Warum es keine A-priori-Wissenschaft geben kann

Der Praxeologe Andreas Tiedtke antwortete am 29.05. im Sandwirt auf meine Kritik an der Praxeologie in den Freiheitsfunken. Leider ist es aus Platzgründen hier nicht möglich, diese Kritik in ihrer ganzen Breite wiederzugeben, aber hier zumindest so viel: Mein Text erklärt, warum Tiedtkes Wiederholung der Begründung der Praxeologie am Kern meiner Kritik vorbeigeht. Es ist unmöglich, mittels der Logik Erkenntnis zu gewinnen, die der Notwendigkeit der empirischen Überprüfung entgeht. Es geht nicht darum, von Mises’ ökonomische Erkenntnisse abzuwerten, sondern ein empirisches Fundament zu schaffen.

Schon, dass Tiedtke sich an den „Methodenstreit“ zwischen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und der Deutschen Historischen Schule erinnert fühlt, zeigt, dass er die Kritik in ein ihm bekanntes Schema einordnen möchte. Ich stehe jedoch in diesem Streit klar auf der Seite von Carl Menger, der forderte, dass die Ökonomie als eine theoretische Wissenschaft allgemeine Gesetzmäßigkeiten menschlichen Handelns entdecken müsse. 

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Ich stimme zu, dass die jeweiligen konkreten Erscheinungsweisen menschlichen Handelns der naturwissenschaftlichen Methode nicht zugänglich sind, weil menschliches Handeln aus den subjektiven Präferenzen der Handelnden erfolgt und somit keinen objektivierbaren Gesetzen unterliegt. Ich stimme von Hayek zu, dass die Methodik der Naturwissenschaften nicht auf die Sozial- und Geisteswissenschaften übertragbar ist (einer der wenigen Punkte, bei dem von Hayek Popper widersprach).

Von Mises unterschied jedoch den subjektiven Inhalt einer Handlung von einer objektiven Struktur, und dem folge ich. Nur der Inhalt der Handlung ist subjektiv, jedoch findet diese in einem objektivierbaren Rahmen statt. Der Dissens beginnt mit der Behauptung, diese Struktur oder dieser Rahmen sei mit den Mitteln der Logik auffindbar und die Ökonomie sei logisch begründbar.

Von Mises beansprucht für „man acts“ empirische Relevanz. Das schränkt jedoch die Definitionsmöglichkeiten für „Handeln“ ein. Wenn Tiedtke auf meinen Hinweis, es gäbe auch unbewusstes Handeln, behauptet, dass von Mises’ Handlungsbegriff auch dieses umfasse (obwohl von Mises menschliches Handeln als bewusstes Verhalten definierte), begibt er sich auf eine schiefe Bahn. Er definiert den Begriff „bewusst“ entgegen der allgemeinen Konvention einfach um: „Der Ausdruck „bewusst“ im praxeologischen Sinne dient zur Abgrenzung von rein physiologischen Reflexen oder Regungen im Schlaf, die eben nicht Handeln sind.“ Damit wird die Praxeologie aber blind für die empirische Relevanz der üblichen Unterscheidung von „bewusst“ und „unbewusst“. Tiere, denen wir mit gutem Grund menschliches Bewusstsein absprechen, sind demnach genauso wie Menschen zur Ökonomie fähig. Konsequent behauptet Tiedtke also, „wenn Löwen entscheiden, welches Gnu sie schlagen werden, handeln sie ökonomisch“. 

Tiedtke definiert also seine Begriffe jeweils so, dass es ins Konzept passt. Das ist innerhalb eines logischen Systems statthaft, nur wird „man acts“ dadurch zu einem analytischen Satz, der immer wahr ist wie „Alle Junggesellen sind unverheiratet“. Ein analytischer Satz bringt keinen Erkenntnisgewinn. Es reicht einfach nicht aus, irgendwie eine logische Widerspruchsfreiheit herzustellen, weil man damit der Empirie nicht entkommen kann. Denn ob ein logisches System empirische Relevanz hat, ist immer eine empirische Frage. Dies kann man sehr schön an der Euklidischen Geometrie sehen, die zwar sehr anschaulich ist, jedoch nicht die relativistische Raumzeit beschreibt, in der wir leben.

Was von Mises über die Handlungsstruktur sagt, muss deshalb empirisch überprüft werden. Dabei ergibt sich, dass die Ziel-Mittel-Struktur bestätigt werden kann, wir diese allerdings mit den Säugetieren teilen. Auch die Zeitpräferenz kann bei den Säugetieren bestätigt werden, allerdings nicht uneingeschränkt beim Menschen, wie u.a. die Anthropologen Mauss und Clastres gezeigt haben. Die empirische Überprüfung ergibt, dass von Mises’ Handlungsbegriff ausgerechnet die Handlungsstrukturen auslässt, die typisch menschlich sind. Ich habe in meiner Kritik folgende Strukturelemente des Handelns als Ergänzung vorgeschlagen, die ich der Verhaltensbiologie entnommen habe:

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, dass er sich als die Ursache seiner Handlungen versteht. Er verfügt über ein „Ich“, das handelt. An anderer Stelle habe ich erklärt, warum erst diese Tatsache überhaupt die Vorstellung von Freiheit ermöglicht. Tiedtke sagt, dass von Mises nicht von einem „freien Willen“ ausgehe. Nun – ich habe einen und halte deshalb diese Behauptung für empirisch widerlegt (detaillierte Begründung im obigen ef-Artikel).

Bei von Mises kommt ein handelndes Subjekt stets implizit vor, jedoch kann sein Handlungsbegriff nicht erklären, warum ein Tier nicht als Subjekt handelt. Oder er definiert, dass auch ein Tier als Subjekt handelt, und kann dann nicht erklären, warum sich die „Ökonomie“ der Tiere so fundamental von der der Menschen unterscheidet.

Denn der Mensch unterscheidet sich vom Tier auch dadurch, dass er biologisch für die Kooperation optimiert ist. Er ist fähig zu „reziprokem Altruismus“, im Grunde ein anderer Begriff für Tausch. Es ist offensichtlich, dass von Mises’ Handlungsbegriff, der genauso für Säugetiere passt, das allermenschlichste Handeln, nämlich die Allgegenwärtigkeit des Tauschens, gar nicht erklären kann. Wie sollte aus einem derartigen Handlungsbegriff eine ökonomische Theorie, die eine menschliche Ökonomie beschreibt und nicht die der Löwen, logisch folgen können? Das Mindeste, was man aus der Perspektive der Logik dazu sagen muss, ist, dass es offenbar einer ganzen Reihe von nichtdeklarierten Zusatzannahmen bedarf.

Ganz in Übereinstimmung mit Menger schlage ich deshalb vor, die allgemeinen Gesetze menschlichen Handelns mit den Mitteln der Verhaltensbiologie zu suchen, denn menschliches Handeln ist das Ergebnis der biologischen Evolution. Von Hayek hätte seine Ideen gerne auf die Psychologie gegründet, wie „The Sensory Order“ zeigt, musste dies jedoch aufgrund des begrenzten Wissens seiner Zeit aufgeben. Die heutigen Neurowissenschaften bestätigen nicht nur seine damaligen Überlegungen, sondern liefern seinerzeit fehlende Erkenntnisse. 

Es ist heute möglich und an der Zeit, die Österreichische Schule auf die Verhaltensbiologie zu gründen. Die wirklich rein menschlichen Handlungsstrukturen sind die Ich-haftigkeit des Handelns und der reziproke Altruismus als Grundlage jeglichen Tausches.

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