High Noon ist vorbei 

Tagesgericht: Heute vor 65 Jahren starb Gary Cooper

Im Wohnzimmer meiner Großeltern steht in der Schrankwand immer noch ein VHS-Videorekorder. Und er ist an den Fernseher angeschlossen und funktioniert. 

Manchmal, wenn ich zu Besuch bei Oma und Opa bin und sie schon zu Bett sind, nehme ich aus dem Regal eine der alten Videokassetten heraus, auf denen sie Sendungen aus dem Fernsehen aufgenommen hatten, die sie sich nicht zum Sendetermin hatten anschauen können. Samstagabend-Klassiker wie „Wetten, dass..!“ damals noch mit Frank Elstner. Ein paar Folgen der „ZDF-Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck. „Der große Preis“ mit Wim Thoelke.

Auf einer der Kassetten ist aber ein Klassiker drauf, den ich mir dann tatsächlich auch als DVD gekauft habe. Neben dem „Weißen Hai“ von Spielberg dürfte das der Film sein, den ich mir am häufigsten angesehen habe: „Zwölf Uhr mittags“ (Originaltitel „High Noon“), mit dem vor 65 Jahren am 13. Mai 1961 verstorbenen Gary Cooper in der männlichen Hauptrolle. Ich habe ja schon an anderer Stelle von meinem Faible für Cowboys erzählt.

Ein Mann, der kaum Worte brauchte

Gary Cooper – bürgerlich Frank James Cooper – wurde am 7. Mai 1901 im amerikanischen Helena, Montana, geboren. Aufgewachsen in der Weite des Westens, schickte ihn seine Familie im Alter von neun Jahren zusammen mit seinem älteren Bruder Arthur zur Schulbildung nach England, wo er drei Jahre lang die Schulbank drückte. 

Seine Filmkarriere begann denkbar unspektakulär. 1925, noch in der Stummfilmzeit, verdingte er sich für fünf Dollar am Tag als Komparse, unter anderem als römischer Soldat in „Ben Hur“ von Fred Niblo, dem bis dahin teuersten Film der Filmgeschichte. Die doppelte Gage verdiente er als Stuntman in Abenteuer- und Westernfilmen. Dass er die Gefahr dabei nicht scheute, passte zu ihm.

1926 wurde der große, gut aussehende Jungschauspieler vom Produzenten Samuel Goldwyn unter Vertrag genommen und im selben Jahr für seinen Auftritt in „The Winning of Barbara Worth“ erstmals namentlich im Abspann erwähnt. 1926 wurde er von Paramount Pictures unter Vertrag genommen, wo er unter anderem auch im oscarprämierten Fliegerfilm „Flügel aus Stahl“ zu sehen war.

Den Sprung zum Star schaffte Cooper 1929 mit dem Western „Der Mann aus Virginia“. Damit hatte er, was vielen seiner Kollegen nicht gelang, den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm geschafft. Sein minimalistischer, fast zurückhaltender Stil war wie gemacht für das neue Medium. Er brauchte keine großen Gesten. Ein Blick genügte. Ein leises Zögern. Und manchmal eben gar nichts – nur die Präsenz eines Mannes, der weiß, was er tut und warum.

Cooper gehörte Jahrzehnte zu den populärsten Hollywoodstars überhaupt. 110 Filme, zwei reguläre Oscars – für „Sergeant York“ (1942) und „Zwölf Uhr mittags“ (1953) sowie 1961 ein Ehrenoscar für sein Lebenswerk. Letzteren konnte er nicht mehr selbst entgegennehmen; er war bereits schwer an Krebs erkrankt. Sein Freund James Stewart übernahm das für ihn. Cooper starb am 13. Mai 1961.

Der Mann, der seinen Freund nicht fallen ließ

Dass Gary Cooper eine Ikone war, wusste Hollywood. Dass er ein aufrechter Mensch war, zeigte er in einer Situation, in der es ihm niemand gedankt hätte – im Gegenteil.

Es war die Zeit des Kalten Krieges, der Kommunistenhatz, des Misstrauens. Cooper war politisch konservativ, Republikaner durch und durch, Mitgründer der „Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideals“, einer Organisation, die sich dem Schutz amerikanischer Werte und der Abwehr kommunistischer Einflüsse verschrieben hatte. 1947 wurde er vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe geladen. Er berichtete von Aussagen, die er als „sehr unamerikanisch“ empfunden hatte, lehnte Drehbücher ab, die ihm ideologisch verdächtig erschienen – aber er nannte keine Namen. Andere taten das. Cooper nicht.

Und dann kam „High Noon“.

Town Marshall Will Kane, Coopers Figur in „High Noon“, wartet auf einen Mann, der ihn töten will und der mitsamt seiner Bande in die Stadt kommt. Die Stadt lässt Kane im Stich. Einer nach dem anderen. Er bleibt trotzdem. Nicht aus Heldenmut, nicht aus Sturheit – sondern weil es das Richtige ist. Weil man das eben so macht, wenn man ein Mann ist. 

Die Botschaft war für mich klar. Und so handelte auch Cooper, wie ich dann mit Faszination und Sympathie erfuhr, als ich mich mit dem Menschen hinter der Rolle beschäftigte.

Während der Dreharbeiten zu „12 Uhr mittags“ 1951 hatte sich Cooper mit dem Drehbuchautor Carl Foreman angefreundet. Foreman war einst Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen – was in Hollywood zu jener Zeit einem Todesurteil gleichkam. Als Foreman vor das Komitee geladen wurde, hätte Cooper wegschauen können. Er hätte schweigen können. Stattdessen tat er das Gegenteil: Er setzte seine eigene Karriere aufs Spiel. Während John Wayne und andere drohten, Foreman auf die schwarze Liste zu setzen, gab Cooper eine öffentliche Presseerklärung ab und nannte Foreman „den besten Amerikaner“. Als Produzent Stanley Kramer Foremans Namen aus dem Abspann streichen ließ, drohten Cooper und Regisseur Fred Zinnemann damit, den Film zu verlassen – es sei denn, der Name käme zurück.

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Foreman erinnerte sich später, dass von all seinen Freunden, Verbündeten und Kollegen in ganz Hollywood Cooper „der einzige Große war, der versucht hat, zu helfen. Der einzige.“

Eng befreundet war Cooper auch mit Ernest Hemingway – jenem Schriftsteller, der Männlichkeit nicht als Prahlerei verstand, sondern als stille Standfestigkeit. Es heißt, Hemingway habe die Hauptfigur seines Romans „Wem die Stunde schlägt“ geradezu auf Cooper zugeschnitten. Was ich mir sehr gut vorstellen kann.

Im Original heißt „Wem die Stunde schlägt“ übrigens „For Whom the Bell Tolls“. Metallica haben einen meiner Lieblingssongs auf dem Album „Ride the Lightning“ nach dem Buch von Hemingway benannt. 

Aber das ist eine andere Geschichte. Meine Großeltern haben in besagter Schrankwand zwar eine Musikanlage mit Plattenspieler stehen und dort finden sich neben einem VHS-Schatz wie „12 Uhr mittags“ auch einige Vinyl-Schätze – Opa liebt die Beatles, „Here, There and Everywhere“ von „Revolver“ ist sein Favorit, der Song lief, als er Oma den Heiratsantrag gemacht hat –, aber Heavy Metal ist nicht nach ihrem Geschmack.

Mehr Film im Sandwirt:

„Hallo Spencer – eine Filmkritik“ von Rob Alexander

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