Vergangenheit haben ablegen lassen. 

Ich mache mir allerdings Sorgen, ob mein in der taz beschriebenes Abbiegen nach rechts womöglich nicht meine letzte Volte, meine letzte Kurve gewesen sein wird. 

Kein Ende der Geschichte

Was nämlich, wenn der ganze beschriebene Unfug einmal zu einem Rollback führt, bei gewalttätigen Protesten von der anderen Seite, von rechts. Oder auch bei Wahlen?

Wenn die Menschen „die Schnauze voll haben“, und es dann bei dieser Umkehr nicht im vernünftigen, demokratischen Spektrum stehen bleibt? Nicht bei Helmut Kohl oder bei Helmut Schmidt, um es einmal ganz platt rückwärtsgewandt zu illustrieren. Sondern bei Trump, bei Le Pen, Putin? Apropos Besserungsanstalt: Wir kennen das aus der Pädagogik. Je drakonischer die Zucht, desto heftiger wird womöglich hinterher der Gang in die andere Richtung.

Gewiss: Die Umfragen, die Parteienpräferenz, sie bleiben bisher noch grob im Schema der Merkel-Ära. Doch die Stimmungsbarometer bei den einzelnen Themen wandeln sich bereits. Bei allen möglichen Punkten: Atomkraft, Migration, Sicherheitspolitik. Auch scheint sich die Bevölkerung nicht mit der neuen Sprachlichkeit, der „Genderei“, abzufinden, mit der uns die „woke“ Gesellschaft und viele Medien erziehen wollen.

Dass auch in Deutschland Wenden vorkommen, haben wir erlebt. Weder Brandts sozialdemokratische Zeitalter noch Kohls geistig-moralische Wende waren für die Ewigkeit. Es gibt kein Ende der Geschichte. Was, wenn das derzeitige rot-grüne Zeitalter, das 1998 begann und aus meiner Sicht durch die Merkel-Ära nicht unterbrochen war (Atomausstieg, offene Grenzen), was, wenn das Pendel das nächste Mal mit so viel Schwung in die andere Richtung ausschlägt, dass uns Hören und Sehen vergeht?

Die Repräsentationslücke

Muss ich dann links wieder abbiegen, wieder Oppositioneller werden? Mal sehen. Nachdenklich wurde ich ja schon, das habe ich bei meinem Interview mit der „Jungen Freiheit“ dargelegt, bei meiner punktuellen Verteidigung der AfD. Zu der ich mich bis vor einiger Zeit immer dann genötigt sah, wenn sie ungerecht behandelt wurde, ihr zustehende Gremiensitze versagt wurden, oder Kampagnen mit Gewaltandrohung dazu geführt hatten, dass sie keine Räume mehr für ihre Parteitage oder Klausuren bekam. Da hatte sich stets mein Gerechtigkeitsgefühl geregt. 

Doch seit Bernd Luckes Zeiten und dessen Euro-Skepsis, für die ich großes Verständnis hatte, obwohl auch sie bereits im Geruch von Rechtsaußen stand, hat sich die Partei – und eben auch meine Meinung über sie – stark gewandelt.

Solange ein Björn Höcke, der immer mal wieder mit den finstersten Jahren des Landes wortspielerisch umgeht, eine führende Rolle in der Partei spielt, wird sie nicht satisfaktionsfähig sein. Protestwähler findet sie dennoch, zuhauf. Weil es eine „Repräsentationslücke“ gibt, eine weit klaffende: Viele Menschen sehen sich nach den Merkeljahren von keiner Partei mehr vertreten. Übrigens auch von den gängigen Medien nicht. Dies verringert die Scheu bei vielen, die AfD zu wählen, auch wenn sie sich von deren Milieu ebenso wenig repräsentiert fühlen.

Verdruckste Atmosphäre

Ein wachsender Anteil der Bevölkerung ist – obwohl dies weder im parlamentarischen Betrieb noch in den Kommentarspalten der Medien eine nennenswerte, schon gar nicht entsprechende Rolle spielt – alles andere als einverstanden mit dem angeblichen „Common sense“, was offene Grenzen angeht, oder den Atomausstieg, Gleichstellung statt Gleichberechtigung, die Durchquotierung aller gesellschaftlichen Bereiche, die unverhältnismäßig überrepräsentierte Präsenz sexueller Minderheiten auf Schritt und Tritt jedes Einzelnen. Und, und, und.

Da dies im öffentlichen Raum nicht angemessen zur Sprache kommt, sind viele Zeitgenossen unsicher, sich mit dieser Haltung hervorzuwagen, im privaten Gespräch, in der politischen Artikulation. Das Ergebnis ist eine verdruckste Atmosphäre.

Die Gesellschaft ist gespalten. Die veröffentlichte Meinung aus Politik und Medien trägt leider herzlich wenig dazu bei, dies zu überwinden, man bevorzugt die Besserungsanstalt, probt den Durchmarsch. Meine These: Je länger das Gros der Gesellschaft hierbei geduldig und schweigend bereit ist, mit seiner Meinung unter der Decke zu bleiben, desto größer könnte eines Tages der Knall sein. Pegida, auch die großen Corona-Demonstrationen, die Vorgänge am Reichstag deuten an, was eines Tages auch bei uns möglich sein kann, wenn die Ventile durchgehen.

Machen wir den Mund auf!

All das muss nicht nötig sein. Es stimmt, es ist nicht leicht, dem linksliberalen medialen Mainstream laut zu widersprechen. Beziehungen können auf dem Spiel stehen, auch die Zusammenarbeit mit Partnern, Auftraggebern oder Kunden, Verträge können gekündigt werden, das private Umfeld sich ändern, Freundschaften, Liebschaften zerbrechen. Kann, können, könnte. Es kann aber auch etwas ganz anderes passieren. 

Die Erfahrung zeigt zunehmend: Weit häufiger als erwartet stößt man bei solchen Gelegenheiten auf offene Ohren, auf Zustimmung, zumindest auf gewinnbringende Gespräche, auch bei Personen, bei denen man es sich nie hätte träumen lassen. Mit doppeltem Profit. Zum einen für die eigenen Argumente. Zum zweiten aber auch fürs Ego, für das unübertroffene Gefühl der Aufrichtigkeit. Belohnt durch Serotonin-Schübe zum Wohlfühlen.

Meinungsäußerung wird durch zwei Dinge gebremst: Einmal durch absehbare unangenehme Konsequenzen. Zweitens durch unsere Feigheit. Am zweiten Faktor können wir am ehesten arbeiten. Machen wir also rechtzeitig den Mund auf. Mit deutlichen Worten, aber in möglichst mitnehmendem Ton. Auf den kommt es in jedem Fall an. Denn eines ist klar: An  der Tonlage, ja oftmals dem allseitigen Hass, insbesondere in den immer wichtiger werdenden sozialen Medien, muss sich etwas ändern. Es kann nur besser werden. Wir alle – die allermeisten – müssen daran arbeiten.

(Gekürzte und überarbeitete Fassung eines Vortrages, den der Autor am 21. April 2022 vor der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg gehalten hat) 

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