Die Weihnachtshasserin – Teil 1

Diesen Text gibt es auch als Episode im Wurlitzer, dem Podcast des Sandwirts: Hier.

Nein, Haustiere habe sie nicht. Sie habe einen Pudel gehabt, erzählt sie mir, das sei eine Ewigkeit her, mindestens zehn Jahre. Und es sei nur ein Grund mehr gewesen, Weihnachten zu hassen.

Wir saßen in der „DB-Lounge“ eines großen deutschen Bahnhofs, durch halbrunde Fensterbögen konnten wir hinabsehen in die weiträumige Halle. Menschenmassen mäanderten zwischen den Bahnsteigen, ergossen sich über Rolltreppen, hetzten vorüber ohne einen Blick für den großen, strahlenden Weihnachtsbaum. Frau Herzberg war eine Zufallsbekanntschaft, wie man sie in Zügen macht, irgendwo zwischen Kassel und Fulda kamen wir ins Gespräch, stellten fest, dass wir beide am selben Ort umsteigen mussten, fast zur selben Zeit, und dass wir – bedingt durch eine üppige Verspätung – fast eine geschlagene Stunde auf unsere Anschlüsse würden warten müssen. 

Die Dame Mitte vierzig bedachte das Transportunternehmen mit Kraftausdrücken. Ihrer Garderobe nach hätte ich ihr derart Unflätiges kaum zugetraut, ich schlug ihr trotzdem vor, sich mit mir gemeinsam an kostenlosem Kaffee, Getränken und Tageszeitungen schadlos zu halten – so etwas verteilt die Bahn an ihre gehobenen Kunden – und lotste sie in die DB-Lounge. Wir fanden ein nettes Plätzchen mit Blick auf den Baum in der Halle, und das Erste, was meine Zugbekanntschaft dazu sagte, war: „Wie ich diesen ganzen Zirkus hasse!“

Dieser Ausbruch brachte mich in Verlegenheit, ich mag Weihnachten, ich war auf dem Weg nach Hause mit dem festen Willen, dort den ganzen Zirkus zu genießen, der alljährlich über fast alle Kontinente hinweg gleichzeitig seine wohldekorierten Arenen aufschlägt, der Kinderherzen höher schlagen, Kinderaugen leuchten lässt. Was sollte ich sagen? Ich erinnerte mich meiner Seminare in Gesprächsführung.

„Wenn ich Sie recht verstehe, verbinden Sie Weihnachten mit unerfreulichen Erinnerungen – oder meinen Sie nur den Weihnachtsrummel?“

„Ich meine Weihnachten. Es ist das Verlogenste, Ekelhafteste, Überflüssigste was ich kenne!“ 

Für einen Moment war ich sprachlos. Ich nippte an meinem Automatenkaffee. Das war entweder ein Fall schwerer Traumatisierung oder der Wunsch zu provozieren, und ich fragte mich, wodurch ich ihn womöglich geweckt hatte. Im Zug hatte ich Charles Dickens gelesen, Weihnachts-Geschichten, na gut, und die vom geizigen Scheusal Scrooge, der auf wundersame Weise zum Christfest geläutert wird, ist schon ein bisschen rührselig, sowas mag nicht jeder. Also versuchte ich es damit: „Ich kann Ihnen folgen. Gewiss geht dieses Fest mit allerlei Kitsch und Sentimentalitäten einher …“

„Es ist abartig!“

Gäste vom Nachbartisch schauten herüber, ich bemerkte, dass ich einen roten Kopf bekam. Die Leute dachten wunders, womit ich mir diesen Wutschrei verdient hatte. Frau Herzberg aber schaute mir plötzlich direkt in die Augen, griff nach meiner Hand und sagte: „Tut mir leid, seien Sie mir nicht böse. Es geht nicht gegen Sie. Aber schauen Sie sich nur all die schönen, stolzen Bäume an, die für blöde Märkte, Kaufhäuser, Kantinen, Kneipen, Bahnhöfe oder Millionen Wohnzimmer abgehackt werden, die dort vertrocknen und dann verbrannt werden! Fast 30 Millionen, allein in Deutschland jedes Jahr! Stellen Sie sich vor, Ihre Füße würden abgesägt, man schraubte Sie in ein Metallgestell, behängte Sie mit billigem Glitzerzeug und würfe Sie nach 14 Tagen einfach weg.“ 

Ihre Stimme war plötzlich weich geworden, ihre Augen glänzten feucht, sie hatte wirklich Mitleid mit den Bäumen. Das heißt, sie hatte irgendwann versucht sich vorzustellen, wie sich eine Säge an den Füßen anfühlt – oder jemand hatte sie dazu gebracht, sich das vorzustellen. Das war kein Spaß.

„Eine Säge an den Füßen“, murmelte ich, „das ist kein Spaß. Wenn Sie so etwas Kindern erzählen, werden Sie womöglich nie mehr Weihnachtsbäume anschleppen müssen.“

„Sehen Sie! Wieso erzählen wir das den Kindern dann nicht?“ Jetzt schimmerten ihre Augen hoffnungsfroh. Ich seufzte.

„Sehen Sie’s mir bitte nach“, ich legte meine Hand auf die ihre, „Bäume mögen Gefühle haben, aber wenn wir schon von Bäumen und Menschen reden, kommen wir um die Unterschiede nicht herum. Ich liebe Bäume, seit meiner Kindheit fühle ich mich im Wald zuhause. Dort tanke ich Kraft, habe oft in bösen Zeiten Trost gefunden. Und – glauben Sie’s oder nicht – dazu passt ausgerechnet das Weihnachtslied vom Tannenbaum.“

Frau Herzberg entzog mir ihre Hand. „Ja, ja. Mit dieser Art von Gedudel wurden früher Kinder eingelullt: ‚Hoffnung‘, ‚Beständigkeit‘. Was soll der Quatsch noch im digitalen Zeitalter, wo sich alles in rasendem Tempo ändert? Für Kinder zählt das neueste Smartphone zu Weihnachten, der Baum darf ruhig aus Plastik sein.“

„Haben Sie Kinder?“

„Ja. Zwei. Sie sind aus dem Haus, beide im Ausland. Sie? Sie sehen aus als hätten Sie schon Enkel – äääähhhh, Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“ 

Ich musste lachen. Und ich wurde ein bisschen traurig, denn ich habe keine Enkel, mit denen ich Weihnachtslieder singen könnte.

„So kann’s gehen. Ehe sich’s einer versieht ist der Zug – oder der Schlitten mit dem Christkind – abgefahren. Keine Bescherung. Aber Weihnachten feiern wir, obwohl wir keine Kinder haben, ganz konventionell. Manchmal laden wir Freunde ein …“ 

Da meine Reisebekanntschaft wieder die Miene verzog, hielt ich inne. Mir fiel auf, wie sich ihr Gesicht verwandelte: Sie war mindestens zwanzig Jahre jünger als ich, attraktiv und sehr exklusiv gekleidet, zweifellos hatte sie Chancen bei Männern, und vermutlich hatte sie es auch beruflich zu etwas gebracht, aber ich wurde nun doch neugierig, wie sie mit ihrem Weihnachtshass im persönlichen Umfeld zurechtkam. Diesmal entschloss ich mich, mit der Tür ins Haus zu fallen: „Da Sie Weihnachten so gar nicht mögen – was machen Sie mit den Feiertagen? Verreisen Sie?“

„Kennen Sie einen Ort ohne christlich verbrämten Kommerz?“

„Dubai?“ 

Ich traute ihr zu, sich so etwas leisten zu können, erntete dafür schallendes Gelächter: „Wo leben Sie denn, Mann! Dort hängen die richtig teuren Klunker an den Christbäumen. Bloß weil regelmäßig der Muezzin ruft, statt dass die Glocken läuten, verzichten die Moslems doch nicht auf ein gutes Geschäft mit den Ungläubigen.“

Das war mir jetzt richtig peinlich, denn ich wusste, dass im noch weiter entlegenen Südostasien den Touristen zuliebe die Weihnachtsdekoration abenteuerliche Blüten treibt. In China hatte ich erlebt, wie auf einer Tropeninsel bei 30 Grad Plastikweihnachtsmänner noch im Februar die Hotelfassaden erklommen. Es war einfach zweckmäßig, sie klettern zu lassen, bis die Dekoration fürs chinesische Neujahrsfest fällig war. Wohin also mit Frau Herzberg?

„Nordkorea?“ fragte ich. Sie starrte mich an. Sie fand das offenbar nicht komisch.

„Warum nicht. Bei uns kann sich jeder Klugscheißer über Kim Jong Un lustig machen. Wieso sollten die da drüben nicht finden, dass wir die eigentlich Geisteskranken sind? Halleluja, es leben die Geldmaschinen, in Ewigkeit, Amen. Manchmal denke ich: So arm die Nordkoreaner dran sein mögen – sie lügen sich vielleicht dafür weniger in die Tasche.“

Ich verstand, dass diese Frau Mitte Vierzig entweder wirklich ein Opfer weihnachtlicher Verlogenheit war, oder sie genoss es, mir meinen Kinderglauben zu vergällen. Also nickte ich, ohne sie anzusehen, und befasste mich mit dem kalt gewordenen Kaffeerest. 

Dass in der Not und unterm Druck einer Diktatur weniger gelogen würde, halte ich für Unsinn. Lügen ist eine unentbehrliche Strategie, gerade wenn Menschen an Leib und Leben bedroht sind. Sogar die Weisen aus dem Morgenland täuschten den König Herodes über ihren Reiseweg zum Kind in der Krippe von Bethlehem.

„Das ist ein hartes Urteil über einen wie mich, der einfach gern mit seiner Frau und Freunden im Kerzenschein eine Tradition pflegt, weil er sich gern an seine Kindheit erinnert. Weihnachten war für mich immer viel mehr als eine Reihe von Festtagen mit Geschenken und gutem Essen. Ich bin inzwischen ein alter Knabe, aber mit dem Knäblein von vor 60 Jahren verbindet mich die Erinnerung an die Liebe und Zuwendung von Mutter, Großmutter, Schwester, Verwandten und Freunden in Zeiten des Mangels und der Not. Sie waren vielleicht nicht so hart wie in Nordkorea, aber Ihnen dürften sie ebenso fremd und schwer vorstellbar erscheinen. Sie sind noch jung.“

„Ja? Finden Sie? Für Sie vielleicht, Pardon, das war schon wieder unhöflich. Aber geradeheraus: Das fromme Getue, wo’s eigentlich nur ums Geschäft geht – kotzt Sie das nicht an?“

„Ich nehme es nicht so wichtig. Geschäft ist immer. Aber Zeit zur Besinnung ist knapp geworden. Die Rituale aus meiner Kinderzeit helfen, sich darauf einzustimmen. Ich kann davon erzählen, während ich den Baum schmücke oder wir Essen zubereiten. Das ist und bleibt etwas ganz Besonderes, Feierliches.“

Frau Herzberg hatte jetzt einen Taschenspiegel in der Hand, prüfte ihr Makeup, es war tadellos. „Hat mir nie etwas bedeutet, war nie in der Kirche, außer wegen der Kunstwerke, und als Kind hatte ich Weihnachten Spaß vorm Fernseher, beim Essen und mit der Bescherung. Meine Eltern hatten oft Krach wegen irgendwas. Bis zur Scheidung. Ich war elf. Danach versuchte meine Mutter besonders nett zu sein, Papa hielt mit Geschenken dagegen, aber es wurde immer langweiliger. In den 80er Jahren war’s toll: tagelang Halligalli bei Shows und in den Diskos, das war meine Zeit, Weihnachten war prima, weil ich ausschlafen konnte.“

Anscheinend wollte sie doch vor allem mich provozieren, den frömmelnden Spießer. Ich setzte mein allerfreundlichstes Lächeln auf: „Das fand ich zwanzig Jahre vor Ihnen auch schon. Da gab’s noch keine Disko, aber wir waren verrückt nach den Beatles und es gab Live-Bands auf der Bühne, es gab sogar eine Nachtbar. Mit Weihnachten hatte das Abenteuer nix zu tun. Oder vielleicht doch. Vielleicht waren wir doch in gehobener Stimmung …“

„Wegen der Geschenke! Neue Klamotten und so – oder?”

„Auch das. Aber in der Advents- und Weihnachtszeit liegt etwas Besonderes, eine besondere Erwartung in der Luft, Neugier, als wäre einer besonders aufnahmebereit für ein Wunder – für Zuneigung und erfüllte Wünsche.“

„Entschuldigung, aber Sie spinnen einfach. Wenn ich auf Reisen gehe – natürlich nicht nach Nordkorea – erwarte ich mindestens so viele Wunder und mehr erfüllte Wünsche als wenn ich nach pflichtgemäß aufgetischtem Essen unterm Christbaum pflichtgemäß herangeschafftes Zeug aufklaube, auspacke und so überrascht und dankbar tun muss, als legte man mir die Welt zu Füßen. Übrigens habe ich mich niemals zu Weihnachten verliebt, ich habe mich nur einmal entliebt.“

Ich überlegte, ob ich mich in meinem Leben einmal zu Weihnachten verliebt hatte. Für uns Teenager waren Kirche und Konfirmandenunterricht natürlich auch Gelegenheiten zu flirten. Aber da wir uns in der Kleinstadt alle kannten, geschahen dabei keine Wunder. Dafür gab es den Tanzboden, manchmal reichte sogar der Schulhof. Bildete ich mir das mit der Weihnachtsstimmung nur ein?

„Was meinen Sie mit ‚entliebt‘? Bitte nehmen Sie mir die Frage nicht krumm, ich möchte nur wissen, ob Sie deshalb so Anti-Christ-festlich eingestellt sind.“ 

(Weiter mit Teil 2 am 2. Weihnachtstag …)

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