ÖRR: Angebot statt Zwangsabgabe

Ein Sonntagsritual vor 60 Jahren: vormittags, 11:45 saß ich mit Zettel und Bleistift vorm Fernseher und notierte das ARD-Fernsehprogramm der folgenden Woche. Wir hatten ein Gerät mit schwarz-weißem Bildschirm, es war nicht UHF-tauglich, die Antenne unterm Dach versteckt, denn der Empfang westlicher Sender war im SED-Staat unerwünscht. Bisweilen erschien ein Agit-Prop-Kommando der FDJ oder sonstiger Kämpfer gegen den Klassenfeind, um Antennen aufzuspüren, abzuklemmen, den Besitzer streng zu verwarnen – das war lästig, aber erfolglos.

Das Sonntagsritual ersetzte die Programmzeitschrift, es gehörte zu meiner Kindheit, weil wir nichts verpassen wollten. Denn auf dem Pausenhof waren West-Radio und -TV des Vorabends Thema – außer bei jenen, deren Eltern sich an sozialistische Regeln und Gebote hielten (wenigstens nach außen hin). 

Heute verpasse ich fast alle Programme öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten (ÖRR) so wie damals die der DDR-Staatssender. Die DDR schied vor 30 Jahren an schwindsüchtiger Planwirtschaft, Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bei stetig wuchernder Bürokratie und einer trotz beharrlicher Mühen von Agit-Prop-Aktivisten nicht abzustellenden Unlust des Volkes dahin.

Herrlichen Zeiten entgegen?

Die Agit-Prop-Aktivisten – viele mit Hoch- oder Fachschulabschlüssen – waren eine Zeit lang nicht gefragt. Das Erziehungsziel, den „Neuen Menschen“ von der Krippe bis zur Bahre ans Kollektiv zu binden und ihm die unkontrollierte Identität abzugewöhnen, gab es im vereinigten Deutschland aber immer noch, denn dort waren die Aktivisten der marxistisch-leninistischen oder maoistischen Linken ebenso wie die Grünen seit den 70er Jahren im Westen erfolgreich durch die Institutionen marschiert und im Staatsdienst so stark vertreten wie in den Medien.

Es dauerte bis heute und führt – wenn auch demographisch bedingt seltener – zu Konflikten, wenn jeweils in Ost oder West begonnene Karrieren aufeinandertreffen. Das geschah auch bei den ÖRR, als etwa Mitarbeiter des RIAS-Berlin mit denen aus der Nalepastraße zusammentrafen, für die der RIAS als ideologischer Hauptfeind galt. Ein paar Stasi-IM mussten ihre Plätze räumen, aber mittlerweile stiegen einstige SED-Kader in Spitzenpositionen von Staat und ÖRR auf und dürfen sich über satte Pensionen freuen – so wuchs zusammen, was für ein gemeinsames Erziehungsziel zusammengehört: Menschen, die dem Staat dankbar sind für das beste Deutschland aller Zeiten.   

Und trotzdem werden Rufe nach einer Reform der ÖRR immer lauter. Das kann nicht nur an alten Nörglern wie mir liegen, die sich noch sehr gut an Unterschiede zwischen Staatsrundfunk Ost und vom Geist des Grundgesetzes inspirierten Medienleuten West erinnern. Der Schweizer Olivier Kessler hat kürzlich beim „Sandwirt“ einige notwendige Schritte beschrieben, um milliardenschwere Medienriesen auf ihren grundgesetzlichen Auftrag zurückzuführen:

„Sie müssten sich lediglich auf anständige Weise finanzieren: Nämlich, indem sie die Gunst der Kunden gewinnen und diese davon überzeugen, ihre Produkte freiwillig zu beziehen. So, wie das jeder andere private Betrieb auch macht.“

Autoren, Parteisoldaten und die Bürokratie 

Wer die in 70 Jahren gewachsenen Abhängigkeiten, personellen Verflechtungen, die materiell und in Rangordnungen verfestigte Korruption zwischen Sendern, Parteien, Korporationen aller Art – in den vergangenen drei Jahrzehnten kamen Geldmaschinen des Typs „NGO“ hinzu – kennt, hat keine Illusionen darüber, dass weder Reformwille noch Reformfähigkeit bei den beteiligten Nutznießern zu erwarten sind. Parteien und Wahlgesetze müssten sich erst insofern ändern, dass Parlamente politische Unabhängigkeit und Staatsferne von Programmen zur gesetzlichen Pflicht öffentlich-rechtlicher Medien erhöben. Daran wären sie zu binden; ihre Nutzer müssten Rechte und Möglichkeiten kritischer Prüfung haben – und selbst entscheiden können, wen oder was sie finanzieren wollen.

Ob ich das noch erlebe, weiß ich nicht. Bertolt Brecht hatte schon vor neunzig Jahren die Idee eines „Rückkanals“ beim Rundfunk: Kommunikation statt Distribution. Die technischen Voraussetzungen dafür sind mit dem Internet gegeben – aber was Brecht nicht sehen konnte: Dort, wo das Erziehungsziel des „Neuen Menschen“ Programm bleibt, kommt nichts als Zensur heraus, denn die Frage nach Macht gibt den Ausschlag über Finanzierung, Inhalte, Personal, Technik, Methoden der Kommunikation. 

Was ist wichtig, was nur laut?

Die Rückkopplungen der „Social Media“ haben bislang wenig mehr gebracht als das Bemühen, die Aufmerksamkeit zu dominieren; der „Alte Mensch“ mit seinen Impulsen giert nach Quote, Followern, Klicks, „Likes“ wie die Macher der alten Medien und führt Stellvertreterkriege auf denselben Schlachtfeldern wie Politiker, die sich natürlich nicht enthalten mitzumischen und dafür Heere von willigen Söldnern rekrutieren.

Was Kessler anhand der Schweizer Situation erläutert und vorschlägt, gilt weitgehend auch in Deutschland: Statt eines pauschalen Zwangsbeitrages auf gesichtslose „Haushalte“ und dem Bemühen, damit nur ja sämtliche Themenfelder von Information, Bildung, Unterhaltung in einer „Grundversorgung“ abzudecken, sollten Abonnements, Pay per View, meinetwegen auch Patenschaften oder Spenden allen die Möglichkeit geben, ihre individuelle Auswahl im Angebot der ÖRR zu treffen. 

Die Archive nicht zuletzt bergen Schätze, die es verdient haben so erschlossen zu werden, wie’s moderne Algorithmen erlauben. Die angebotsorientierte Form der Vermarktung böte obendrein Stoff genug für eine Medienforschung ganz anderen Zuschnitts als bisherige Quotenmessung.

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