Die Wette auf den klugen Wähler
Ist ja interessant! #8
Wählen gehen, ja oder nein? Ganz rational gesehen.
Gehen wir von der berühmten Wette aus, die der französische Mathematiker Blaise Pascal (1623-1662) im 17. Jahrhundert vorschlug, um jene Menschen vom Glauben zu überzeugen, denen die vorhandenen Gottesbeweise nicht einleuchteten: Wenn man an Gott glaubt und es gibt Gott, hat man gewonnen. Wenn man an Gott glaubt und es gibt ihn nicht, hat man nichts verloren. Wenn man nicht an Gott glaubt und es gibt ihn tatsächlich nicht, hat man weder etwas gewonnen noch etwas verloren. Wenn man nicht an Gott glaubt, es ihn aber gibt, hat man alles verloren. Man tut also gut daran, an Gott zu glauben.
Genauso könnte man das Wählengehen betrachten: Wenn man dem kleineren Übel durch seine Stimme zum Sieg verhilft, hat man das größere Übel verhindert. Sieg auf ganzer Linie. Wenn man das kleinere Übel wählt, es aber trotzdem nicht die politische Macht erobern kann, hat man es immerhin versucht. Gratulation. Wenigstens ein moralischer Sieg. Wenn man nicht wählen geht und das kleinere Übel trotzdem gewinnt, sollte man sich insgeheim schämen. Wenn man nicht wählen geht und das größere Übel darum an die politische Macht kommt, ist man der Dumme.

Alles klar? Nehmen wir Pascals Wette unter die Lupe. Sie konnte nämlich nur schreiben, wer wie Pascal in einer Region wohnt, in der praktisch nur ein einziges Bekenntnis infrage kommt. In den deutschen Ländern hätte Pascal als kühler Logiker eine andere Rechnung aufmachen müssen: Für die Katholiken war ein Bekenntnis zum Protestantismus schlimmer als ein schlichter Unglaube, für die Protestanten ein Bekenntnis zum Katholizismus.
Weltweit betrachtet geht die Rechnung schon gar nicht auf: Für Muslime ist der Christ schlimmer als der Ungläubige und so weiter und so fort. Beim Glauben an den falschen Gott droht also der Totalverlust des jenseitigen Heils, während man als Ungläubiger Chancen hat, besser wegzukommen. Bei der Vielzahl der Gottheiten, die sich als die jeweils einzig wahren andienen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, den richtigen Gott zu wählen, drastisch, und man tut wohl besser daran, sich bedeckt zu halten und neutral zu bleiben.
Diese Überlegung wiederum auf das Wählengehen angewandt: Die pascalsche Wahl-Wette setzt nicht nur voraus, dass das kleinere Übel ex ante eindeutig zu identifizieren sei, sondern auch, dass es ex post das kleinere Übel bleibe. Dies ist jedoch keineswegs sicher, nein, es ist geradezu unwahrscheinlich. Um einige neuere Beispiele anzuführen: Die Grünen wandelten sich 1999 und 2021 zu Bellizisten, was sicherlich keiner ihrer Wähler als kleineres Übel betrachtet hatte. Friedrich Merz und Donald Trump wetteiferten um den Geschwindigkeitsrekord beim Brechen von Wahlversprechen und der Verwandlung des in den Augen ihrer Wähler kleineren zum größeren Übel.
Ausdrücklich spreche ich von kleinerem und größerem Übel. Denn die pascalsche Wahl-Wette funktioniert nur, wenn man einer solchen Partei oder einem solchen Kandidaten seine Stimme gibt, bei dem es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sie oder er die Wahl auch gewinnt.
P.S. Die pascalsche Wahl-Wette impliziert übrigens ein Misstrauen in die Demokratie. Denn die Wahl-Wette geht davon aus, dass die Mehrheit in Gefahr stehe, das größere Übel zu wählen (es sei denn, ich verhindere es knapp mit meiner Stimme). Das Versprechen der Demokratie dagegen lautet, die Mehrheit wähle das, was für alle das Beste ist.
Ist ja interessant!
Der Autor dieses Artikels hat in der Edition Sandwirt das Buch „Gegen den Strich gelesen – 12 überraschend freiheitliche Denker“ veröffentlicht.




