„Der Große Bruder sieht dich an!“

Vor 78 Jahren wird Georg Orwells Roman „1984“ veröffentlicht

Wann haben Sie sich das letzte Mal unangenehm beobachtet gefühlt? 

Bei mir war es der Vater meiner letzten Freundin, der mich so fühlen ließ. Er hatte die Angewohnheit, ab und zu den Kopf ins Zimmer zu stecken, wenn wir bei ihren Eltern zu Besuch waren und dort übernachteten.

Meist hörte meine Freundin ihn rechtzeitig. Aber ich fühlte mich durch ihn in einen unruhigen Zustand versetzt. Ein Gefühl von „Big Brother is watching you“, das wohl keiner so einprägsam beschrieben hat wie George Orwell in seinem vor 78 Jahren am 8. Juni 1948 veröffentlichten Roman „1984“.

Im Fokus des Televisor 

Überall grellfarbige Plakate mit dem Gesicht eines Mannes, dessen Augen einem immer zu folgen scheinen, darunter die Schrift „Der Große Bruder sieht dich an!“. In jeder Wohnung ein „Televisor“, ein Hörsehschirm, über den die Gedankenpolizei jedes Wort, jedes Geräusch hören kann, und sich auch jederzeit einklinken kann, um zu sehen, was passiert. Wobei niemand weiß, wann das der Fall ist. Das eigentlich Beklemmende dabei: Nicht die offene Gewalt. Sondern die Unsicherheit. Die Menschen überwachen sich irgendwann selbst.

Ein Wahrheitsministerium, das die Geschichte fälscht („Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit“). „Neusprech“, „Hasswochen“, „Doppeldenk“, „Gedankenverbrechen“ – die dystopische Welt, die Orwell in seinem Roman „1984“ entwirft, lässt schaudern und bringt Menschen bis heute zum Nachdenken darüber, inwiefern die eigene Welt Gefahr läuft, sich zu einem totalitären Überwachungsstaat zu entwickeln. Dass aus dem alles überwachenden „Big Brother“ eine erfolgreiche TV-Sendung werden konnte, sagt einiges über unsere Zeit aus.

„Nineteen Eighty-Four“, so der Originaltitel, erschien am 8. Juni 1949 im Londoner Verlag Secker & Warburg. Wie schon Orwells 1945 veröffentlichter Roman „Animal Farm“ („Farm der Tiere“) landete auch „1984“ in der Sowjetunion und auch in der DDR auf der „Liste verbotener Bücher“. Besitz und Einfuhr waren in der DDR bis zum Fall der Mauer verboten, auf Lektüre und Verleih der „staatsfeindlichen Hetzschrift, die den Sozialismus verteufele“ standen hohe Zuchthausstrafen.

Geschrieben hat Orwell den Roman unter denkbar schlechten Bedingungen. Schwer gezeichnet von Tuberkulose zog er sich 1947 auf die abgelegene schottische Insel Jura zurück, wo er in einem einfachen Haus ohne großen Komfort an dem Manuskript arbeitete. Freunde berichteten später, Orwell habe beim Schreiben oft kaum noch Kraft gehabt. Dass ein derart düsteres, präzises Buch unter diesen Umständen entstand, gehört zu den erstaunlichen Geschichten der Literaturgeschichte.

Bis heute wird darüber diskutiert, warum Orwell das Jahr 1984 wählte. Häufig heißt es, er habe einfach die letzten beiden Ziffern des Entstehungsjahres 1948 vertauscht. Sicher ist: Das Buch war nie als konkrete Zukunftsprognose gedacht. Orwell interessierte weniger das exakte Jahr als die Warnung davor, wie zerbrechlich Freiheit sein kann.

Aktuelle Relevanz

Bis heute wurden schätzungsweise über 30 Millionen Exemplare von „1984“ verkauft. Immer wieder landet Orwells Roman in den Bestsellerlisten, wenn im öffentlichen Diskurs über Wahrheit und Kontrolle und Überwachung debattiert wird. Der Roman hat bis heute nicht an Aktualität verloren.

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Orwell, der sich selbst als „demokratischen Sozialisten“ bezeichnete, konzipierte „1984“ als eindringliche Warnung davor, dass sozialistische Ideale in eine neue privilegierte Kaste und Unterdrückung umschlagen können. Der Sozialismus als „Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit“ sei immer in Gefahr, in eine Art von Stalinismus, Totalitarismus und Faschismus umzuschlagen, wenn Machtstreben die Oberhand bekommt. „1984“ beschreibt auf beklemmende Art und Weise, wie sich dieses Machtstreben dann der Menschen bemächtigt.

Orwell hatte selbst erlebt, wie Freiheit schleichend verloren gehen kann. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte er gegen die Faschisten Francos und musste miterleben, wie innerhalb des linken Lagers gelogen, manipuliert und Andersdenkende verfolgt wurden. Diese Erfahrung erschütterte ihn tief. Nicht nur offene Diktaturen machten ihm Angst, sondern auch Bewegungen, die Freiheit versprachen und am Ende nur neue Dogmen errichteten. 

Er misstraute den Mächtigen grundsätzlich, egal, unter welcher Fahne sie marschierten. Freiheit bedeutete für ihn nicht bloß das Recht, wählen zu dürfen, sondern das Recht, die Wirklichkeit aussprechen zu können. 

Sein berühmter Satz, Freiheit sei „das Recht, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen“, klingt heute fast altmodisch – und gleichzeitig bemerkenswert modern.

Und in Bezug auf das Ende meiner Beziehung mit meiner damaligen Freundin durchaus bezeichnend: Denn als ich ihr endlich einmal sagte, dass ich mich wie von Big Brother beobachtet fühle, wollte sie das nicht hören. Ihr Vater würde es doch nur gut meinen … Ein Wort gab dann das andere, als sie einmal in Fahrt war: Mit meinem Selbstbewusstsein sei es wohl nicht so weit her, wenn ich mich von so einer Kleinigkeit stören lasse. Und wenn mich das so störe, warum würde ich es ihrem Vater dann nicht sagen? Ich traue mich wohl nicht. Von einem Mann erwarte sie ein souveräneres Auftreten …

Für einen Moment war ich versucht gewesen, zu denken: Hätte ich doch besser geschwiegen, mir nicht die Freiheit herausgenommen, über meine Gefühle zu sprechen. Dann wären wir vielleicht noch zusammen. 

Andererseits musste ich mir eingestehen, dass sie Recht hatte: Dem eigentlichen „Big Brother“ gegenüber hatte ich ja tatsächlich geschwiegen. Ich hatte ihrem Vater nicht gesagt, was mich störte.

Vielleicht sind es am Ende oft die kleinen Dinge, an denen sich entscheidet, wie frei wir leben.

Mehr über Kontrolle im Sandwirt: 

Der totale Zugriff“ von Andreas Schnebel

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