Die Streitverweigerer

Der Disput um ein Interview des FDP-Generalsekretärs Martin Hagen mit der rechten Zeitung Junge Freiheit offenbart ein Problem des gegenwärtigen Liberalismus: Freiheitliche sind hüftsteif und starr geworden – und bemerken in ihrer milieupflegerischen Hybris nicht, dass sich um sie herum eine ganze Gesellschaft verändert hat.

Als Martin Hagen vergangene Woche in der Jungen Freiheit die These aufstellte, die Gesellschaft habe verlernt, miteinander zu streiten, hat er wohl kaum geahnt, wie schnell sich diese Beobachtung bestätigen sollte: Kein Tag nach dem Erscheinen des Gesprächs in der rechten Wochenzeitung sagte die Philosophin Sabine Döring eine gemeinsame Podiumsdiskussion mit Hagen bei der Friedrich-Naumann-Stiftung ab. Der Grund liege nicht in den Äußerungen Hagens, so Döring auf der Plattform X, sondern darin, dass der FDP-Generalsekretär einen Debattenraum gewählt habe, der nicht mehr derjenige sei, in dem sie als Wissenschaftlerin und Liberale mitwirken möchte.

Döring, einst Staatssekretärin im FDP-geführten Bildungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger, arbeitet heute als Senior Fellow am „Zentrum Liberale Moderne“. Die Absage der Philosophin am Podium mitsamt öffentlichkeitswirksamer Verkündung ist dabei symptomatisch für die Diskurs- und Realitätsverweigerung einer Klasse, die Streit mit Andersdenkenden aussparen will und stattdessen auf Milieuhygiene setzt. 

Die Teilnahme an Diskussionsrunden und der Austausch von Argumenten erscheint in dieser Logik unmöglich, weil Diskussionsteilnehmer in (anderen) Kontexten auftreten oder auftraten, die den eigenen „Werten“ widerstreben. Wer mit einer bestimmten Publikation spricht, wie etwa der Jungen Freiheit, begibt sich demnach in einen Raum, in dem sich der moderne Liberale später nicht wiederfindet; nicht mehr wiederfinden möchte – weshalb er sich proaktiv zurückzieht.

Der „Markt der Ideen“ wird immer leerer

Diese Entwicklung steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem, was liberales Denken einst ausmachte. Oliver Wendell Holmes Jr. etwa, amerikanischer Supreme-Court-Richter und liberaler Rechtstheoretiker, prägte die Losung vom „Markt der Ideen“: Demnach sei der beste Prüfstein der Wahrheit die Kraft des Gedankens, sich im Wettbewerb durchsetzen zu müssen. 

Der deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf stritt 1968 am Rande des Parteitags der FDP in Freiburg mit dem radikal linken Studentenführer Rudi Dutschke auf dem Dach eines „ältlichen Volkswagens“: Umgeben von Menschenmassen und in der aufgeheizten Stimmung der Studentenproteste spaltete die Frage, ob direkte Aktionen (und die Besetzung von Institutionen) die gerade einmal 23 Jahre alte deutsche Demokratie voranbrächten – oder ihre liberalen Grundlagen zerstörten. Dahrendorf verteidigte dabei die Notwendigkeit von Institutionen und Verfahren, während Dutschke die bestehende Ordnung als repressiv und reformunfähig bezeichnete. Auch John Stuart Mill oder Karl Popper betonten immer wieder die Notwendigkeit, sich dem Diskurs mit Andersdenkenden zu stellen; das Prinzip der Behauptung in einem nicht-wohlgesonnenem Umfeld hat im Selbstverständnis von Liberalen eigentlich seit jeher Gültigkeit gehabt.

Doch gilt dies auch für dezidiert rechte Zeitungen wie die Junge Freiheit? Manche liberalen Stimmen verneinen das heute. Guido Westerwelle, der die FDP über Jahre als Vorsitzender und Außenminister prägte, wehrte sich entschieden dagegen, von dem Blatt für sich in Anspruch genommen zu werden. Er forderte liberale Abgeordnete sogar auf, der Zeitung, die im Jahr 2000 vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, keine Interviews zu geben. Ihr das regierungsamtliche Siegel zu verleihen, sei falsch. Dabei gehe es nicht um Inhalte von liberalen Abgeordneten, sondern darum, dass ein Gespräch die Zeitung aufwerte, so Westerwelle im September 2000 im Deutschen Bundestag.

Überholte Maßstäbe aus einer alten Bundesrepublik

Doch ausgerechnet Westerwelle für seine diskursive Verweigerungshaltung heranzuziehen, ist verfehlt. Seine Aussagen reichen 26 Jahre zurück. Damals vereinten die „Volksparteien“ Union und SPD 75 Prozent der Stimmen auf sich. Die FDP erreichte bei der Wahl 1998 6,2 Prozent und hatte 43 Bundestagsmandate. Es existierten weder relevante Parteien rechts der Union – da DVU und Republikaner den Einzug in den Bundestag verpassten – noch eine Flüchtlingskrise, die die deutsche Gesellschaft in den Jahren nach 2015 erschütterte und fragmentierte. Das Wort „woke“ kannten, so viel darf angenommen werden, die wenigsten.

Im vergangenen Jahr hat die FDP den Einzug in den Bundestag verpasst. In Umfragen erreicht sie aktuell Werte zwischen drei und fünf Prozent. Mit der AfD hat sich nicht nur eine Partei rechts von der Union gebildet, sondern ist zur stärksten politischen Kraft avanciert, die inzwischen in Umfragen auf 28 Prozent kommt. Im Herbst könnten erstmals AfD-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern ins Amt gewählt werden. Das Pendel ist also umgeschwungen; der Zeitgeist deutlich rechter und konservativer geworden. 

Die FDP sollte sich deshalb fragen, ob eine zunehmend linksprogressive Agenda und Lifestyle-Liberalismus der Schlüssel sind, um wieder in die Spur zu kommen. Angesichts einer relevanten Wählerwanderung hin zu CDU/CSU (1,3 Millionen bei der Bundestagswahl 2025) und AfD (800.000) spricht einiges dafür, dass sich einige ehemalige FDP-Wähler heute bei Medien wie der Jungen Freiheit wiederfinden. Ob in dieser Gemengelage ausgerechnet jemand wie Guido Westerwelle – der an anderer Stelle „politisch korrekte Debattenräume“ kritisierte und wiederholt forderte, Liberale müssten dorthin gehen, wo die Menschen sind, ohne die Debatte zu scheuen – ein Gespräch mit Rechten verweigert hätte, darf bezweifelt werden.

Es braucht nicht nur mehr Diskurs, sondern auch anderen

A propos Junge Freiheit: Es lohnt ein Blick auf das, was Hagen in dem Interview zum Besten gab: Der 44-Jährige, der zuletzt als Geschäftsführer der liberal-konservativen Denkfabrik „Republik21“ arbeitete, verwies im Interview darauf, wie völkische und antiwestliche Stimmen in der AfD angeblich den Ton angeben würden. Als Beispiele nannte er Björn Höckes Behauptung, Westdeutsche seien im Grunde nur deutschsprachige Amerikaner; Maximilian Krahs Abwertung der Nationalmannschaft als „Söldnertruppe“; sowie Alice Weidels Gratulation an eine russisch-französische Tennisspielerin bei den French Open, nicht aber an den deutschen Sieger Alexander Zverev. All dies, so Hagen, zeige, dass diese AfD mit echtem Patriotismus wenig zu tun habe. 

Statt sich in der vertrauten liberalen Blase zu bewegen, nutzte der Generalsekretär die Plattform einer rechtskonservativen Wochenzeitung, um der dortigen Leserschaft zu erklären, warum dem so sei.

Ob dies etwas bringen mag, wird sich zeigen. Die Rückgewinnung Liberaler, die inzwischen AfD oder CDU wählen, dürfte ein langwieriger Prozess werden – das hat auch systematische Ursachen, die in der Krise des Liberalismus gründen. In jedem Fall sind das Gespräch und das Forum, das Hagen wählte, aber gewiss kein Grund, nachfolgende Podien mit ihm abzusagen. Vielmehr sollte das Interview gewissermaßen als neue Selbstverständlichkeit angesehen werden; als Eingeständnis, dass man sich mitten in einer medialen Umwälzung befindet, in der es in Zukunft normaler werden dürfte, dass linkere Stimmen mit rechteren Publikationen und konservative Politiker mit linkeren Medien sprechen. 

Die Öffentlichkeit steht, um ein populäres libertäres Wort zu nutzen, vor einer „Disruption“ – und Hagens Vorstoß, zur Jungen Freiheit zu gehen, lässt vermuten, dass er sie verstanden hat.

Diese Disruption zeigt sich darin, dass Leitmedien wie der Spiegel oder die ZEIT zunehmend ihre „Gatekeeper“-Funktion verlieren. Ihr Anspruch, zu bestimmen, was relevant ist und wie Menschen zu denken haben, löst sich auf. Das gilt auch insbesondere deshalb, weil beide Publikationen kaum in rechtere Milieus hineinwirken. Bei ARD und ZDF, beide gebührenfinanziert, ist ein noch stärkerer linker bias festzustellen. Zudem sind beide zu einer gerontokratischen Parallelöffentlichkeit verkommen: Ihre linearen Formate erreichen vorrangig ältere Menschen, die noch immer Sendungen wie die Tagesschau, Politmagazine oder wöchentliche Talkshows als einzige Informationsquelle nutzen. 

Junge Menschen informieren sich hingegen auf sozialen Medien oder bei neuen Medienangeboten. Der Siegeszug eines Portals wie Apollo News und die Reichweiten, die die Plattform NIUS auf YouTube und Instagram erreicht, legen darüber Zeugnis ab: Beide konnten in den vergangenen Jahren nicht nur Spins von und Lesarten über politische Entscheidungen durchsetzen, sondern auch Recherchen umsetzen, die in die politische Mitte hineinwirkten: Es ist kein Zufall, dass Markus Lanz und Richard David Precht unlängst in ihrem Podcast zugaben, etablierte Medien hätten lange Themen ausgelassen, die für neue Portale wie Apollo News oder NIUS markenbildend und relevant wurden. 

Die Junge Freiheit, der Hagen nun ein Interview gab, zählt ebenfalls zu den Gewinnern eines sich verändernden Medienmarkts. Auch wenn sie keine riesigen Auflagen verkauft, hat sich ihr Auftritt in den letzten Jahren professionalisiert: Auf Plattformen wie TikTok erreichen ihre Creator Millionen-Reichweiten, von denen etablierte Konkurrenten nur träumen. Und: Sie erreicht rechte Wähler.

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Unbedacht in neuen Resonanzräumen

Insofern sollte es gerade für Liberale Pflicht sein, auch in diesen neuen medialen Resonanzräumen in den Wettstreit der Ideen zu treten – und Demokratie als Diskurs zu begreifen. Dass die Philosophin Döring nun aber gerade jener Chance mittels ihrer Äußerungen und Entscheidungen im wahrsten Sinne des Wortes eine Absage erteilt, ist ein Fehler. Und leider typisch für einen Typus des Liberalen, der inzwischen allzu oft nach außen freiheitlich auftritt, insgeheim aber Wohlfühlzentrist und Linker ist – und die selektive Gesprächsverweigerung nach rechts im Sinne eigener Weltbildbestätigung kultiviert.

Denn auch das ist wahr: Die selektive Gesprächsverweigerung ist kein symmetrisches Phänomen. Aus Kreisen, die migrationskritisch, coronaskeptisch oder generell gegen den herrschenden Zeitgeist argumentieren, kommt so gut wie nie die Forderung, man dürfe nicht mit Vertretern des Mainstreams (oder irgendeiner Plattform) sprechen. Dabei befremden insbesondere die Begründungen, die man immer wieder vernimmt, wenn es darum geht, warum man Person A nicht einladen oder Medium X kein Interview geben dürfe: Denen, so heißt es dann, dürfe man keine Plattform bieten, ihre Reichweiten nicht verstärken, ihre Standpunkte nicht legitimieren. Dies ist nicht nur denkfaul, sondern realitätsfremd – und wer dies nicht glaubt, sollte die Entrüstung auf der Plattform BlueSky verfolgen, wenn publik wird, dass mal ein AfD-Politiker bei Maybrit Illner oder Sandra Maischberger zu Gast ist. 

(Die AfD wird bei ARD und ZDF und ihren zentralen Talkshows noch immer kategorisch benachteiligt und, im Verhältnis zu Bundestagsmandaten und Umfragewerten, viel zu selten eingeladen. Die Rechtspartei erhielt bei der Bundestagswahl 20,8 Prozent der Stimmen, stellte in den öffentlich-rechtlichen Formaten aber nur 2,6 Prozent aller Talkshow-Gäste 2025.)

In einer Demokratie, die auf die Kraft des besseren Arguments setzt, ist die Bereitschaft zum Streit kein beliebiger Wert, sondern eine ihrer Voraussetzungen. Wenn Politiker aller Couleur bereit sind, sich in unterschiedlichen Medien und vor unterschiedlichen Publika der Kritik zu stellen – in der taz und bei Tilo Jung ebenso wie in der Jungen Freiheit oder bei Roland Tichy –, dann ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern von gesundem Selbstbewusstsein. 

Die Gesellschaft wird nicht aufhören, immer wieder rechts zu wählen, weil man ihr bestimmte Stimmen in einer medialen Agora vorenthält. Sie wird nur noch deutlicher bemerken, dass ein Teil ihrer Wirklichkeit aus dem etablierten Diskurs mutwillig ausgeklammert wird. 

Auch hier zeigt sich schon längst eine neue mediale Gegenöffentlichkeit, die Philosophinnen wie Döring (aber auch Medien wie ARD und ZDF) mit längst veränderten Realitäten konfrontiert: Bei YouTubern wie „Ben Ungeskriptet“ oder Jasmin Kosubek stellen sich Grünenpolitikerin Ricarda Lang, Clanboss Arafat Abou-Chaker, der Jurist Simon Bergmann, AfD-Mann Björn Höcke, Kriegsdienstverweigerer Ole Nymoen oder neurechter Vordenker Götz Kubitschek mitunter sehr langen Interviews. Die Formate und ihr Erfolg beweisen: Es gibt ein wachsendes Publikum, das sich nach mehr – und nicht weniger – Debatte und Streit sehnt, und die eher in der „Zentrum Liberale Moderne“-Milieuhygiene ein Auslaufmodell sieht.

Dörings Absage und die Empörung über Hagens Interview mit der Jungen Freiheit zeugen also eher davon, dass sich eine Öffentlichkeit längst segmentiert hat, weil noch immer zu viele wohlsituierte „public intellectuals“ ebenso wie Journalisten und Politiker in der Tat eher bevorzugen, in einem ideologisch konformen Milieu aufzutreten, denn einen Gang zu Andersdenken zu wagen. Jene Milieuhygiene bedeutet aber folgerichtig nur, dass Hagens Diagnose noch düsterer formuliert werden müsste: Als Gesellschaft haben wir nicht nur verlernt, zu streiten, sondern überhaupt Gesprächskreisen beizuwohnen, wo gestritten werden könnte.

Mit einem liberalen Anspruch hat all das natürlich nichts gemein. Wer heute den Anspruch des Streitgesprächs preisgibt und nur in den eigenen Zirkeln verkehrt, gibt mehr preis als eine einzelne Debatte: Der verweigert sich der Prüfung, dass er sein Argument so sehr untermauern können müsste, und es für so richtig hält, dass er sich damit zum politisch-weltanschaulichen Konkurrenten traut – oder zu Menschen, die diesen Gang wagen wie Martin Hagen. Solche Prüfungen sind es, die offene Gesellschaften von geschlossenen abheben – aber übrigens auch den Ewiggestrigen von denjenigen unterscheidet, die begriffen haben, dass der Wandel unserer politisch-medialen Öffentlichkeit in vollem Gange ist.

Transparentmachung: Jan A. Karon arbeitete von November 2022 bis Juni 2026 als Redakteur und Reporter für das Online-Portal NIUS.

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