Zeitverschmutzung

Würden sie auch gerne mal einen Familienausflug in den Europapark Rust machen und einen satten Rabatt auf den Einritt bekommen? Oder – weil Sie ein treuer Kunde sind – eine 100-Euro-Gutschrift bei Lidl? Lieber 1.000 € bei Amazon? Ließen Sie sich gern für einen Warentest mit einem Geschenkkorb belohnen oder einem Gratis-Set ihres bevorzugten Drogeriemarktes? Legen Sie Wert darauf, an einer Umfrage teilzunehmen, bei der sie obendrein einen Preis gewinnen? Oder wollen Sie völlig ohne Nebenwirkungen in kürzester Zeit Übergewicht loswerden? Nein? 

Dann kennen Sie sich mit den Tricks von Online-Betrügern aus; das Fach für Junk-Mails – auch „Spam“ genannt – bei Ihrem E-Mail-Account ist ziemlich leer, nur selten landet dort, was nicht hingehört. Der Spamfilter des Providers funktioniert, das Fach wird automatisch in von Ihnen festgelegten Intervallen geleert. Nachschauen müssen Sie trotzdem – manchmal landen seriöse E-Mails dort, aber das kostet kaum Zeit.

Wenn Filter versagen

Unangenehm wird es, wenn in Ihrem ganz normalen Posteingang Dutzende Werbemails mit Angeboten wie den obigen erscheinen, zusätzlich solche, die das bevorstehende Ende Ihres Antivirenschutzes androhen, weil sie angeblich versäumt haben, das Abo zu bezahlen. Die bunt aufgemachten und mit „besonders dringlich“ beflaggten, zusätzlich durch einen grünen Haken verzierten Annoncen bekannter Marken enthalten meist den Hinweis „Sie erhalten diese Angebote, weil Sie sich für unseren Newsletter angemeldet haben. Zur Abmeldung klicken Sie bitte auf den Link unten.“

Sie können sich jetzt von Ihrem Lachflash über den vergreisten Autor erholen – ja, ich wusste auch, dass so ein „Abmelden“-Klick dem Versender meine Adresse bestätigt und ich alsbald zum Ziel vermehrter Spam-Attacken werde. Tatsächlich geriet ich aber doch an so etwas wie ein Impressum. Die Sache begann, mich zu beschäftigen.

Die digitale Krätze

Zu allen möglichen Zeiten, besonders nachts, von anhaltendem Juckreiz geplagt zu werden, ist äußerst lästig. Kleine Spinnentiere – sie gehören zu den Milben wie die Zecken – verursachen das Übel, und weil viele von ihnen heimgesuchte Menschen dem Drang nicht widerstehen können, sich an den befallenen Hautstellen zu kratzen bis Blut kommt, gilt diese Krankheit als ebenso lästig wie behandlungsbedürftig. Sie ist obendrein ansteckend.

Ich hatte mich also irgendwie angesteckt mit der digitalen Krätze, vermutlich, weil ich irgendwann auf eine Anzeige geklickt und irgendwo meine Mailadresse eingegeben hatte, vielleicht wegen eines Newsletters für Pfeifenraucher – keine Ahnung. Jedenfalls juckte es mich, weil der Zustrom von Spam weder von den Filtern des (sehr großen und bekannten) Providers gestoppt wurde, noch dadurch, dass ich jede dieser Mails als „Junk“ bzw. „Phishing“ – also versuchten Datenklau – markierte und so in den entsprechenden Ordner expedierte. Ich konnte kratzen, soviel ich wollte, das Jucken wurde schlimmer, es wurde eher mehr als weniger Spam.

Mobile Scheinfirmen

Das aufgefundene „Impressum“ enthielt die Adresse eines beim Registergericht Landshut eingetragenen Händlerbundes in Simbach am Inn, eine Inhaberin war vermerkt. Alles ist – beinahe erwartungsgemäß – ebenso wie Telefonnummer und E-Mail – Schwindel, die Webadresse führt laut Google zu einer unsicheren Seite. Nach weiterer Erkundung der Milbengänge stand mir nicht der Sinn.

Allerdings fand sich im Internet beim Verbraucherschutz ein Hinweis, dass die Firma DEALLX.de schon 2012 unter österreichischer Adresse auffällig geworden war.

Immerhin kann man sich vom Verbraucherschutz beraten lassen, wie digitale Krätze zu vermeiden ist. Wer den Schaden hat, dem kann höchst selten geholfen werden: Die Strafverfolgungsbehörden sind weitgehend überfordert vom Tempo, mit dem Betrüger Adressen und Webauftritte modifizieren oder neu generieren.

Nicht jeder Online-Händler engagiert sich für den Schutz von Kundendaten. Nach einem Betrugsversuch mit einem gefälschten Konto unter meinem Namen dauerte es Monate, bis der OTTO-Versand den Vorgang abschließend geklärt und meinen Namen aus der Datenbank gelöscht hatte. Dass so etwas wieder vorkäme, wollte die Verantwortlichen nicht ausschließen.

Schwer zu heilen und unausrottbar

Ein IT-Fachmann des Versandhauses Baur nahm sich immerhin Zeit für ein Gespräch mit mir über die als Angebote per Newsletter von Baur getarnten Spam-Mails. Fast alle großen Marken kennen das Problem. Sie können zwar ihre Seiten und die Kommunikation mit ihren Kunden möglichst gut absichern – gegen den Missbrauch von Logos, Fotos, Links für betrügerische E-Mails ist kein Kraut gewachsen.

Fast 50 Prozent des gesamten Mailverkehrs weltweit besteht aus Spam. Selten gelingt es international kooperierenden Verfolgern, große Netzwerke von Spamschleudern stillzulegen – sie wachsen im Handumdrehen nach, denn der Handel mit persönlichen Daten ist ein allzu lukratives Geschäft: Spam und Phishing boomen ebenso wie betrügerische Anrufe – trotz aller Warnungen fallen immer wieder Angerufene auf Enkel-Tricks und Schocknachrichten herein. Die Gauner kassieren ab.

Die schützende Haut der Spamfilter wird längst von immer neuen Milbentypen untergraben; demnächst ergänzt KI die Methoden des Phishings. Die – in welchen Organisationen auch immer – vernetzte Cyber-Kriminalität erörtert bereits den Einsatz eines „WormGPT“ benannten Instruments. Sicher ist: Exkremente der KI-bewaffneten Krätzemilben werden weiter digitale Kanäle verstopfen. 

Der Schwung der Schleudern

Was ist das Geheimnis hinter den Erfolgen? Was treibt die Kriminellen? Was ihre Opfer?

Es sind eigentlich dieselben Grundimpulse: Erlangen und Vermeiden. Wer auf die Rabattanzeige des Europaparks oder ähnliche geldwerte Versprechen hereinfällt, zielt auf einen eher kleinen Gewinn, der Spammer auf einen großen, denn er will möglichst Tausende Adressen abschöpfen. Wer sich an Umfragen beteiligt, möchte seine Meinung durch viele andere bestätigt finden; sie soll etwas gelten. Ein mit Malware präparierter Phishing-Newsletter über Tabakpfeifen und Zigarren hätte vielleicht mein Ansehen in der monatlichen Raucherrunde aufpoliert, weitergeleitet hätte er womöglich einen Schneeball-Effekt in der Szene ausgelöst.  

Spaß beiseite: Geld und Geltung sind starke Treiber, nicht nur Kriminelle wollen sie und die damit verbundenen Gefühle bewirtschaften: es ist das Geschäft der Konzerne wie von Regierenden und Medien. Dass etwa das Mitleid sich bewirtschaften lässt, wusste schon Mr. Peachum; Bert Brecht hat ihn als „Bettlerkönig“ in der Dreigroschenoper verewigt.

Kleine und große Wegelagerer

Spammer sind wie Bettler nur Fußvolk des Betrugs, aber sie können sich zu Armeen vernetzen, dann werden auch große Internetfirmen und Regierungen wach, denn sie verschlingen Energie und Ressourcen. Mir verderben sie nur die Zeit – wie der Kot der Krätzemilben in Gängen unter der Haut Nerven reizt und die Schutzfunktion verdirbt. Sie verstopfen die Zukunft – wenn auch nur ein paar Minuten am Tag.

Was tun? „Zu Fuß“ die Junk-Mails melden und löschen in der Zeit, die für Besseres eh nicht verfügbar ist: auf dem stillen Örtchen etwa. Andere tun das in ertragsschwachen Meetings, in Wartezimmern, auf dem Behördenflur, erlauchte Personen im Plenum etwa des Bundestages. Mag sein, dass Letztere dank des Rundumschutzes für die herrschende Klasse gar keine Infektion fürchten müssen.

Mr. Peachum bewirtschaftet vor allem soziale Gefühle. Sein Bettlerheer weckt vom Straßenrand aus, auf Kirchentreppen und anderen öffentlichen Plätzen bei den Passanten den Wunsch, Gutes zu tun und also ihr Ansehen bei Gott und den Menschen aufzupolieren.

„Ein guter Mensch sein! Ja, wer wär’s nicht gern?

Sein Gut den Armen geben? Warum nicht?

Wenn alle gut sind, ist Sein Reich nicht fern.

Wer säße nicht sehr gern in Seinem Licht?“

So lässt Bert Brecht 1928 den Gauner spotten, der am Geldeuter des gutbürgerlichen Gewissens saugt – wie im 16. Jahrhundert schon Johann Tetzel mit seinen Ablassbriefen an dem des guten Christenmenschen. Ideen zur Dreigroschenoper hatte Brecht dem satirischen Singspiel „The Beggars Opera“ von John Gay, zuerst aufgeführt 1728 in London, abgeschaut. Die Euter sind inzwischen mehr und dicker geworden, die Methode funktioniert offensichtlich seit Jahrhunderten viel zu gut, als dass sie nicht bis heute praktiziert würde. 

Inzwischen nutzen sie bestens und weltweit vernetzte Organisationen. Es sind wirkliche Geldmaschinen, gegen die sich Spammer lächerlich ausnehmen; gemeinsam haben sie nur eines: ihre Angebote sind größtenteils Schwindel; statt im Licht Gottes oder der lichten Zukunft der Menschheit anzukommen, läuft manches verlockende Angebot, millionenfach verstärkt und ausgestreut nur darauf hinaus, die sich „anspruchsberechtigt“ Wähnenden bis zur Erschöpfung auszuplündern.

Sie müssen nun nicht allen Anzeigen misstrauen. Beim Sandwirt schon gar nicht, der schaltet vielleicht mal welche von seriösen Firmen, und ab und zu einen Hinweis, dass Spender und Sponsoren willkommen sind. Das Wort „spenden“ mag ich eigentlich nicht – mir ist ein freiwillig gezahlter, angemessener Preis viel lieber, weil er persönliche Wertschätzung ausdrückt. Das darf ruhig anonym geschehen, nicht nur wegen des Datenschutzes. Damit wären wir beim Thema Vertrauen, menschliche Qualitäten, Charakter …

Und das ist dann doch für einen Artikel wie diesen einfach viel zu groß.

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