Auf dem Plattenspieler: Nick Cave
Künstler: Nick Cave
Song: Red Right Hand (Immortal) – erschienen auf dem Album „Peaky Blinders: The Immortal Man (Soundtrack from the Netflix Film)“, RCA Records 2026
Ganz wertfrei betrachtet lässt sich wohl kaum bestreiten, dass sich seit geraumer Zeit in vielen westlichen Ländern eine schleichende Abnahme des Vertrauens in staatliche Institutionen und etablierte Ordnungen beobachten lässt. Immer mehr Menschen begegnen ihnen mit Skepsis, hinterfragen deren Legitimität und zweifeln an ihrer Fähigkeit, Stabilität, Sicherheit und Orientierung zu gewährleisten.
Unabhängig von den Ursachen gewinnt damit eine alte politische Frage zunehmend an neuer Aktualität: Was kann an die Stelle staatlicher Ordnung treten, wenn diese ihre Autorität verliert?
Eine der interessantesten popkulturellen Auseinandersetzungen mit dieser Frage findet sich im Zusammenspiel des Songs „Red Right Hand“ der australischen Band Nick Cave and The Bad Seeds und der Serie „Peaky Blinders“, zu deren prägendem Leitmotiv das Stück wurde.
Ursprünglich erschien der Titel bereits 1994 auf dem Album „Let Love In“. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Nick Cave vom „chaotischen Post-Punk“ seiner frühen Band The Birthday Party entfernt und entwickelt mit seiner neuen Band eine eigene Form dunkler, literarisch geprägter Rockmusik. Ihre Lieder handeln von Themen wie Schuld, Sehnsucht, Tod, Gewalt und Macht und ihre Songtexte wirken fast wie moderne Novellen. „Red Right Hand“ gehört zu den bekanntesten Beispielen dafür.
Schon der Titel verweist auf „Paradise Lost“, ein Werk John Miltons – eines englischen Dichters des 17. Jahrhunderts, der vor allem für dieses epische Gedicht über den Sündenfall des Menschen bekannt ist. Die „rote rechte Hand“ steht dort für göttliche Vergeltung und strafende Macht. Cave übernimmt dieses Motiv, löst es jedoch aus seinem religiösen Kontext und formt daraus eine ambivalente, unheimliche Autorität, die zugleich Schutz und Bedrohung verkörpert.
Der Track zeichnet das Bild eines elegant auftretenden Mannes im schwarzen Mantel, der scheinbar überall präsent ist, Ordnung verspricht und zugleich unterschwellig Furcht erzeugt. Gerade deshalb fügt sich das Stück nahezu perfekt in „Peaky Blinders“ ein.

Die Handlung der Serie spielt im Birmingham der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: einer Welt aus traumatisierten Veteranen, dysfunktionalen Eliten, Korruption und wirtschaftlicher Unsicherheit. Die Hauptfigur Thomas Shelby, gespielt von Cillian Murphy, kehrt aus seinem Einsatz in Frankreich zurück und muss feststellen, dass die offiziellen Institutionen weder Stabilität noch Gerechtigkeit mehr garantieren können.
Getragen von strategischem Denken und persönlicher Souveränität errichtet er gemeinsam mit seiner Familie eine eigene Ordnung: eigene Regeln, eigene Loyalitäten, eine eigene Ökonomie. Außerhalb legaler Strukturen und Normen steigen die Shelbys auf und ersetzen versagende Institutionen durch private Organisation: Nicht als ideologisches Manifest, sondern als existenzielle Reaktion auf den Vertrauensverlust in staatliche Systeme.
„Red Right Hand“ begleitet diesen Aufstieg wie ein musikalischer Schatten:
They’re whispering his name across this disappearing land
And hidden in his coat is a red right hand
Doch im Verlauf der Serie verschiebt sich das Bild. Tommy Shelby bleibt nicht der unabhängige Außenseiter. Mit jeder Staffel wird er selbst mehr zur Institution. Er errichtet ganze wirtschaftliche Netzwerke, kontrolliert immer mehr Territorien, etabliert ein eigenes Gewaltmonopol und dringt schließlich bis in die Politik vor: Er bekämpft „den Leviathan“ und verwandelt sich dabei langsam selbst in einen.
Für den Abschluss der Serie, den Film „The Immortal Man“, der dieses Jahr erschien, wurde „Red Right Hand“ neu aufgenommen. Die neue Fassung, mit „Immortal“ im Titel, nahm Nick Cave ohne seine Band auf: eine nahezu symbolisch-repräsentative Reduktion.
Denn während die Originalversion von einem lebendigen Schlagzeugrhytmus, den berühmten markanten Keyboard-Linien und klar gesetzten Bassläufen getragen wurde, ist die neue Fassung deutlich zurückhaltender: Das Schlagzeug gerät in den Hintergrund, die bekannten Keyboard-Linien werden nur noch angedeutet und viele Klangflächen wirken fast leer. Was einst die Aura unerschütterlicher Kontrolle ausstrahlte, klingt nun gealtert, verletzlich und von der Last der Zeit gezeichnet.
„Red Right Hand (Immortal)“ wirkt wie das Echo eines Menschen, der seinen eigenen Mythos überlebt hat – und spiegelt damit auf eindrucksvolle Weise den Weg wider, den auch Thomas Shelby bis zum Ende gegangen ist; im Film ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Kaum ein Song hätte den Abschluss der Serie treffender begleiten können.
Interessant ist auch, dass diese Veränderung nicht nur auf die Filmfigur zutrifft, sondern auch auf Nick Cave. In seinen frühen Jahren verkörperte er den chaotischen, nihilistischen Punker, der für Exzess und Gewaltästhetik stand. Später entwickelte er sich zum eleganten und poetischen Erzähler. Und nach tragischen Todesfällen und Schicksalsschlägen wurde seine Musik noch ruhiger und verletzlicher: Seine aktuellsten Werke wirken wie Meditationen über Trauer, Endlichkeit und menschliche Zerbrechlichkeit.
Gerade dadurch erhält „Red Right Hand (Immortal)“ eine zusätzliche Tiefe. Die ursprüngliche Faszination für den starken Einzelnen, der sich selbst dazu ermächtigt über allen Regeln zu stehen, weicht einer nachdenklicheren Betrachtung des Preises, den er letztlich dafür zahlen muss.
„Peaky Blinders“ und sein Titelsong zeigen weder die Notwendigkeit staatlicher Strukturen noch eine naive Romantisierung völliger Gesetzlosigkeit. Sie legen vielmehr nahe, dass Machtvakuen selten von Dauer sind: Immer dann, wenn bestehende Ordnung zerfällt, erscheint irgendeine „rote rechte Hand“, die Schutz verspricht und dafür Loyalität verlangt. Aus der Alternative zur Macht wird neue Macht.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Selbstorganisation unmöglich oder staatliche Ordnung zwangsläufig notwendig wäre. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Macht dauerhaft zu begrenzen und zu verteilen. Denn wo sie sich über längere Zeit konzentriert, entsteht am Ende nur dieselbe Autorität in anderer Gestalt – ob nun der Staat oder eine „Shelby-Familie“:
You’re one microscopic cog in his catastrophic plan
Designed and directed by his red right hand
Hören Sie hier Nick Caves „ Red Right Hand (Immortal)“
Und hier das ebenso großartige Original von Nick Cave and The Bad Seeds.



