Halt!

Fast täglich frage ich mich inzwischen, in einer Mischung aus Faszination, Ekel, Furcht und ungläubigem Staunen, in was für einer Zeit wir eigentlich leben. Mit dieser Frage bin ich bestimmt nicht alleine. Allerdings dürften die Antworten, die Denkrichtung und die Wahrnehmungen sich hierbei deutlich von jenen unterscheiden, die der politisch vorherrschende Zeitgeist hervorbringt.

Wir leben in einer Welt, in der alles auf den Konsum von Online-Medien ausgerichtet und abgestimmt ist. Bunte, vielfältige Medien. Oft mit mehr Fragen als Antworten. Oft mit mehr Ärger als Unterhaltung. Wir leben in einer Zeit, in der sogar die Liebe in immer stärkerem Ausmaß online gedatet und konsumiert wird. In einer Zeit, in der der Mensch auf das Äußere, seinen Habitus und seinen Gestus reduziert wird. In dem Haltung die eigentliche Haltlosigkeit kaschiert. 

Wir leben in einer Zeit, in der Ehrlichkeit als Schwäche ausgelegt wird, in der die Lügner und Selbstdarsteller auf Händen durch den multimedialen Raum getragen werden. Wir leben in einer intervernetzten Zeit, in der wir in erwünschte, vorgefertige, eingeordnete und eingerahmte Lebensdesigns gepresst und in die Welt geworfen werden, um am Ende doch alleine in uns selbst zu sein.

Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, sondern wir sehen die Welt so wie wir sind oder wie wir gerne sein wollen. Oftmals auch nur noch wie wir sein sollen. Wir behandeln die Mitmenschen nicht wie sie sind. Wir behandeln sie so, wie wir sie gerne hätten. Passen sie nicht in unser Raster, so behandeln wir sie schlecht. Gefällt uns eine Meinung nicht, ergießen wir unsere Shitstorms über das, was wir nicht verstehen können oder wollen.

Wenn wir etwas liken, dann in immer stärkeren Maße nur noch innerhalb unserer Filterblasen. Wir hinterfragen kaum mehr, weder die Dinge wie sie sind, noch uns selbst. So entsteht denn auch nichts Bleibendes mehr, sondern nur noch kurzlebige Effekte, bei denen wahres, dauerhaftes Lebensglück sich nicht einstellen will. In dieser kurzlebigen Unbeliebigkeit und Unverbindlichkeit, keimt in viel zu vielen Menschen immer mehr Leere, die der Verkümmerte sich mit Wut füllt.

Aus der Erkenntnis im Jetzt und Hier zu leben, wurde das likeorientierte Konsumieren der Momente und der verwehenden Kurznachrichten. In einem Spinnennetz der Online-Versuchungen surfen wir durch die Untiefen des Unsinns.

Wir sind stets bemüht, dabei eine Haltung einzunehmen, die uns auf der besten Welle aller Wellen nicht abstürzen lässt. Haltung, die wir wie eine Monstranz vor uns herschieben. Wir legen unseren Fokus auf die Selbsthaltung und konstruieren daraus Vorgaben für das Verhalten aller anderen. Unser Geist wird nicht mehr durch sich selbst, sondern nur noch durch die richtige Haltung bestimmt.

Jede Zeit hat ihre Geisteshaltung und doch kann eben jeder Haltungsgeist zu einem Zombie seines Selbst werden. Der heute vorherrschende Zeitgeist entwickelt sich immer rasanter zu einem Geist in gebückter Haltung. Zu einem sich nicht mehr selbst reflektierendem, konsumierenden und alle anderen be- und abwertenden Zombie des Haltungszwanges und der Geistesschwäche.

Nicht mehr die tatsächlichen Bedürfnisse und kulturellen Werte prägen den Zeitgeist, sondern einzig die Haltung, genauer gesagt eine ganz bestimmte, einzig richtige Haltung. Diese wird über alles gestellt. Die Leitbilder sind keine gewachsenen, kulturellen Wertesysteme mehr, sondern haltlose, weltanschauliche Ikonen, Personen, Unternehmen, Strategien, Denkschablonen, Ideologien und Korrektheitsansprüche. Durch ein nie da gewesenes professionelles Marketing werden Rituale ersetzt.

Der Selbstzweck wird zum Ritual und die zum heiligen Mittel des Zweckes zweckentfremdete Selfie- und Selfiedarstellergeneration regiert den panischen Zeitgeist. Sie sind die Opfer und Sklaven der Moderne.

Für mich erklärt sich hieraus, wie es zu dieser von und durch Panikmarketing manipulierten Geisteshaltung kommen konnte. Zugleich wird mir dabei aber auch klar, daß ich es den Gläubigen auch noch so kruder Ideologien, nicht einmal übel nehmen kann. Sie können nur noch in Panik, Wut oder Verzweiflung ausbrechen und dieses Negative verbreiten, weil sie nicht wissen können und nicht wissen sollen, wer sie wirklich sind und was sie wirklich wollen. Sie sollen nicht anders können, weil es jemand anderem nicht zum Nutzen gereicht. 

So wird Haltlosigkeit durch Haltung ersetzt. Aber genau deshalb gilt es Halt zu geben, Halt! zu sagen und mit einer anderen, kritischen Haltung dem Zeitgeist der Haltungsjournalisten, Marketingfuzzis, Panikmacher und selbstsüchtig-gierigen Manipulatoren Einhalt zu gebieten.

Wenn wir das nicht schaffen, dann dürfen wir nicht andere verurteilen, sondern sollten uns selbst für unsere Untätigkeit verurteilen. Es gibt viel zu tun. Packen wir es „endlich wieder” an!

Beitrag teilen …

Der nächste Gang …

Julian Marius Plutz Blog

Am Stammtisch #2: Carlos A. Gebauer

Julian Marius Plutz Blog

Das Ende einer unwürdigen Vorführung

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Fill out this field
Fill out this field
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed