Anstand, Toleranz und Respekt

Haben Sie auch diese eher linksorientierten Leute im Freundeskreis, die nicht müde werden zu betonen, wie wichtig in unserer heutigen Gesellschaft die Werte Anstand, Toleranz und Respekt seien? Untermalt wird das ganze meistens mit einem klugen Spruch eines fernöstlichen Philosophen im WhatsApp-Status oder auf Facebook. Wenn es dann aber mal wirklich darum geht, eine andere Meinung zu akzeptieren, vergessen diese Leute die vorher gepredigten Werte sehr schnell. 

In meinem letzten Artikel (Vom Aufstieg, Fall und erneutem Aufstieg der Rockmusik) habe ich mich als langjähriger Heavy-Metal-Fan geoutet. Den meisten Menschen ist diese Musik bzw. Szene absolut fremd. Das hat Vor- und Nachteile. Häufig werde ich auf die angeblich so wilden Konzerte und Festivals angesprochen und wie es da wohl so zugeht. Ich muss die meisten Menschen dann leider immer enttäuschen, da solche Veranstaltungen eher Nerd-Treffen und keine Satans-Messen sind, auf denen nackte Jungfrauen ums Feuer tanzen. 

Leider. 

Nachteil ist, dass es immer wieder Leute mit Heavy-Metal -Halbwissen und einem WhatsApp Status voller Anstand-, Toleranz- und Respekt-Botschaften gibt, die einem erklären wollen, was wirklich Heavy Metal ist. Oder besser, was nicht Heavy Metal ist. 

Neulich wollte mir jemand erklären, dass es nicht Heavy Metal sei, auf einem Festival zu duschen. Als ich berichtete, dass ich nicht nur regelmäßig auf Festivals unter die Dusche gehe, sondern auch in einem Hotel mit Bett, Frühstück und Wellnessbereich nächtige, war das Unverständnis riesig. Mit Anstand, Toleranz und Respekt war es dann ganz schnell zu Ende. Auch mein höflicher Hinweis, dass doch jeder mache könne, was er wolle und das es doch letztendlich um die Musik gehe, hat zu diesem Zeitpunkt leider nichts mehr gefruchtet. Auf Festivals müsse man aufs Dixi-Klo und ins Zelt. Alles andere sei kein Heavy Metal. Punkt.

Zeitgleich hielt die ehemalige Olympiasiegerin Claudia Pechstein auf dem CDU-Grundsatzkonvent eine politische Rede in Polizeiuniform.

Die Welle der Empörung

Wie auf Knopfdruck lief die Welle der Empörung durch die sozialen Medien. Das „Juste Milieu“ war überraschenderweise not amused. Pechstein hielt immerhin – oh Schreck! – eine konservative Rede. In Polizeiuniform. Skandal! Doch, was hat sie eigentlich so Schlimmes gesagt? Sie meinte, dass Vereins- und Schulsport gestärkt werden sollte, Spitzensportler mehr Anerkennung bekommen sollten und sie kritisierte die aktuelle Abschiebungspolitik und mahnte Sicherheitsprobleme im öffentlichen Nahverkehr an. Diese Probleme seien den Menschen wichtiger als beispielsweise die endlosen Diskussionen über das Gendersternchen. Abschließend warb sie noch für das klassische Familienbild aus Mama und Papa. 

Oh je. 

Gerne werden Kritiker von Baerbock, Lang und Künast als frauenfeindlich bezeichnet. Bei Claudia Pechstein war man indes nicht so kleinlich. Die Werte Anstand, Toleranz und Respekt wurden genauso schnell vergessen, wie das Thema „Hate Speech“. Es gilt ja immerhin, die „Demokratie“ gegen rechts zu schützen. Dass die Meinungsvielfalt auch ein Baustein der Demokratie ist, wird ebenfalls ganz fix unter den Tisch gekehrt.

Wenn Sie jetzt ein Gefühl der Ermüdung empfinden, weil Sie dieses Muster schon so oft durchgespielt haben, dann empfehle ich Ihnen dringend das Interview von Claudia Pechstein in der Welt-App. Lesen Sie die Kommentare und ich versichere Ihnen, Sie werden schneller Ihren Glauben an die Menschheit zurückbekommen als beim Lesen der Kundenrezensionen auf Amazon für Sawsan Cheblis Buch. 

Gott ist queer

Tja, Claudia Pechstein hätte wohl einfach die Rede von Quinton Ceasar auf dem diesjährigen evangelischen Kirchentag kopieren sollen. Die Themen des Kirchentages waren, überraschenderweise, meistens weltlicher Natur und könnten auch so im Parteiprogramm der Grünen vorkommen: Klimawandel, Frieden, irgendwas mit „Gott ist queer“, Rassismus und Migration. 

Währenddessen lief in Frankreich ein Syrer auf einem Spielplatz (sic!) mit einem Messer Amok und verletzte mehrere Menschen lebensgefährlich. Das jüngste Opfer war gerade einmal 22 Monate alt. Erinnert ein wenig an die Messerattacke, die sich vor kurzem in Brokstedt ereignet hat. Dort wurden zwei junge Menschen, 17 und 19 Jahre alt, Opfer eines psychisch auffälligen Mannes aus Gaza. Keine Ahnung wie Claudia Pechstein darauf kommt, dass sich Menschen im öffentlichen Raum nicht mehr wohlfühlen. Über die Zustände in einigen Freibädern in diversen Großstädten ganz zu schweigen. Ob die Identitätslinken, die sich an Claudia Pechstein abgearbeitet haben, nun in Schwimmbädern Anstand, Toleranz und Respekt predigen wollen, bleibt vorerst offen.

Das allmächtige Hufeisen

Wo wir gerade beim Thema sind. Kürzlich wurde in Dresden die linksextreme Gewalttäterin Lina E. zu 5½ Jahren Haft verurteilt. Sie hatte mit ihrer Bande mutmaßlichen Nazis aufgelauert, um diese dann brutal zusammenzuschlagen. In den sozialen Medien wurde das Urteil von linken Usern als lächerlich herunter gespielt, da mehrere Opfer mittlerweile selber verurteilt wurden. Eines dieser Opfer, Leon R., hatte mit seiner rechten Bande ebenfalls Jagd auf Linke gemacht. Dass beide jetzt nicht wirklich viel für die Werte Anstand, Toleranz und Respekt übrig haben, ist ja nichts dramatisch Neues. Zwar sind Links- und Rechtsextreme in der Sache vielleicht getrennt, aber in den Mitteln und den Zielen durchaus vereint. Denn, letztendlich wollen beide dasselbe: Beide missbrauchen den Freiheitsbegriff für ihre Zwecke, beide wünschen sich einen starken Staat, der ihr verschrobenes Weltbild durchsetzt und beide verachten die Demokratie. Ob Rechtsextreme oder Autonome, beide kämpfen nicht nur gegen den politischen Gegner, sondern vor allem gegen das System. 

Das allmächtige Hufeisen schlägt wieder zu.

Schuld sind immer die anderen 

Wo wir gerade bei den Rändern sind: Die AfD steigt in den Wahlumfragen immer weiter. Inzwischen ist man mit der „Kanzlerpartei“ SPD auf Augenhöhe und stellt einen Landrat in Thüringen und irgendwo in der Einöde von Mittelerde einen Bürgermeister. Schuld daran sind natürlich immer die anderen. 

Oliver Welke meinte passend dazu neulich in seiner „heute-show”, dass die CSU (mit ihrer Heizungskampagne) nicht bei der AfD abschreiben soll, weil damit deren Positionen schleichend normalisiert würden und es nur der AfD helfen würde. So ähnlich sehen das überraschenderweise auch Vertreter der Grünen und der SPD die meinen, dass durch die ständigen Grenzüberschreitungen der Union (welche gemeint sind, bleibt stets offen) die AfD profitieren würde. Die FDP hat ja sowieso immer schuld. 

Die Grünen reagierten zum Beispiel mehr als pikiert auf den Auftritt einiger Politiker bei der Demonstration (gegen die Grünen) in Erding. Dort sprachen Vertreter der CSU, den Freien Wählern und der FDP. Dabei wurde vor allem die Politik und im Besonderen das „Heizungsgesetz“ ordentlich angegangen. So sehr, dass die Grünen die sofortige Absetzung des bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger forderten, der nicht an kräftiger Kritik gespart hatte. So eine Majestätsbeleidigung aber auch. Er muss das nächste Mal definitiv mehr Anstand, Toleranz und Respekt vor den Grünen zeigen!

Die Entzauberung der AfD

Diese stets von anderen eingeforderten Tugenden, ließ auch kürzlich Jan Böhmermann vermissen, als er Talkshow-Moderatoren anging, die AfD-Clowns in ihre Talkshows eingeladen hatten. 

Obwohl die gewachsene Demokratie der Bundesrepublik kaum mit der fragilen Demokratie der Weimarer Republik zu vergleichen ist, wird bei jedem AfD-Auftritt gemutmaßt, dass die Machtergreifung dieser Partei kurz bevorsteht. Wenn man die Auftritte dieser Leute dann pragmatisch bewertet kommt man allerdings schnell zu dem Urteil, dass die meisten AfD-Politiker ziemliche Flachpfeifen sind, die sich mit peinlichen Auftritten stets gekonnt selbst entzaubern.

Denn vielleicht ist die AfD momentan auch deshalb so stark, weil die Menschen einfach die Nase voll von gewissen Themen haben. Ob Gendern, Klimagedöns, Rassismus, Zuwanderung, Energiepolitik, Diversität und Heizungsgesetz, die Leute haben evtl. keine Lust mehr auf eine übergriffige Politik, die sich mehr und mehr bis ins Private erstreckt. 

Da sie bei den Parteien sonst keine Alternative sehen, strömen sie momentan leider zur AfD. So ähnlich hat es auch kürzlich der Geschäftsführer von Forsa und langjähriges SPD Mitglied, Manfred Güllner, in einem Welt-Interview analysiert, als er meinte, dass momentan grüne Themen sehr dominant wären. Vielleicht ist es auch ratsam, nicht immer nur von anderen Anstand, Toleranz und Respekt zu fordern, wenn man selbst nicht in der Lage ist, diese Werte adäquat vorzuleben. 

Oder es ist doch ganz anders: In den letzten Jahren sind massiv rechtsextreme AfD-Wähler (vor allem im Osten) vom Himmel gefallen, die man nur ständig beleidigen muss und dann wird alles gut. Vielleicht müssen wir alle auch einfach nur etwas „grüner“ werden, damit sich sämtliche Probleme in Luft auflösen.

Und dann treffen wir uns zum therapeutischen Vulvenmalen beim nächsten evangelischen Kirchentag. Denn, nur so geht wirklicher Heavy Metal!

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