Der Klang der Freiheit läutet zum ersten Mal
– vor 250 Jahren …
Als Barkeeper stand ich Samstag für Samstag die halbe Nacht hinter dem Tresen und mixte Drinks. In der Woche trieben mich meine Professoren schon um Viertel nach acht in die Hörsäle. Den Samstagmorgen ging ich meist auf den Markt, um Einkäufe zu erledigen. Der Sonntag war heilig – nicht wegen Gott, sondern wegen meines Schlafs.
Dann erhielt ich von meinem Vermieter die Eigenbedarfskündigung. Ich musste raus aus meiner Wohnung. Glücklicherweise fand ich schnell eine neue, bezahlbare, sogar gemütliche Bleibe. Zwar in einem anderen Viertel der Stadt, aber dennoch nah an Uni, der Bar, und ein Markt war auch in Gehweite. Doch um die Ecke: eine Kirche. Mit einem mächtigen Läutwerk. Und einer Glocke im Zentrum, die es in sich hatte: zwei Tonnen schwer, schon vor Jahrhunderten gegossen und jeden Sonntag um halb zehn bereit, die Schäfchen zur Messe zu rufen. Und mich aus dem Bett zu werfen.
Ich fand das Geläute übergriffig. Ein Weckruf, der mir als Zwang vorkam. Ich konnte verstehen, weshalb man früher glaubte, wie ich gelesen habe, Glocken könnten böse Geister vertreiben. Der Klang, der mich allsonntäglich weckte, war durchdringend, unüberhörbar, geradezu körperlich spürbar.
Insofern finde ich es eigentlich sehr passend, dass eine der berühmtesten Glocken weltweit, die vor 250 Jahren das erste Mal geläutet wurde, um eben das Ende des Zwanges zu verkünden, heute stumm ist.

Ein Klang für die Freiheit
Am 8. Juli 1776 läutete in Philadelphia eine Glocke, deren Bedeutung bis heute weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinausreicht: die über 900 Kilo schwere „Liberty Bell“ aus Kupfer und Zinn, die Freiheitsglocke.
Wenige Tage zuvor, am 4. Juli 1776, war die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung proklamiert worden. Nun sollte am 8. Juli das Gründungsdokument der Vereinigten Staaten zum ersten Mal öffentlich verlesen werden. Auf dem damaligen Independence Square hatten sich die Bürger versammelt, um die Worte zu hören, mit denen sich die nordamerikanischen Kolonien von der britischen Krone losgesagt hatten: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“ (so beginnt nach einigen einleitenden Worten der berühmte zweite Absatz). Zu diesem Anlass läutete die Liberty Bell.
Seitdem gilt die Liberty Bell als Symbol der amerikanischen Unabhängigkeit und des Strebens nach Freiheit.
Allerdings begann ihre „Freiheits“-Geschichte schon früher. Gegossen wurde die Glocke 1752 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Religionsfreiheit in Pennsylvania und zwar von der Glockengießerei Whitechapel Bell Foundry in London, die bis 2017 bestand. Nach ihrer Ankunft in Amerika zeigte sich allerdings ein Riss im Metall. Zwei Handwerker aus Philadelphia, John Pass und John Stow, schmolzen die Glocke deshalb ein und gossen sie neu.
Dass ausgerechnet eine Glocke, die später für Freiheit stehen sollte, schon bei ihrer Entstehung beschädigt war, finde ich bezeichnend. Ich muss dabei an den Film „Gladiator“ denken und an den „Traum von Rom“, von dem man, so Kaiser Marc Aurel, nur flüstern dürfe, so zerbrechlich sei er.
Die Botschaft im Metall
Auf der Liberty Bell findet sich ein Satz, der bis heute zu den bekanntesten Inschriften der amerikanischen Geschichte gehört:
„Proclaim Liberty throughout all the land unto all the inhabitants thereof.“
Auf Deutsch: „Verkünde Freiheit im ganzen Land für alle seine Bewohner.“
Die Worte stammen aus dem biblischen Buch Levitikus. Sie verleihen der Glocke ihre eigentliche Bedeutung. Nicht der Klang allein machte sie berühmt, sondern die Idee, die sie verkörperte.
Freiheit war im Jahr 1776 allerdings ein unvollendetes Versprechen. Während die Kolonisten ihre Unabhängigkeit erklärten, lebten Millionen Menschen in Nordamerika ohne politische Rechte. Frauen waren vom Wahlrecht ausgeschlossen, versklavte Menschen galten als Eigentum, indigene Völker wurden verdrängt.
Für viele war Freiheit nicht nur ein Traum, von dem man nur flüstern durfte, so zerbrechlich war sie, sie war ein fast unmöglich erscheinender Wunschtraum.
Der Riss als Symbol
Auch die Glocke selbst war zerbrechlich. Heute zieht sich durch die Liberty Bell ein großer, deutlich sichtbarer Riss, der die Glocke seit langem unbrauchbar macht. Wann genau dieser Schaden entstand, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.
Laut der US-Botschaft in Berlin ertönte der letzte Glockenschlag der Liberty Bell zum Geburtstag von George Washington am 23. Februar 1846.
Die verstummte Liberty Bell ist heute eines der bekanntesten Wahrzeichen von Philadelphia und gehört zu den meistbesuchten Orten im Independence National Historical Park. Sie steht in einem eigenen Glaspavillon im historischen Zentrum der Stadt, sodass der Blick auf das Objekt selbst schon zu einem kleinen Ritual wird: hinzutreten, lesen, schweigen, fotografieren, weitergehen. Bis heute besuchen Millionen Menschen die Glocke in Philadelphia. Sie gehört zum UNESCO-Welterbe rund um die Independence Hall und ist längst zu einer internationalen Ikone geworden.
Statt die Glocke als makelloses Denkmal zu zeigen, macht die Präsentation ihre Verletzlichkeit sichtbar. Genau darin liegt ein Teil ihrer Wirkung: Die Liberty Bell ist nicht das Bild einer perfekten Nation, sondern eines fragilen politischen Versprechens. Die Glocke, die Freiheit verkünden sollte, ist beschädigt. Ihr Klang ist verstummt. Doch ihre Botschaft bleibt hörbar.
Und vielleicht liegt darin eine wichtige Erkenntnis. Freiheit ist niemals vollkommen. Und die Liberty Bell erinnert daran, dass Freiheit nicht deshalb wertlos wird, weil sie unvollkommen ist. Im Gegenteil: Gerade ihre Unvollkommenheit macht deutlich, dass Freiheit immer wieder verteidigt, erweitert und neu mit Leben gefüllt werden muss.
Damals war mir mein sonntägliches Ausschlafen wichtiger als die Botschaften, die die Glocken in meiner Nachbarschaft in die Welt sandten. Ich hörte vor allem die Aufforderung „Jetzt aber hurtig, der Gottesdienst beginnt bald“, die sich ohne mein Einverständnis in meinen Sonntag drängte.
Heute sehe ich noch eine andere Ebene. Glocken verkünden nicht nur Termine, sie sind nicht nur ein tonaler Zwang. Sie senden auch die Botschaft aus: Ihr seid nicht allein. Gott ist mit euch. Ihr seid Teil einer Gemeinschaft, die denselben Klang hört und sich von ihm angesprochen fühlt.
Keine Botschaft für mich, aber heute kann ich anerkennen, dass eine solche Botschaft tröstlich ist. Einen Menschen sich heimisch fühlen lassen kann. Eingebettet in eine Tradition, die ihn trägt.
Bei der Freiheitsglocke ist es nicht ihr Klang, der die Botschaft verkündet, sondern der Riss, der „Nicht-Klang“, in dem die Idee umso hörbarer wird. Die so fragile Freiheit zu bewahren.
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