Bert Hellinger revisited

Ich bin 1955 geboren und habe die 1970er bis 1990er Jahre relativ bewusst in einem typisch akademischen Milieu verbracht. Dabei habe ich eine beträchtliche kulturelle Vielfalt erlebt. Nicht nur wechselnde Diäten und Meditationen, sondern vor allem eine Abfolge immer neuer, in Mode gekommener Therapien waren für diese Zeit typisch.

Nicht nur die „Päpste“ Freud und Jung spielten eine Rolle: Wilhelm Reich, die Orgontherapie, die Kalifornier, Gestalt, Urschrei, Hypnotherapie, Körperarbeit – you name it. Alles wechselte sich ab wie auf einer Reise nach Jerusalem, und man hatte jeweils den allerletzten Schrei mitzumachen, sonst war man „out“.

Eine der letzten wirklich – ich sage jetzt: bahnbrechenden – und ungemein erfolgreichen Bewegungen war die „Familienaufstellung“ von Bert Hellinger. Dieser, wie Luther ein entlaufener Mönch und Theologe, ging von systemischen Konzepten aus. Er verortete Defizite und psychische Krankheiten weniger im Individuum als vielmehr in der – wie auch immer gefassten – Primärgruppe. Psychische Schwierigkeiten waren nun ein Problem des nahen Kollektivs und sollten in diesem behandelt und diagnostiziert werden.

Der Ansatz war nicht ganz neu, aber Hellinger erfuhr heftige Kritik aufgrund seines konservativen Familienbildes; ja, er wurde – wie könnte es anders sein – auch als „Nazi“ diffamiert. Das spricht nicht unbedingt gegen ihn. Die Angriffe hatten sicher auch damit zu tun, dass er äußerst erfolgreich war. Er und eine große Masse seiner Jünger verbreiteten das „Aufstellen“ in der gesamten sozialpädagogischen und therapeutischen Community. Von Teams in Betrieben bis hin zu tatsächlichen Familien oder Arbeitsgruppen ließen sich alle gerne „aufstellen“, um die finsteren Geheimnisse der eigenen Biografie aufzudecken.

Kurz gesagt lief das folgendermaßen ab: Der Klient wählte für die an seiner Problematik beteiligten Personen Stellvertreter aus dem stets anwesenden Publikum und ordnete diese im Therapieraum oder oft auch auf einer Bühne an. Diese Stellvertreter begannen nun in der Regel, Symptome zu entwickeln: Ihnen wurde schlecht, die Knie zitterten, Schweiß brach aus, – oder auch das Gegenteil trat ein, sie fühlten sich wohl. Das wurde geäußert, und der Therapeut änderte die Konfiguration so lange, bis ein positiv stabiler Zustand erreicht war. Er konnte weitere Personen hinzuziehen und gab am Schluss ein kurzes Urteil ab. Die Methode war äußerst direktiv: nichts mit patientenzentrierter antiautoritärer Kommunikation – am Ende stand für gewöhnlich eine klare Ansage und Lösung.

Der autokratische Charakter der Intervention wurde Hellinger auch vorgeworfen.

Ich selbst habe einmal an einer solchen Aufstellung vor Hunderten von Menschen unter der Ägide des Meisters teilgenommen.

Nun postulierte Hellinger als systemische Grundbedürfnisse des Menschen drei Bereiche: Ausgleich, Ordnung und Bindung (Zugehörigkeit).

Ich möchte hier kurz auf die Forderung nach Ausgleich eingehen.

Ein Beispiel, das er damals anführte, ist mir noch in Erinnerung: Eine Krankenschwester finanziert das Studium ihres Partners, eines angehenden Arztes. Nach Abschluss des Studiums verlässt er sie. Dies wurde so erklärt, dass der notwendige Ausgleich nicht mehr zu erreichen war; deshalb wurde die Beziehung abgebrochen oder endete gar in Feindschaft.

Das Beispiel ist nicht willkürlich gewählt. Gerade in Beziehungen spielt dieser Ausgleich eine große Rolle. Er muss nicht finanziell stattfinden; auch die Arbeitsteilung einer konventionellen Ehe stellt einen Ausgleich dar: Der Mann verdient, die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt. Gerät jedoch die innere Waage einer Beziehung ins Rutschen, gibt es nur wenige Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken. Eine davon ist Selbsterhöhung und Abwertung des Partners. Das tritt in Paarbeziehungen nicht selten offen zutage: Männer werden als unselbstständig dargestellt, als große Kinder, die ohne die Gattin quasi verhungern und einstauben würden. Die Tätigkeit der Frau wird erhöht, alles, was sie tut, gilt als höherwertig – vor allem moralisch höherwertig. Trotzdem existiert diese innere Waage, und gerät das System ins Rutschen, ist es seltsamerweise oft der Teil, der weniger beiträgt, der ausbricht.

Nun, man kann dazu seine Beobachtungen machen. Die Forderungen nach „equal care“ und „equal pay“ tragen nicht wenig zur fortschreitenden „Verhaustierung“ des deutschen Mannes bei, der zunehmend sich völlig aus dem Datingmarkt zurückzuziehen scheint. Es gilt, dass wie man es macht, es auf jeden Fall falsch ist. Diese intrinsische Forderung nach Ausgleich erklärt auch, warum junge Frauen eher links-moralisierende Parteien bevorzugen, die faktisch vielleicht wenig bewirken, aber dem Selbstgefühl gut tun. Jede fühlt sich als Heidi und hat Recht.

Interessant wird es jedoch, wenn man diese Analyse auf die Gesellschaft überträgt. Einige Bürgergeldempfänger zum Beispiel könnten sich selbst ernähren, tun dies aber nicht. Um das zu kompensieren, tritt die moralische Aufwertung in Kraft: Der beanspruchte Staat ist minderwertig, der Kapitalismus schlecht, die „Schnorrerei“ gerechtfertigt. Auch im Bereich der Migration erntet die versorgende Gesellschaft eher Hass als Dankbarkeit. Konträr dazu ist das Wahlverhalten arbeitsamer Immigranten, wie vieler Türken, Rumänen und eingewanderter Osteuropäer. 

Der Ausgleich, den die Psyche fordert, ist für manche nicht möglich oder zu anstrengend. Die Antwort ist die Überhöhung der eigenen Gruppe, Partei oder Religion und letztlich die Abwertung der Gebenden.

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