Schadet Multikulturalismus der Gesellschaft?

Freie Fakten #10

Seit Jahren wird in der Öffentlichkeit das Narrativ verbreitet, dass Multikulturalismus der Gesellschaft nutze. Worin der Nutzen genau bestehen soll, ist unklar. Teilweise wird auf kulinarische Diversität verwiesen. Gibt es einen Preis, den eine Gesellschaft dafür bezahlen muss? 

Die Thematik ist sehr komplex. In diesem Artikel möchte ich mich lediglich auf Kohäsion fokussieren. 

Kohäsion 

Kohäsion bedeutet so viel wie Zusammenhalt in einer Gesellschaft. Dazu gehört unter anderem gegenseitiges Vertrauen und Helfen. Wie verändert sich nun die Kohäsion einer Gesellschaft, wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen in jene Gesellschaft einwandern? Das ist eine Frage, die insbesondere heutzutage in hohem Maße gesellschaftlich relevant ist. 

Eine Meta-Analyse des Jahres 2020 ging genau dieser Frage nach, wie Multikulturalismus auf Gesellschaften wirkt. Dazu wurden 87 Einzelstudien ausgewertet – primär aus Nordamerika, Europa und Ozeanien. 

Für verschiedene Störfaktoren wurde kontrolliert: Der individuelle Minderheitenstatus der Befragten, der individuelle sozioökonomische Status der Befragten, die wirtschaftliche Lage des Wohngebietes und die Kriminalität im Umfeld. Das ist essenziell, wenn man tatsächlich ermitteln möchte, ob der Effekt vom Multikulturalismus selbst ausgeht oder nicht vielmehr von anderen Faktoren, die mit Multikulturalismus korrelieren. Das kann beispielsweise insbesondere in Deutschland auch die ökonomische Lage sein. Auch Kriminalität kann mit Multikulturalismus korrelieren, weil es in Wohngegenden, in denen Menschen leben, die aus verschiedenen Kulturkreisen stammen, häufig mehr Kriminalität gibt. 

Wenn man den Effekt von Multikulturalismus isolieren möchte, darf man also nicht nur die Kohäsion von multikulturellen Regionen oder Bezirken im Allgemeinen eruieren, sondern muss beispielsweise auch prüfen, wie es in Wohngegenden ist, deren Bewohner zwar multikulturell, aber wenig kriminell sind. 

Armut oder Multikulturalismus? 

Um zu prüfen, wie der Effekt von Multikulturalismus selbst ist, sind insbesondere Daten aus Australien interessant, weil Australien eine sehr selektive und restriktive Migrationspolitik praktiziert. Migranten sind, anders als in Deutschland, häufiger nicht weniger beruflich qualifiziert als die durchschnittliche Bevölkerung, sondern höher qualifiziert. 

Was sich zeigt: Multikulturalismus mindert Kohäsion – also den Zusammenhalt in einer Gesellschaft. Dieser Effekt ist unabhängig von ökonomischen und kriminologischen Faktoren. Das bedeutet, dass Multikulturalismus auch dann Kohäsion mindert, wenn die Migranten nicht weniger qualifiziert sind. Multikulturalismus mindert auch dann Kohäsion, wenn ein bestimmter Bezirk keine ökonomischen Einbußen erleidet. 

Das ist nicht alles. Der reine Effekt von Multikulturalismus ist größer als bei Einkommensungleichheit, Kriminalitätsrate oder Arbeitslosigkeit. Anders ausgedrückt: Ein Bezirk, der multikultureller wird, erleidet einen größeren Kohäsionsverlust als ein Bezirk, der krimineller wird. Und oft gehen beide Faktoren miteinander einher, zumindest in Deutschland: Kohäsionsminderung sowohl durch Multikulturalismus als auch durch steigende Kriminalität. 

Je lokaler die Exposition, desto größer der Effekt. Wenn Menschen Multikulturalismus lokal, also im Alltag erleben, sinkt die Kohäsion stärker. Die Effektgröße ist zwar im absoluten Sinne moderat (weil beispielsweise die Persönlichkeitsmerkmale von Personen eine erhebliche Rolle dahingehend spielen können, wie sie die Kohäsion eines Bezirks bewerten), aber für die Sozialwissenschaft und insbesondere für einen nichtpersonenbezogenen Effekt groß und auch relevant. Es ist ein Effekt, der sich auf mehrere hundert Millionen Menschen bezieht und auf täglich mehrere Millionen Interaktionen. Es ist ein Effekt, der über Wahlausgänge entscheiden kann und möglicherweise sogar über mehrere Jahre hinweg akkumuliert. 

Korrelation oder Kausalität?

Diese Zusammenhänge sind nicht nur Korrelationen. Einerseits wird in den Studien auf andere Faktoren wie beispielsweise Armut und Kriminalität kontrolliert. Andererseits liegen bei solchen Studien teilweise Daten aus mehreren Jahren vor. Es handelte sich also um eine Art „natürliches Experiment“ – das ist die Bezeichnung aus den Sozialwissenschaften. 

Damit ist gemeint: Durch politische Maßnahmen ändert sich etwas, was die Menschen, die an einem bestimmten Ort leben, nicht unter Kontrolle haben. Wir haben eine Intervention – beispielsweise die sogenannte Grenzöffnung im Jahr 2015 – und können zeitlich nachverfolgen, was danach geschieht. Natürlich hat sich nicht nur die Migrationspolitik in dieser Zeit verändert. Aber die Migration in einem Bezirk ist ein klarer Parameter, den wir messen können – und Kriminalitätsraten, ökonomische Entwicklungen und viele andere Parameter auch. 

Und im Zuge dessen zeigt sich: Je mehr unterschiedliche Kulturkreise zusammen in einem Bezirk leben, desto niedriger ist die Kohäsion. Was bedeutet das genau? Es bedeutet, dass sich die Leute untereinander weniger Vertrauen. Dass Menschen weniger in öffentliche Güter investieren, sowohl monetär als auch sozial. Gebäude zerfallen. Müll wird seltener aufgehoben. Das sind alles Dinge, die unmittelbar oder mittelbar mit Kohäsion zusammenhängen. 

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Ursachen 

In der Sozialwissenschaft werden mehrere mögliche Ursachen diskutiert. Eine dieser Ursachen ist die sogenannte Anomie – das Fehlen geteilter Normen und Symbole. Das führt zu Unsicherheit bezogen auf das eigene Verhalten und auch das erwartete Verhalten anderer, was letztlich zu sozialem Rückzug führt. 

Sie kennen das vielleicht, wenn Menschen in multikulturellen Gegenden positiv von ihrer eigenen Gegend sprechen. Der Maßstab ist nicht mehr: Sicherheit, Ästhetik, Wohlbefinden. Sondern das höchste der Gefühle wird plötzlich: Schauen sie, hier leben verschiedene Kulturen nebeneinander und wir töten uns nicht gegenseitig auf der Straße. Das ist das Erfolgsideal: dass es nicht zu Gewalt kommt. Der Anspruch passt sich an die Begebenheiten an. 

Eine weitere diskutierte Ursache ist Gruppenbedrohung – die empfundene Bedrohung in Bezug auf die eigene kulturelle Identität. 

Eine dritte mögliche Ursache ist Homophilie. Homophilie ist ein sehr bekannter und sehr gut belegter Effekt: Menschen neigen dazu, sich mit denjenigen zu identifizieren und zu assoziieren, die ihnen ähnlich sind. Eltern bevorzugen ihre Kinder, Menschen im Allgemeinen ihre eigene Sprache und Bräuche und ja, die meisten Menschen sind auch empathischer, wenn das Gegenüber ihnen ähnlicher ist. Menschen wählen sich sogar ihre Partner teilweise nach Ähnlichkeit. Das Phänomen wird als assortative Partnerwahl bezeichnet. 

Fazit

Der kohäsionsmindernde Effekt von Multikulturalismus ist relativ gut belegt. Und er lässt sich nicht durch ökonomische Änderungen erklären. In einer multikulturellen Gesellschaft ist der Erfolgsanspruch nicht mehr Sauberkeit und Wohlbefinden, sondern manchmal nur noch Gewaltfreiheit. Ob man diesen geänderten Anspruch in Kauf nehmen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Ein kohäsives Lebensgefühl, wie es viele noch aus den 1990iger-Jahren kennen, wird sich im Deutschland des Jahres 2026 in Großstädten kaum noch realisieren lassen. Auch dann nicht, wenn mit konsequentem Polizeieinsatz der Kriminalität Einhalt geboten wird. 

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