17. Juni: Der Feiertag der Deutschen
Manchmal merkt man noch, wie engagiert meine Mutter in ihrer Jugend war. So feiert sie bis heute die Freilassung von Nelson Mandela, für die sie damals demonstriert hat. Und so feiert sie den vor 73 Jahren das SED-Regime herausfordernden Aufstand des 17. Juni 1953. Bis heute ärgert sie es, dass mit dem Einigungsvertrag von 1990 der 17. Juni als gesetzlicher Feiertag gestrichen wurde und stattdessen der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit zum Nationalfeiertag erklärt wurde.
Damit steht sie nicht allein da. Der Unmut vieler über diese Entscheidung hat einen nachvollziehbaren Grund. Denn der 17. Juni steht wie kaum ein anderes Datum für den Mut von Menschen, die sich einer Diktatur entgegenstellten. Lange bevor die Friedliche Revolution von 1989 die deutsche Teilung beendete, gingen Arbeiter, Angestellte, Bauern, Studenten und Rentner auf die Straße, um gegen Unterdrückung, politische Bevormundung und wirtschaftliche Missstände zu protestieren. Ihr Aufstand wurde niedergeschlagen, doch seine Bedeutung reicht weit über das Jahr 1953 hinaus.

Die Ursachen eines Volksaufstandes
Die Wurzeln der Erhebung lagen in der tiefen Krise der jungen DDR. Auf der II. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 hatte die Parteiführung unter Walter Ulbricht den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ verkündet. Was als ideologisches Großprojekt präsentiert wurde, führte in der Praxis zu erheblichen Belastungen für die Bevölkerung. Die Versorgungslage verschlechterte sich, der Lebensstandard sank, und die Wirtschaft geriet zunehmend unter Druck.
Zugleich verschärfte das Regime seine Kontrolle über Gesellschaft und Wirtschaft. Private Unternehmer wurden bedrängt, Bauern zur Kollektivierung gedrängt und politische Gegner verfolgt. Immer mehr Menschen verloren die Hoffnung auf Verbesserungen und flohen in den Westen. Die DDR befand sich in einer politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise.
Der Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin im März 1953 weckte bei vielen Bürgern die Erwartung eines Kurswechsels. Doch statt Erleichterungen zu schaffen, erhöhte die SED-Führung im Mai die Arbeitsnormen um mehr als zehn Prozent. Die Beschäftigten sollten mehr leisten, ohne dafür mehr Lohn zu erhalten. Diese Entscheidung wirkte wie ein Funke in einem längst ausgetrockneten politischen Klima.
Vom Arbeiterprotest zum Ruf nach Freiheit
Ausgangspunkt der Proteste waren Bauarbeiter in Ost-Berlin. Was zunächst als Arbeitskampf gegen die Normerhöhungen begann, entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zu einer landesweiten Bewegung. Am 17. Juni 1953 beteiligten sich schätzungsweise mehr als eine Million Menschen an Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen.
In über 700 Städten und Gemeinden gingen Bürger auf die Straße. Die Forderungen reichten bald weit über wirtschaftliche Anliegen hinaus. Gefordert wurden freie Wahlen, die Freilassung politischer Gefangener, der Rücktritt der Regierung und demokratische Rechte. Aus einem Protest gegen schlechte Lebensbedingungen wurde ein Aufstand gegen die sozialistische Diktatur.
Bemerkenswert war die Breite der Bewegung. Menschen unterschiedlichster Herkunft schlossen sich an. Arbeiter standen neben Akademikern, junge Menschen neben Älteren. Vielerorts herrschte zunächst eine fast festliche Stimmung, so stark war das Gefühl, endlich ins Handeln zu kommen, und die Emotionen einer Freiheit, die Angst zu überwinden und gemeinsam für politische Veränderungen einzutreten.
Besonders stark waren die Proteste in Ost-Berlin sowie in den Industrieregionen um Halle, Merseburg, Leuna und Wolfen. In einigen Städten gelang sogar die Befreiung politischer Gefangener aus Haftanstalten. Für einen kurzen Moment schien es möglich, dass die Herrschaft der SED ernsthaft ins Wanken geraten könnte.
Die brutale Niederschlagung und das Vermächtnis des 17. Juni
Die Führung der DDR war mit der Situation überfordert. Die eigentliche Macht lag ohnehin nicht in Ost-Berlin, sondern in Moskau. Die sowjetische Besatzungsmacht verhängte den Ausnahmezustand und schickte Panzer sowie tausende Soldaten auf die Straßen. Gemeinsam mit Volkspolizei und Sicherheitsorganen gingen sie gegen die Demonstrierenden vor.
Der Aufstand wurde mit Gewalt beendet. Mehr als 50 Menschen verloren infolge der Niederschlagung ihr Leben. Tausende wurden verhaftet, viele zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Sowjetische Militärtribunale und DDR-Gerichte verhängten sogar Todesurteile. In den Wochen nach dem Aufstand erlebte die DDR die größte Verhaftungswelle ihrer Geschichte. Zehntausende gerieten ins Visier der Behörden, viele verloren ihre Arbeit oder wurden gesellschaftlich ausgegrenzt.
Für die SED-Führung war der 17. Juni ein Schock. Sie reagierte nicht mit Reformen, sondern mit einer weiteren Absicherung ihrer Herrschaft. Die Staatssicherheit wurde massiv ausgebaut und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der dichtesten Überwachungsapparate der Welt.
Dennoch konnte die Erinnerung an den Aufstand nicht ausgelöscht werden. In der Bundesrepublik wurde der 17. Juni bereits 1954 zum „Tag der Deutschen Einheit“ erklärt. Er erinnerte an die Menschen in der DDR und an deren Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Nach der Wiedervereinigung trat der 3. Oktober an seine Stelle. Doch die historische Bedeutung des Datums blieb bestehen: Der Aufstand vom 17. Juni 1953 war die erste große Freiheitsbewegung im Machtbereich der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war Vorläufer späterer Erhebungen in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968 und letztlich auch der Friedlichen Revolution von 1989. Die Demonstrierenden des 17. Juni zeigten, dass selbst ein scheinbar allmächtiges Regime den Wunsch nach Freiheit nicht dauerhaft unterdrücken kann.
So werden sie zu Vorbildern, die bis heute wirken. Etwas, was ich schon als Kind durch meine Mutter erfahren habe. Sie hat recht, wenn sie sich ärgert. Nicht, weil der 3. Oktober ein falsches Datum wäre – die Einheit ist feiernswert. Sondern weil der 17. Juni etwas anderes repräsentiert, das ebenso gefeiert zu werden verdient: den Mut, Nein zu sagen. Den Mut von Menschen, die nichts in der Hand hatten außer ihrer Stimme und ihren nackten Händen – und die sich trotzdem erhoben.
So wie Nelson Mandela für sie ein Symbol des Widerstands gegen Apartheid ist, ist der 17. Juni 1953 ein Symbol dafür, dass Unterdrückung kein letztes Wort hat. Beide Daten erinnern daran: Freiheitskämpfe beginnen damit, dass jemand aufsteht, auch wenn alle anderen noch sitzen.
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