Warum man Wirtschaft empirisch nicht begreifen kann
Die Frage der wissenschaftlichen Methode der Ökonomik ist heute noch so relevant wie im 19. Jahrhundert, denn gehörten die Sozialwissenschaften zu den empirischen Wissenschaften, dann könnten aus ihnen keine verlässlichen Gesetzmäßigkeiten gewonnen werden, wie bereits Carl Menger schrieb. Der Grund hierfür ist, dass es bei den Sozialwissenschaften – im Gegensatz zu den klassischen Naturwissenschaften – um komplexe historische (nicht wiederholbare) Phänomene geht.
Nun wiederholt Blinkmann in seiner Entgegnung auf meinen Beitrag „Warum Ökonomik eine A-priori-Wissenschaft ist“ zahlreiche Behauptungen seines ursprünglichen Beitrags. Wegen der Wichtigkeit der Frage nach der wissenschaftlichen Methode und weil in Blinkmanns Entgegnung neue Behauptungen auftauchen, möchte ich im Folgenden nochmals auf seine Argumentation eingehen.
Methodenstreit
Wenn Blinkmann meint, ich würde mit dem Bezug zum Methodenstreit seine Kritik in ein bekanntes Schema einordnen wollen und er stehe „auf der Seite von Carl Menger“, liegt er doppelt falsch. Blinkmanns Argumente betreffen genau den Methodenstreit, den Menger in seiner Schrift „Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften“ bereits 1883 geführt hat. Und Blinkmann bringt nicht nur nichts grundsätzlich Neues, er liegt auch falsch, was Menger angeht.
Menger schrieb:
„Es ist unter den Volkswirthen vielfach die Meinung verbreitet, dass die empirischen Gesetze, ‚weil auf Erfahrung beruhend‘, höhere Bürgschaften der Wahrheit bieten, als die, wie angenommen wird, doch nur auf dem Wege der Deduction aus apriorischen Axiomen gewonnenen Ergebnisse der exacten Forschung […].“
Diese Anschauung bezeichnet Menger als „Irrthum“.
Menger weiter:
„Die Prüfung der exacten Theorie der Volkswirthschaft an der vollen Empirie ist ein methodischer Widersinn, eine Verkennung der Grundlagen und Voraussetzungen der exacten Forschung, zugleich aber auch eine solche der besonderen Zwecke, welchen die exacten Wissenschaften dienen.[…] Ein empirisches Gesetz entbehrt von vornherein, d.i. schon seinen methodischen Voraussetzungen nach, der Bürgschaften ausnahmsloser Geltung […].“
Zwischen Mises und Menger passt hier also kein Blatt Papier.
„Bewusstes“ Handeln
Blinkmann meint zudem, ich hätte auf seinen Hinweis behauptet, dass Mises’ Handlungsbegriff auch unbewusstes Handeln umfasse, obwohl Mises menschliches Handeln als bewusstes Verhalten definiert habe. Ich würde, so Blinkmann, den Begriff einfach umdefinieren. Das ist falsch, denn die Definition, wonach „bewusst“ im praxeologischen Sinne nichts mit „bewusst“ im heute geläufigen psychologischen Sinne zu tun hat, sondern nur zur Abgrenzung von reflexartigem Verhalten oder dergleichen dient, stammt von Mises selbst – das ist nicht meine Erfindung. Da Blinkmann übersehen hat, dass Mises selbst den Begriff „bewusst“ ganz anders verwendet, als er ihn verstanden hat, verliert seine Kritik bereits hier ihren Boden.
Mises schrieb in „Human Action“:
„Der Begriff ‚unbewusst‘, wie er in der Praxeologie verwendet wird, und die Begriffe ‚unterbewusst‘ oder ‚unbewusst‘, wie sie in der Psychoanalyse verwendet werden, gehören zu zwei verschiedenen Denk- und Wissenschaftsmethoden.“
Mises meint mit unbewusstem Verhalten: „Reflexe und unwillkürliche Antworten der Körperzellen und Nerven auf Reize“.
Mises schreibt, dass es aus praxeologischer Sicht gleichgültig sei, ob eine Handlung im psychologischen Sinne unbewusst erfolgt, also ob etwa Erinnerungen und unterdrückte Begierden aus unterbewussten Regionen den Willen dirigieren.
Wie kann Blinkmann dies übersehen haben und mir die Definition in die Schuhe schieben wollen? Dasselbe hätte er auch bei Murray N. Rothbard finden können. Ich danke für die Blumen, aber ich war es nicht.
Analytische Aussagen
Blinkmann behauptet, es reiche nicht aus, die praxeologischen Begriffe so zu definieren, dass logische Widerspruchsfreiheit hergestellt werde. Die Sätze der Praxeologie würden dadurch zu analytischen Sätzen wie „Alle Junggesellen sind unverheiratet“ und brächten keinen Erkenntnisgewinn. Es fehle an der „empirischen Relevanz“.
Die Kritik Blinkmanns ist nicht neu, sondern geht auf die „logischen Positivisten“ zurück und betraf im Wesentlichen die Geometrie nach der Entdeckung der nicht-euklidischen Geometrie. Mises entgegnete in „Letztbegründung der Ökonomik“, dass die Kritik „Alle apriorischen Sätze sind bloß analytisch“ selbst ein synthetischer apriorischer Satz sei. Denn die Aussage, dass alle apriorischen Sätze bloß analytisch seien, lässt sich niemals durch Erfahrungstatsachen – also empirisch – beweisen oder widerlegen. Die Aussage ist also ein performativer Widerspruch, weil mit einem synthetischen apriorischen Satz („Alle apriorischen Sätze sind bloß analytisch“) behauptet wird, es gäbe keine synthetischen apriorischen Sätze.
Mises meinte, die gesamte Kontroverse sei jedoch bedeutungslos, wenn man sich auf die Praxeologie beziehe. „[…] Praxeologie ist nicht Geometrie“, so Mises. „Der Ansatzpunkt der Praxeologie ist eine selbst-evidente Wahrheit, die Erkenntnis des Handelns […], dass es ein bewusstes Verfolgen von Zielen gibt. Es ist sinnlos, diese Worte zu bekritteln, indem man sich auf philosophische Probleme bezieht, die mit unserem Problem nichts zu tun haben.“
Wenn Blinkmann in seiner Entgegnung die Praxeologie mit der Geometrie vergleicht, vergleicht er also Äpfel mit Birnen.
Mises selbst hielt die Frage, ob die Urteile der Praxeologie als analytisch oder synthetisch bezeichnet werden sollen oder ihr Verfahren als „bloß“ tautologisch für „nur von sprachlichem Interesse“.
Antony P. Mueller erklärte den Erkenntnisgewinn der Praxeologie mit einer Analogie zur Mathematik: „Wie mathematische Sätze entfaltet auch die Praxeologie Implikationen (= logische Folgerungen), die im Begriff bereits enthalten sind, aber erst durch systematische Analyse sichtbar werden. Erkenntnis entsteht hier nicht durch empirische Entdeckung, sondern durch logische Explikation (= detaillierte Ausformulierung).“

Empirische Relevanz
Die Praxeologie ist nicht nur „empirisch relevant“ – sie ist die notwendige Voraussetzung dafür, menschliches Handeln überhaupt zu begreifen und konkrete Handlungen verstehen zu können. Es ist nicht etwa so, dass die Praxeologie auf die empirische Psychologie angewiesen wäre, sondern umgekehrt können die Psychologie ebenso wie die Verhaltensbiologie nicht auskommen ohne die praxeologischen Kategorien von zweckgerichtetem Verhalten (Finalität), Erfolg und Misserfolg, Ursache und Wirkung (Kausalität), subjektive Präferenzen (Vorziehen), Zeit (früher und später), Nutzen, Kosten und Knappheit.
Mises schrieb in „Human Action“:
„Indem wir den apriorischen Charakter der Praxeologie behaupten, entwerfen wir keinen Plan für eine zukünftige neue Wissenschaft, die sich von den traditionellen Wissenschaften vom menschlichen Handeln unterscheidet. Wir behaupten nicht, dass die theoretische Wissenschaft vom menschlichen Handeln apriorisch sein sollte, sondern dass sie es ist und immer gewesen ist. Jeder Versuch, über die Probleme nachzudenken, die durch menschliches Handeln aufgeworfen werden, ist notwendigerweise an aprioristisches Denken gebunden.“
Empirische Überprüfbarkeit
Wenn Blinkmann schreibt, die Handlungsstruktur müsse empirisch überprüft werden, fordert er Unmögliches. Ludwig von Mises schrieb in „Human Action“:
„Wenn wir die Kategorien nicht bereits in unserem Bewusstsein hätten, die das praxeologische Denken bereitstellt, wären wir niemals in der Lage, irgendeine Handlung zu erkennen und zu begreifen. Wir würden Bewegungen wahrnehmen, aber weder Kaufen noch Verkaufen […].
Die Erfahrung betreffend das menschliche Handeln unterscheidet sich von der Erfahrung betreffend natürliche Phänomene dadurch, dass sie praxeologisches Wissen erfordert und voraussetzt.“
Zeitpräferenz
Wenn Blinkmann meint, die Zeitpräferenz gelte beim Menschen nicht unbeschränkt, irrt er sich, denn die praxeologische Zeitpräferenz ist ebenso apriorisch wie alle anderen praxeologischen Kategorien (und ebenso die Sätze der Mathematik und der Logik).
Blinkmanns Beispiel des zeitlich auseinanderfallenden Tausches, wo das Nehmen erst ein Jahr später mit einem Geben erwidert wird, steht in keinem Widerspruch zur Zeitpräferenz, die denknotwendig immer positiv sein muss. Denn die praxeologische Zeitpräferenz bedeutet, dass eine kürzere unerwünschte Wartezeit denknotwendig einer längeren vorgezogen wird. Sie hat nichts mit der psychologischen Zeitpräferenz zu tun, dass man beispielsweise Kleinkindern eine „höhere Zeitpräferenz“ zuschreibt, weil es ihnen generell schwerer fällt, etwas abzuwarten.
Wenn es Brauch ist, eine Gabe erst nach einem längeren Zeitraum mit einer Gegengabe zu erwidern, weil die unmittelbare Gegengabe als ehrverletzend – weil Egoismus unterstellend – eingeordnet würde, dann widerlegt dies keinesfalls die Zeitpräferenz, sondern die Wartezeit ist schlicht gewünscht und nicht unerwünscht. Die unerwünschte Wartezeit beginnt erst dann, wenn der Handelnde sich eine Befriedigung von einem Mittel erwartet. Wenn die Heizung im Sommer nicht repariert werden kann, weil der Handwerker erst im Herbst (zu Beginn der Heizperiode) einen Termin frei hat, stört es einen nicht, wenn man im Sommer nicht heizen will.
Zu den Behauptungen Blinkmanns hinsichtlich der Neurowissenschaften, des unbedingten Willens und des zweckgerichteten Verhaltens von Tieren habe ich bereits in meiner Replik ausgeführt und spare mir hier die Wiederholung meiner Argumente.
Fazit
Blinkmanns Kritik ist also weder neu noch originell. Sie wiederholt im Wesentlichen dieselben Argumente, die bereits Menger, Mises und Rothbard gründlich behandelt und zurückgewiesen haben.



