Kritik des Libertarismus

In den beiden vorausgehenden Artikeln über die Politische Philosophie des Libertarismus (Teil 1, Teil 2) wurde eine Problematik dargestellt, auf die eine libertäre Politische Philosophie antworten muss: Der Mensch ist Träger angeborener Freiheitsrechte und Staaten bestehen zu dem Zweck, diese Rechte zu schützen. Weil der Mensch aber grundsätzlich an seinem eigenen Vorteil interessiert ist und (zumindest in Demokratien) auf den Staat Einfluss nimmt, werden über die Zeit hinweg immer mehr Ansprüche auf vom Staat zu erbringende Leistungen geschaffen. Damit nehmen auch Abhängigkeit und Unfreiheit der Bürger zu, was aber dem Interesse des Menschen zuwiderläuft und seine natürlichen Rechte verletzt.

Umverteilung und Unfreiheit

Mögen die „… muss kostenlos sein“-Phrasen des Linkspopulismus noch so schön klingen, so müssen Kindertagesstätten und Universitäten, Willkommens- und Wohlfühlkultur, öffentlicher Nahverkehr und Elektroautoprämien und all die anderen Geschenke des Staates eben doch auch finanziert werden. Kostenlos für den einen heißt in Wahrheit ja immer: Muss ein anderer bezahlen! 

Der Staat, der mit der Inflation der Ansprüche immer mehr Leistungen zu erbringen hat (was ihm bekanntlich ohnehin nur in schlechter Qualität gelingt), wird so zunehmend in eine große Umverteilungsmaschine verwandelt: Er muss den einen zwingen, einen Teil der Früchte seiner Arbeit und seines Eigentums zugunsten anderer abzugeben. Je mehr Zuständigkeiten der Staat erhält, desto unfreier werden seine Bürger. Eine solche Entwicklung ist daher als schleichender Legitimitätsverlust und Verfall des Staates zu bezeichnen.

Radikallibertäre Ansätze rechnen zu wenig mit dem Menschen, wie er tatsächlich ist, und sichern daher das Gemeinwesen zu wenig gegen jene Zerfallsprozesse ab, die sich aus der Eigennutzenorientierung des Menschen ergeben. Im Folgenden soll überlegt werden, welche Möglichkeiten sich einer libertär ausgerichteten Politischen Philosophie bieten, dies zumindest bis zu einem gewissen Grad zu leisten. Nichts ist ewig, weshalb auch der uralte Traum eines ewig stabilen Staates eben nicht mehr als ein Traum sein kann. Dennoch ist zu fragen, welche menschlichen Einflüsse den Untergang noch beschleunigen und wie diesen entgegengewirkt werden kann.

Institutionalisierte Korruption

Ein Staat kann als ein Gefüge aus Institutionen begriffen werden und seine Legitimität gründet sich gerade auch auf deren verlässliches und effizientes Funktionieren. Dieses wiederum hängt von den Menschen ab, die diese Institutionen als Politiker, Beamte, Polizisten, Richter, Lehrer und Bürger bevölkern und tragen. Es ist klar, dass auch hier das Wesen des Menschen durchschlägt und seine Auswirkungen auf die Institutionen und den Staat im Ganzen hat. Nicht, dass das menschliche Vorteilsstreben als solches schon verwerflich wäre, es ist im Gegenteil sogar überlebensnotwendig. Problematisch wird es jedoch, wenn es mit der Nichtberücksichtigung von Nachteilen für andere einhergeht.

Ein Staat muss funktionieren oder er sollte überhaupt nicht existieren (oder nur in anderer, besserer Form). Denn warum sollte es den Staat überhaupt geben, wenn er seine Zwecke nicht erfüllt? Allerdings muss auch Klarheit über diese Zwecke bestehen und für Libertäre besteht diese Klarheit: Die Zwecke eines Staates sind die Garantie der Freiheitsrechte sowie der freien Vereinbarungen der Bürger. Nun ist es so, dass auch ein anfänglich guter Staat aufgrund der egoistischen Tendenzen des Menschen über die Zeit hinweg korrumpiert wird und verfällt. 

Es geht hier nicht um die Kleinkorruption in Behörden, sondern um den schrittweisen Umbau der Institutionen zum Zwecke der Selbstbereicherung und des Machtausbaus von Gruppen: Posten werden mit Personen besetzt, die nicht dem Gemeinwohl dienen, sondern irgendwelchen Sonderinteressen. Es gilt nicht mehr das Prinzip der Bestenauswahl und auf allen Ebenen herrscht zunehmend Inkompetenz. Die augenfälligsten Beispiele hierfür sind die Parlamente, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Universitäten. 

Auch das Grundgesetz ist ein Opfer dieser Vorgänge, weil Parteien ihre jeweiligen politischen Ziele hineinschreiben oder von einem mit konformen Richtern besetzten Bundesverfassungsgericht herausinterpretieren lassen, und den Staatsapparat so zur Durchsetzung ihrer jeweiligen politischen Ideologie missbrauchen.   

Immer weniger ist dann noch das Gemeinwohl der oberste Zweck der Institutionen, sondern diese werden von ihren eigentlichen Aufgaben entkoppelt und so umgebaut, dass sie ganz anderen Zielen dienen. Das Parlament realisiert dann nicht mehr den Willen des Volkes, sondern Selbstbereicherung und Machtausbau; Universitäten dienen dann nicht mehr der Bildung und Wahrheit, sondern der Ideologieproduktion; Massenmedien nicht mehr der Information und Meinungsbildung, sondern der Ideologieverbreitung und Desinformation.

Die Entwicklung führt so von der anfänglichen Integrität der Institutionen über Korruption in den Institutionen zur institutionalisierten Korruption. Das Wort „Staat“ ändert dabei unter der Hand seine Bedeutung: Aus einer Bezeichnung für die am Gemeinwohl orientierte Organisation des Gemeinwesens wird eine Verschleierungsvokabel für die Durchsetzung der besonderen Interessen einer bestimmten sozialen Schicht auf Kosten der anderen.  

Der Mensch

Mag das anfängliche Design eines Staates und seiner Institutionen noch so gut sein (eine Aufgabe, an der die Politische Philosophie seit Jahrtausenden arbeitet): Wird nicht mit dem wirklichen Menschen gerechnet, tritt der Zerfall des Gemeinwesens nur um so früher ein. Eine anthropologisch uninformierte Politische Philosophie ist nicht realistisch.  

Denn der Mensch verhält sich tendenziell eigennützig und auf den eigenen Vorteil bedacht. Obwohl in den klassischen Gesellschaftsvertragstheorien der Staat in gewissem Sinne als Antwort auf die dadurch im Naturzustand aufgeworfenen Probleme erscheint, ist er doch nicht deren Lösung in dem Sinne, dass der Mensch allein schon durch seinen Eintritt in den staatlichen Zustand wesentlich anders werden würde. Wodurch sollte sich ein solcher Wandel auch vollziehen? Der Unterschied zwischen Naturzustand und staatlichem Zustand ist ja nur der, dass es im einen Fall Gesetze und ein sie durchsetzendes Gewaltmonopol gibt, und im anderen nicht. 

Nun kann der Staat mit seinen Gesetzen (genauer gesagt, mit seiner glaubhaften Strafandrohung) gewisse Äußerungen des menschlichen Egoismus unterbinden, doch weiß dieser sich dann schon auf andere, subtilere Weisen zu betätigen. Insbesondere schafft der Staat auch neue, leichtere und vielleicht sogar verführerischere Betätigungsmöglichkeiten für das menschliche Vorteilsstreben: Muss der Einzelne im Naturzustand noch damit rechnen, den Angriff auf Eigentum, Leib oder Leben eines anderen mit dem Leben zu bezahlen, so erscheint es doch weitaus bequemer und gefahrloser (wenn auch wohl ehrloser), als Berufspolitiker, Experte oder Empfänger linker Stiftungsgelder von Steuermitteln zu leben, oder Maskendeals und Cum-Ex-Geschäfte zu betreiben. 

Auf der Ebene der Verfassung und der staatlichen Gesetze allein ist das Problem der Vorteilsnahme im Kleinen, und im Großen des Entstehens einer immer weiter anwachsenden parasitären Klasse, die den Staat und seine Bürger immer mehr zu ihren eigenen Zwecken einspannt und so zugrunderichtet, nicht zu lösen. Dass die Bürger, wo es einen Unterschied macht, das Interesse des Gemeinwesens über ihr eigenes stellen und also nicht alles tun, was sie dürfen und nicht alles mitnehmen, was sie könnten – dies ist nicht durch Gesetze herbeiführbar. Genau dort, wo das Gesetz nicht wirkt oder nicht verbietet, wird letztlich über den Zustand des Gemeinwesens entschieden.

Worauf diese knappen Überlegungen hinweisen sollen, ist die Tatsache, dass es für einen guten Staat nicht nur einer guten Verfassung bedarf, sondern auch der tugendhaften Bürger. Die großen Denker des Politischen haben dies seit jeher gesehen und es dürfte einer der wesentlichen Faktoren in der Erklärung des Niedergangs unseres Gemeinwesens sein, dass diese Einsicht heute nichts mehr gilt.

Tugenden

Als Tugenden werden in der Ethik gute Charaktereigenschaften von Personen bezeichnet. Tugenden sind allgemeine Verhaltensweisen oder Tendenzen, sich auf eine gute Weise zu verhalten. Einen moralischen Wert hat ein solches Verhalten aber nur, wenn es intrinsisch motiviert stattfindet, aus freien Stücken, und nicht erst unter Strafandrohung oder Zwang. Tugendhaft ist also gerade und nur derjenige, der sich auch dort keinen ihm nicht zustehenden Vorteil verschafft, wo er dies ungestraft könnte, oder der hilft, obwohl er nicht müsste.

Was die Frage angeht, was genau denn hier „gut“ heißen soll, braucht man das Rad nicht neu zu erfinden: Wie in den meisten Grundfragen der Politischen Philosophie ist auch hier das Wesentliche schon seit der Antike klar erkannt: Zu den für ein stabiles und gesundes Gemeinwesen unverzichtbaren Tugenden der Bürger gehören sicherlich Rechtstreue und Gerechtigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit, sittlicher Anstand und intellektuelle Eigenständigkeit. 

In einer Demokratie wären diese Tugenden um so wichtiger, denn wie sich mit Montesquieu (Vom Geist der Gesetze, 1748 ) sagen lässt: In einer Monarchie muss nur einer tugendhaft sein (der König), in einer Aristokratie zumindest einige (der Adel), in der Demokratie aber alle, denn hier hängt der Zustand des Staates von allen ab. Nun ist bekanntlich in unserer Zeit sogar gerade der demokratische Berufspolitiker das Musterbeispiel für Rückgratlosigkeit, Vorteilsstreben, Verlogenheit und rücksichtslose Selbstbereicherung.

Dass gute Bürger und Politiker für einen guten Staat unverzichtbar sind, der Mensch aber von Natur aus zunächst eher egoistisch und eigennützig ist, stellt die Politische Philosophie vor die Frage: Wie kommen Tugenden zustande? Wie lässt sich dafür sorgen, dass die Menschen auch tatsächlich tugendhaft sind? 

Die Antwort liegt eigentlich nahe und wird doch von vielen übersehen: Menschen werden dadurch anständig, vertrauenswürdig, uneigennützig, sozial und vernünftig, dass sie entsprechend erzogen, sozialisiert und gebildet werden. Nur wenn sie diese Werte vorgelebt sehen und sie ihnen gegenüber eingefordert und schließlich auch von ihnen anerkannt und verinnerlicht werden, können diese Werte auch ihr Handeln und Leben orientieren und anleiten. „Wertepluralistisch“ gewordene Gesellschaften, die am Ende eigentlich nur wertenihilistisch sind, betreiben ihre Selbstzerstörung, weil sie genau das nicht mehr hervorbringen, was Voraussetzung eines stabilen Gemeinwesens ist: Bürger, die ihr Tun und Lassen unter höhere Werte stellen.

Bildung, Kultur, Werte: Dies sind Leitthemen rechter Politischer Philosophie, weshalb hier abschließend für einen Rechtslibertarismus argumentiert werden soll. Hierzu ist allerdings zunächst noch knapp auszuführen, was hier unter „rechts“ und „links“ verstanden sein soll.

Rechts und links

Mit „rechts“ und „links“ werden Politische Philosophien bezeichnet, die einander in zentralen (nicht aber in allen) Fragen des Politischen gegenüberstehen. Nun sind diese Bezeichnungen moralisch so aufgeladen und in ihrer Bedeutung so diffus, dass eine auch nur annähernde Klärung hier schon aus Platzgründen nicht erfolgen kann. Stattdessen soll hier nur eine bestimmte Hinsicht eingenommen werden, und zwar die hier bislang immer wieder herangezogene naturrechtliche Perspektive, in der über die angeborenen Rechte des Menschen gesprochen wird. 

Denn hieran wird auch das Alleinstellungsmerkmal libertärer Politischer Philosophie noch einmal deutlich: Libertäre gehen nämlich, wie sehr sie sich auch sonst in den verschiedenen Spielarten des Libertarismus unterscheiden mögen, davon aus, dass der Mensch von Natur aus angeborene Rechte besitzt, eben die Freiheits- und Abwehrrechte Leben, Leib und Eigentum, nicht aber irgendwelche Anspruchsrechte. Die libertäre Grundidee ist, dass der Mensch frei ist und niemandem gehört – ihm allerdings auch niemand etwas schuldig ist (mit Ausnahme vielleicht der Pflichten, die Eltern gegenüber ihrem Nachwuchs haben). 

Demgegenüber gehen rechte wie linke Philosophien davon aus, dass der Einzelne bereits in gewisse Pflichten hineingeboren wird. Dennoch besteht hier noch ein großer Unterschied zwischen Rechts und Links, denn diese Pflichten ergeben sich für beide aus völlig unterschiedlichen Gründen und haben daher auch ganz unterschiedlichen Charakter: Für Linke ergeben sie sich daraus, dass der Mensch eben nicht nur Träger von Abwehrrechten, sondern vor allem auch von angeborenen Anspruchsrechten ist (hinter denen die Abwehrrechte dann sogar zurücktreten). Mit diesen aber gehen auch Pflichten und Zwänge einher. Denn noch einmal: Der Anspruch des Einen ist die Pflicht des Anderen. Hat der eine ein Recht auf etwas, so muss es einen anderen geben, der die Pflicht hat, es ihm zu verschaffen. Und wo einer eine Pflicht hat, dürfen andere ihn zwingen, sie zu erfüllen. So wird eine Schuldigkeit des Einzelnen gegenüber seinen („benachteiligten“, „diskriminierten“) Zeitgenossen oder gar den künftigen Bewohnern einer phantastischen Zukunftsutopie erzeugt und unter dem Etikett der sozialen Gerechtigkeit in ein politisches Programm mit totalitärem Charakter überführt. 

Eben deshalb, weil Anspruchsrechte bzw. Pflichten den Einzelnen zum Werkzeug und Besitz der Bedürfnisse und Interessen machen, weisen libertäre Philosophien diese Annahme zurück.

Für Rechte hingegen ergeben sich die Pflichten des Einzelnen nicht (jedenfalls nicht primär) daraus, dass andere Individuen irgendwelche Ansprüche auf etwas haben, sondern als Verpflichtungen gegenüber überindividuellen Instanzen und höheren Werten – sei dies Gott, König, Vaterland, Volk, Kultur, Tradition, Ehre, Stand oder was sonst diese Rolle spielen mag. 

Man mag von diesen Idealen halten, was man will (um eine inhaltliche Bewertung soll es hier nicht gehen), jedenfalls dient der Einzelne hier nicht seinen Mitmenschen oder der Herstellung einer globalen Gleichheit aller (die im Übrigen Libertäre wie Rechte auch gar nicht als wünschenswert ansehen).

Rechts vor Links

Es geht hier nicht darum, dass die Beseitigung von ökonomischen Härten nicht ein berechtigtes Anliegen wäre. Nur ist die linke Verschiebung dieses Anliegens auf die naturrechtlich-moralische Ebene der angeborenen Rechte und Pflichten für die Freiheit des Menschen verhängnisvoll: Denn wenn andere angeborene Anspruchsrechte gegenüber dem Einzelnen haben, dieser ihnen also immer schon etwas schuldig ist, dann ist er letztlich nichts anderes als deren Besitz, ihr Sklave. So verschleiert dieses Verhältnis auch durch die Komplexität moderner Gesellschaften und durch eine moralisierende Sprache sein mag: über die regelmäßigen Folgen dieses Denkens und des linken Menschenbilds klärt der Blick in die Geschichte auf.  

Was hinsichtlich des konkreten Problems des Zerfalls des Staates und des Gemeinwesens nicht weniger ins Gewicht fällt, ist die linke Stoßrichtung, alle Tradition, das heißt alles Überlieferte und alles historisch Gewachsene, ja sogar alles Natürliche abschaffen zu wollen. Früher als „Klassenkampf“ und „Kritik der Bourgeoisie“, heute als „Kapitalismuskritik“ und „soziale Gerechtigkeit“ etikettiert, richtet sich der linke Progressivismus gegen natürliche Unterschiede (wie Geschlecht, Intelligenz, Schönheit usw.), tradierte Werte, Lebensformen, Kultur, Moral, Wissen, ja sogar Sprache (so das derzeitige linke Projekt der Durchsetzung einer „geschlechtergerechten“ Sprache). 

Dass sich das linke Projekt der Abschaffung des Tradierten und des Natürlichen häufig auch „Kampf gegen Rechts“ nennt, ist dabei bezeichnend. Denn all jenes sind für eine rechte Politische Philosophie die Quellen von Werten und einer Normativität, die sich auch an den Einzelnen richtet: Sitten zu achten (Anstand), Kultur zu wahren (Bildung), frühere Generationen für ihre Leistungen und Errungenschaften zu ehren (Dankbarkeit), das Gemeinwesen zu schützen (Patriotismus), Ehrfurcht vor Höherem (Demut) und so weiter. 

Stärker rechte Politische Philosophien werden daraus allerdings eine so starke Normativität machen, dass dahinter wiederum auch die individuellen Abwehrrechte zurücktreten müssen. Eine moderater rechte Position hingegen wird diese Normativität zwar anerkennen, aber nur als vergleichsweise schwächere Verpflichtung: als eine, die nicht ohne Weiteres die angeborenen Freiheitsrechte zurücktreten lässt. Hier kann dann auch ein Rechtslibertarismus Anschluss finden. 

Rechtslibertarismus

Das libertäre Element einer rechtslibertären Position macht den absoluten Vorrang der individuellen Freiheitsrechte geltend: Im Zweifelsfall übertrumpfen diese die Forderungen, die von der Gesellschaft an den Einzelnen herangetragen werden mögen. Das heißt allerdings nicht, dass Werte, Kultur und Tradition sich nicht auch in den Gesetzen und Institutionen eines solchen Staates niederschlagen dürften – im Gegenteil, wird gerade das auch als notwendig eingesehen. Die Institutionen des Staates müssen kulturell geprägt und an Werten orientiert sein, weil nur so eine zeitweise Bewältigung des oben herausgestellten Problems möglich ist: dass ein guter Staat gute Bürger voraussetzt. 

Genauer besehen, handelt es sich freilich um ein Wechselverhältnis: Gute Institutionen setzen gute Bürger voraus und gute Bürger werden durch gute Institutionen hervorgebracht. 

Insofern geht ein Rechtslibertarismus weit über das hinaus, was ein radikallibertärer Minimalstaat sein soll und nur sein darf. Das unter Libertären sprichwörtliche „Europa der tausend Liechtensteins“ dürfte vor diesem Hintergrund jedenfalls keines von tausend reinen Dienstleistern sein, sondern eines der tausend Gemeinwesen mit je eigener kultureller und historischer Identität und Färbung, wenn auch (daher ja: „Europa“) auf Basis eines kulturell tief verankerten gemeinsamen Menschenbildes, nämlich desjenigen eines freien, eigenständigen und verantwortlichen Menschen.

Eine rechtslibertäre Politische Philosophie anerkennt die Bedeutung, die Bildungsinstitutionen (zu denen auch schon die Familie gehört) für das Gemeinwesen haben. Diese werden auf Bildung im klassischen Sinne ausgerichtet sein müssen. Auch wenn damit ebenfalls schon eine bestimmte „Ideologie“ implementiert ist, handelt es sich dabei doch um eine besondere und ausgezeichnete: Denn ihr liegt das (auch vom Libertarismus vertretene) Ideal des freien und mündigen Individuums zugrunde, das sich am Ende gerade als selbstdenkend und ideologieresistent erweist (wie dies Immanuel Kant in seinem klassischen Aufsatz aus dem Jahr 1784, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? darlegt). 

Ohne Zweifel ist dies etwas völlig anderes als die linke Erziehungsideologie, die auf Indoktrination, Konformität und ständige Umerziehbarkeit des Menschen abzielt. In einem rechtslibertären Staat gäbe es also auch, anders als in der heutigen Bundesrepublik Deutschland, keine vom Staat vorgeschriebene Weltanschauung, keine Forderung nach Gesinnungsbekenntnissen, keine Zensur und keine informationelle Hoheit. „Hass“, „Hetze“, „Fake News“ und „Delegitimierung“ wären in ihm keine Rechtsbegriffe.

Was tun?

Wie kann das Gemeinwesen vor dem sich vor unseren Augen vollziehenden Untergang noch gerettet und wiederhergestellt werden? Wie kann Freiheit zu einem Leitwert werden und der mündige Bürger wieder in Erscheinung treten? Ist all das überhaupt noch möglich?

Ob dies noch möglich ist, muss sich zeigen. Was es jedenfalls bräuchte, wäre die Einsicht, dass der Niedergang unseres Gemeinwesens die Folge einer falschen Philosophie und eines perversen Menschenbildes ist. Was es bräuchte, wäre ein Wandel der politischen Kultur.

Daraus lässt sich zumindest ableiten, was zu tun ist: Wir müssen an einer neuen Philosophie arbeiten und hierzu auch auf das Bewährte und überzeitlich Gültige zurückgreifen. Denn die Geschichte ist kein Müllhaufen von Irrtümern, sondern ein Fundus an Wahrheit: an tiefen Einsichten in das Wesen des Menschen, des Politischen und der Wirklichkeit. Wir müssen Aufklärung im Sinne Kants betreiben. Wir müssen uns von den zerrütteten Institutionen des Staates entkoppeln und neue Foren und Formen der Bildung, des Austausches und der Kooperation etablieren, aus denen dereinst neue Institutionen erwachsen könnten. Ohne Zweifel handelt es sich um ein langfristiges Projekt, und Der Sandwirt möge ein Baustein hiervon sein.

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3 Kommentare. Leave new

  • Immo Sennewald
    27. April 2023 13:13

    Danke für diesen Artikel; er spricht mir aus dem Herzen und Michael Nerurkar tut es klar, wohlüberlegt, brillant formuliert. Ich bin froh, dass hier ein Autor aus der jüngeren Generation an denselben Zielen arbeitet, die mich mit dem Sandwirt auf ermutigende Weise verbinden. So stelle ich mir “fröhliche Wissenschaft” vor.

    Antworten
  • Dors Venabili
    27. April 2023 23:06

    Sehr wichtige Gedanken! Hier spielt auch das Böckenförde-Dilemma hinein, dass eine moderne demokratische Gesellschaft gar nicht die Grundlagen garantieren kann , auf denen sie funktioniert. (“Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“.)
    Es geht tatsächlich um jeden Einzelnen und ,ja, es geht um so altbackene Begriffe wie “Ehrlichkeit”, “Vertrauenswürdigkeit”, “Verlässlichkeit”, “Tugend”. Und, ja, wir sollten unseren Kant wieder konsultieren weil es nahezu ausnahmslos eine selbstverschuldete Unmündigkeit ist mit der wir es hier zu tun haben.
    Einen Begriff den Sie benutzt haben ist “Intellektuelle Eigenständigkeit”. Meine Lieblingsvokabel dazu ist “Intellektuelle Redlichkeit”, auch und gerade gegen sich selbst. Oder mit Kant: “Die reine Lauterkeit der Absicht sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein.”
    Ja, wir brauchen einen Weg diese Punkte wieder in die gesellschaftliche Diskussion zu bringen. Dabei ist das Berufspolitikertum das erste, was weichen muss. Man kann heute nicht mehr mit redlichen Absichten in einer Partei sein. Die Welt der tausend Gemeinschaften braucht keine Hohepriester der Haltung!

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  • Treffender könnte man den aktuellen Status-quo kaum analysieren…es gibt zu wenig Idealisten und in bestimmten Bereichen leider gar nicht, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass man diesen gar keine Chance lässt, in bestimmte “Höhen” vorzudringen….

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